Zeitgenössische Auktionen von Phillips, Christie’s und Sotheby’s in New York

Zeitgenössischer Sprengsatz

Henrike von Spesshardt
11. November 2011

Nur ein paar Tage ist es her, da spürte man bei den internationalen Auktionshäuser ein gewisses Bangen um ihr Herbstgeschäft. Zu bestürzend war der Auftakt der Versteigerungen mit Christie’s „Impressionist and Modern Art Sale“ in New York am 1. November verlaufen (artnet Bericht), bei der rund ein Drittel der angebotenen Spitzenwerke keine Käufer fand. Zu hohe Schätzpreise oder Eurokrise? Immer noch spekuliert man über die Gründe für die Schlappe, zumal die nachfolgenden, thematisch identischen Auktionen beim Konkurrenten Sotheby’s wesentlich besser anliefen. Spätestens seit Mitte dieser Woche darf man sich bei den Giganten der Auktionsbranche jedoch wieder zurücklehnen und entspannen: Ergebnisse wie die der ebenfalls in New York abgehaltenen, zeitgenössischen Auktionen hat es schon seit drei Jahren nicht mehr gegeben.

Phillips de Pury & Company - 7. November

Den Auftakt der Woche der starken Zeitgenossen bildete die Auktion am 7. November bei Phillips de Pury & Company. Das Unternehmen gehört mit einem Ergebnis von rund 71,3 Millionen US-Dollar bei 37 von 44 versteigerten Losen und damit 84 Prozent Erfolgsquote längst zu den Großen der Branche, auch wenn Beobachter der Auktion skeptisch bleiben: „Für eine große Anzahl der Lose schien sich nur jeweils ein einziger Bieter zu interessieren, merkwürdigerweise immer unsichtbar für das Publikum, bei einem Mitarbeiter von Phillips am Telefon. Ein Zeichen für eventuell vorab geschlossene Verkaufsgarantien?“ , so Rachel Corbett, die für artnet die Auktionen in New York beobachtete und in den Vorgängen eine Verschleierung ganz gewöhnlicher Nichtverkäufe wittert. Cy Twomblys nicht betiteltes Gemälde mit roten Loopings von 2006 ging für das am Abend höchste Ergebnis von rund 9 Millionen US-Dollar an einen von Michael McGinniss betreuten Telefonbieter und blieb damit im Rahmen seiner Schätzung. Der weltweite Zeitgenossenchef bei Phillips hatte auch den Bieter am Apparat, der kurze Zeit darauf dazu bereit war, für Andy Warhols Nine Gold Marilyns von 1980 rund 7,9 Millionen US-Dollar auf den Tisch zu legen, bei leichter Steigerung der dafür zuvor veranschlagten 7 Millionen US-Dollar. Maurizio Cattelan, der soeben seinen Rücktritt als Künstler groß im New Yorker Guggenheim zelebriert, war mit seiner Arbeit Frank and Jamie in Dreierauflage von 2002 vertreten, die ebenfalls an einen Bieter am Telefon für 2,3 Millionen US-Dollar versteigert werden konnte. Mehrmals schon ist man Cattelans auf dem Kopf stehenden Polizisten in Auktionen begegnet, zuletzt waren sie vor einem Jahr für 1,6 Millionen US-Dollar versteigert worden.

Zum ausführlichen Bericht von Rachel Corbett

Christie’s – 8. November

Auktionator Christopher Burge, vor wenigen Tagen noch verzweifelt auf der Suche nach Bietern für das exquisite Angebot der Impressionisten und Modernen bei Christie’s, dürfte nach den Auktionen zeitgenössischer Kunst mehr als aufgeatmet haben: 91 Lose hatte er am 8. November an den Bieter zu bringen. 82 verkauften sich schließlich, ein Ergebnis von 90 Prozent, bei einem Gesamtergebnis von 247,6 Millionen US-Dollar, an dem Leonardo di Caprio – für manchen Beobachter stummes Highlight der Auktion – nicht beteiligt gewesen sein dürfte: Er verließ den Saal filmreif nach der Hälfte der Aufrufe, ohne auch nur einmal die Hand gehoben zu haben. Den wahren Höhepunkt der Veranstaltung bildete aber Roy Lichtensteins I Can See the Whole Room! … and There’s Nobody in It!, die Darstellung eines durch ein Guckloch blickenden Mannes von 1961. 1988 bereits schon einmal im Angebot eines Auktionshauses, hatte das Gemälde damals 2 Millionen US-Dollar eingebracht. Nichts gegen das dieswöchige Ergebnis: Bei einem Einstieg von 27 Millionen US-Dollar konnte das Bild nach Bietgefechten im Saal und am Telefon für 38,5 Millionen US-Dollar, oder 43 Millionen US-Dollar plus Aufgelder, an den im Saal anwesenden Kunsthändler Guy Bennett abgegeben werden. Ein Rekord für Werke des Künstler, dessen Gemälde Ohhh... Alright… im vergangenen Jahr bei Christie’s 42,6 Millionen US-Dollar einbrachte. Weitere Auktionsrekorde wurden für Werke von Louise Bourgeois, Eileen Gray, Vija Celmins und Andreas Gursky erzielt.

Zum ausführlichen Bericht von Walter Robinson, Chefredakteur des artnet Magazine New York

Sotheby’s – 10. November

Größer hätte der Kulturunterschied kaum sein können: Grund zu Freude bei Sotheby’s, dem terminlich letzten Anbieter im Reigen der zeitgenössischen Herbstauktionen, weniger allerdings bei denen, die vor den Auktionssälen im Rahmen den Occupy New York Demonstrationen protestierten.

315,8 Millionen US-Dollar setzte das Haus um, bei einer Quote von fast 85 Prozent und 62 von 73 versteigerten Losen. Man schließt hier an ehemalige Glanzzeiten an: Ein ähnlich hohes Ergebnis war Sotheby’s zuletzt im Mai 2008 vergönnt, kurz vor dem Crash der Börsen im darauffolgenden Herbst. Nun also boomt der Markt offenbar wieder – ein letztes Aufbäumen? Sotheby‘s Vorzeigeauktionator Tobias Meyer nutzte jedenfalls die Gunst der Stunde, um von der Stadt Denver eingelieferte Gemälde Clifford Stills zu Hochpreisen an die Bieter zu bringen. Mit den erlösten 114 Millionen US-Dollar will die Stadt den Unterhalt des neuen Clifford-Still-Museums sichern, das fortan ohne vier Hauptwerke des Meisters auskommen muss. 1949_A-No.1, ein dunkeltonig-abstraktes Gemälde Stills, ging nach einem erbitterten Kampf des New Yorker Händlers Christopher Eykyn mit Lisa Dennison, Sotheby’s Chairman für Amerika, an ebendiese und einen nicht genannten Telefonbieter. 55 Millionen US-Dollar, rund 62 Millionen US-Dollar mit Aufgeldern, bedeuten einen neuen Auktionsrekord für den Künstler. Bietgefechte sollten sich in der Folge auch die Händler David Zwirner und Larry Gagosian um ein Werk Cady Nolands liefern. Alleine acht Arbeiten von Gerhard Richter führte das Haus im Angebot – dessen Kerzenbild in London gerade einen Rekord von knapp 12 Millionen Euro verzeichnete. Solche Zahlen stehen für einen neuen Zenit am zeitgenössischen Auktionsmarkt, der allerdings noch nicht klar zu deuten ist.

Zum ausführlichen Bericht von Walter Robinson, Chefredakteur von artnet New York


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