3. Januar 2012
Die Kreuzberger Kultgalerie Laura Mars Grp. feiert ihr zehnjähriges Bestehen mit internationalen Künstlern wie der Amerikanerin Bettina Allamoda (Jg. 1964), Vitek Marcinkiewicz (Jg. 1957) aus Litauen, dem Schweizer Daniel Pflumm (Jg. 1968), Daniela Comani (Jg. 1965) aus Italien und bekannten deutschen Künstlern wie Marc Brandenburg (Jg. 1965), Chris Dreier (Jg. 1961) und Lisa Endriss (Jg. 1947).
Galeristin Gundula Schmitz ist ebenso eigenwillig wie anspruchsvoll. Ihr Credo „Ich bin offen für alles“, ist bei ihr Programm, und sie versprüht es lächelnd gegen jede verkrampfte Intellektualität. Angezogen von der Punkmusikszene, kam sie in den Achtzigerjahren nach Berlin. Nach dem Studium der Kunstgeschichte und Druckereitechnik an der damaligen Hochschule der Künste betrieb sie von 1991 bis 1996 das Musiklabel „Die Eigene Gesellschaft“ und gründete 2001 mit Mario Mentrup den Buchverlag Maas Media. Diese Verbindungen zu Musik und Druck bilden den authentischen Background ihres Erfolgs: Auf das Risiko hin, nur einer kleinen Gemeinde an Spezialisten bekannt zu bleiben, verlegt sie bis heute auch die psychoakustische Popmusik der Band Pasadena-Projekt mit Nikolaus Woernle und Mario Mentrup.
Livemitschnitt von „Schleusen“ bei Laura Mars Grp., 2009
Konzert für 6 Signalgeneratoren, Komposition: Ursula Bogner
Wie viel Gespür die Galeristin für das Besondere hat, bewies Gundula Schmitz bereits 2009, als sie gegen jede Vorstellung von Verkäuflichkeit die Partituren der damals völlig unbekannten Künstlerin Ursula Bogner (1946-1994) ausstellte. Mittlerweile wird sie als die Urmutter der sphärischen Synthesizer-Musik gefeiert, die übrigens Anhängerin der sogenannten Orgonomie war: Einer Wissenschaft zur Erforschung von Energieformen des Orgasmus und Organismen, die der Sexualforscher und Psychoanalytiker Wilhelm Reich entwickelt hat. Im Garten ihres piefigen Einfamilienhauses baute sie dann auch einen Orgonakkumulator, eine Art Kiste aus Holz und Metall, mit dessen Hilfe sie Lebensenergie auffangen wollte. Zur Ausstellung der Zeichnungen gab Schmitz auch einen Katalog, CD und Vinyl-Platte heraus – wieder mit vollem Risiko.
artnet: Frau Schmitz, wie sind Sie zur Kunst gekommen?
Gundula Schmitz: Ich bin mit Kunst aufgewachsen. Unser Haus war vollgehängt mit Kunstwerken der 1950er bis 1980er-Jahre. Mein Vater war Apotheker und leidenschaftlicher Sammler. Er kaufte zum Großteil auf dem deutschen Markt Kunst ein, brachte Bilder von seinen Überseereisen mit und verkaufte auch wieder, darunter Arbeiten von Gerhard Richter, Ferdinand Kriwet, Alfred Jensen und Ronald B. Kitaj. Mit ihm war ich dann auch öfter auf der documenta in Kassel oder auf Messen in Basel, Köln und Frankfurt.
Wollten Sie deshalb auch Galeristin werden?
Im Berlin der Achtziger und Neunziger hatte ich viel Kontakt mit Künstlern, besuchte unentwegt Ausstellungen in Galerien. So hat sich die Idee entwickelt, selbst Galeristin zu werden. Da gab es keinen Plan.
Wie empfinden Sie die Situation der Galerien heute? Ist sie anders als damals?
Für viele Galerien hat sich die Situation bestimmt verändert, vielleicht weil sie sich finanziell übernommen haben oder zu viel auf einmal wollten. Oder weil sie zu groß geworden sind und jetzt im Zuge der Krise den Apparat nicht mehr tragen können. Aber das gibt es ja in jeder Branche.
Sie haben damals noch gegen den Mainstream Ihre Galerie in Kreuzberg eröffnet. Wieso?
Ich habe das eigentlich nicht so gesehen. Man macht ja nicht bewusst eine Galerie auf, um „gegen den Mainstream“ zu arbeiten. Das ist dann eher die Sicht von außen. Die Ortswahl Kreuzberg war eine ganz pragmatische. Ich wohne hier schon lange. Die Räume in der Sorauer Strasse waren eher ein Zufallsfund und lagen sozusagen um die Ecke. Und bis jetzt habe ich es nicht bereut, an diesem Standort zu sein – im Gegenteil: Es war eher für die Außenwahrnehmung förderlich, dass ich abseits der Galeriezentren angesiedelt bin.
Mit welchen Künstlern haben Sie angefangen?
Die ersten Ausstellungen waren mit Bettina Allamoda, Marc Brandenburg, Daniel Pflumm, die ich noch aus der Zeit Anfang der 1990er-Jahre kenne, als ich im Kumpelnest 3000 gearbeitet habe. Nach und nach kamen dann weitere Künstler hinzu, oftmals Empfehlungen von Künstlern und Kuratoren. Mit einigen arbeite ich seit vielen Jahren zusammen, wie Andreas Seltzer, Tina Born, Rainer Kamlah, Undine Goldberg, Vitek Marcinkiewicz, Dirk Krecker und viele mehr.
Hat sich die Ausrichtung der Galerie im Laufe der Zeit verändert oder haben Sie einen speziellen Fokus?
Der Fokus lag anfangs auf dem Medium Zeichnung. Aber das Programm wurde schnell erweitert durch Fotografen wie Chris Dreier, Thomas Hauser und Stephanie Kloss sowie durch Malerei von Lisa Endriss und Henrik Hold. Dadurch dass die Künstler sich mit verschiedenen Medien beschäftigen, hat sich das Programm erweitert auf raumbezogene Arbeiten und Skulptur.
Haben Sie über ein Profil der Galerie vorher nachgedacht oder hat es sich so ergeben?
Natürlich entsteht durch den eigenen Geschmack ein Profil, eine Handschrift, eine Marke. Ich sehe Laura Mars mittlerweile als Marke und spinne diesen Gedanken gerade weiter. Was die Arbeiten der Künstler meiner Galerie eint, ist die intensive Akribie, mit der ihre Werke entstehen.
An wem haben Sie sich orientiert?
Ich habe keine konkreten Vorbilder. Natürlich lässt man sich beeinflussen durch Ausstellungen in Galerien und Museen und ich hinterfrage, warum manche Präsentationsformen mich anziehen und andere wiederum abstoßen. Davon lasse ich mich gerne beeinflussen.
Sie haben einen Shop mit Editionen, Büchern und Musik. Es scheint, dass interdisziplinäre Arbeiten ist ein wichtiger Bestandteil der Galerie?
Ja, mir ist eine interdisziplinäre Arbeitsweise immer sehr wichtig gewesen. Ausstellungen ergänze ich gerne mit Vorträgen, Konzerten und Performances. Seit 2001 betreibe ich auch als Verlegerin zusammen mit Mario Mentrup den Maas Media Verlag. Hier publizieren wir Kataloge, beispielsweise für den Berliner Künstler DAG. Er war sehr aktiv in der Clubkultur in den neunziger Jahren. Seine Arbeiten sind davon geprägt, und gleichzeitig erinnern seine Bilder an Konkrete Kunst und Minimalismus. Auch die Künstlerin Chris Dreier arbeitet in mehreren Disziplinen. Eine Zeit lang wirkte sie mit bei der Band Die Tödliche Doris. Auch von Thomas Hauser und Andreas Seltzer haben wir Kataloge verlegt. Zudem medienwissenschaftliche Abhandlungen wie „Helikopter Hysterie“ vom Medienkritiker und Radiomoderator bei Reboot.fm Heinrich Dubel, das „Feinmotorik Kompendium“ von Marc Matter, die „Toponymischen Hefte“ von Cordula Daus als auch Musikprojekte wie das von Ursula Bogner in Zusammenarbeit mit dem Musiker Jan Jelinek. Die Editionen sind von den Künstlern der Galerie eigens produziert.
Spüren Sie die Konkurrenz heute mehr als früher?
Nein. Ich mache mein Ding und sehe jede neue Galerie grundsätzlich erst einmal als Bereicherung an. Außerdem belebt Konkurrenz ja das Geschäft. Aber leider entstehen durch die Quantität an Ausstellungsräumen jede Menge Scheußlichkeiten, aber damit müssen wir alle leben.
Welche Strategien verfolgen Sie, um an Kunden zu kommen?
Ich habe in den letzten Jahren regelmäßig an Messen teilgenommen, in Bologna, Istanbul, Köln, Amsterdam und Berlin. Diese Veranstaltungen sind schon wichtig, und man erreicht natürlich ein Riesenpublikum.
Wie empfinden Sie die Kunstszene von Berlin im Gegensatz zu New York und London?
Unter Kunstszene verstehe ich eher die Künstler, die in Berlin leben und arbeiten. Die Berliner Kunstszene ist jedenfalls der Wahnsinn. Ein reicheres Angebot hat wohl keine andere Stadt zu bieten. Und ich hoffe, dass das auch so bleibt. Was den Kunstmarkt angeht, habe ich einige internationale Sammler, vor allem in Amerika und England.
Ist der asiatische Markt mit der ART Honkong interessant für Sie?
Ja. Darüber denke ich gerade ernsthaft nach.
„LAURA MARS GRP. 2001 - 2011“ – Laura Mars Grp., Berlin. Vom 10. bis 28. Januar 2012