Zaha Hadid bei Buchmann

Aura in vitro

Gerrit Gohlke
25. Oktober 2007
Zaha Hadid, „Silver Paintings“ Buchmann Galerie Berlin. Vom 29. September bis zum 3. November 2007.

Wahrscheinlich ist alles nur ein Aufklärungsexperiment. Hätte ein gewitzter Experimentator nachweisen wollen, dass Inhalt keine notwendige Eigenschaft handelbarer Kunstwerke ist, dann wäre vielleicht so etwas wie Zaha HadidsSilver Paintings herausgekommen. Einen hinreichend komödiantischen Konzeptkünstler etwa hätte man mit Kniefällen geehrt, wenn er den Kunstmarkt mit derart aufwändig ausgeführten Ansichten leerer Container den Spiegel vorgehalten hätte – Studien porentief reiner und undurchdringlicher Hüllen, in Glasfarbe und chinesischem Lack ausgeführt, mit UV-resistenter und vinylangereicherter Tinte ornamentiert, auf eine mit Chrom und Gelatine behandelte Polyesterhaut aufgetragen und anschließend auf Aluminiumkomposit aufgezogen. So ein Spiel mit Undurchsichtigkeit und Spiegelung in der Behandlung eines unübersehbar bedeutungslosen, in-vitro gezeugten Laborgegenstands hätte man gewiss als Endspiel-Witz der Kunstgeschichte gefeiert.

Zaha Hadids auftrumpfenden neuen Werken, die all diese Eigenschaften besitzen, leider aber nicht witzig sind, muss man also nicht etwa ihre vollständige Ermangelung erkennbarer Inhalte übel nehmen. So lange es Leere gibt, mag mancher sich wohl nach leeren Bildern baukünstlerischer Fassadendetails sehnen. Zu monieren ist auch nicht der prätentiöse Ernst der hier offenbarten gedanklichen Neutralität. Gute Kaufleute haben ein Recht auf Humorlosigkeit. Beklagenswert erscheint vielmehr, dass dem Kunstmarkt die Werkzeuge abhanden gekommen sind, zwischen Schleiflackdosen und Kunstwerken zu unterscheiden. Als Duchamp noch lebte, wusste man wenigstens noch, dass die Verwandlung von Nichtkunst in Kunst ein durch Signaturen und theoretische Zauberei zu untermauernder Aneignungsprozess ist. Zaha Hadids als Gemälde deklarierte, zwei Meter breite Illustrationen sind indes nicht die Ergebnisse einer reflektierten Nichtkunstaneignung. Sie sind Kunst allein und ausschließlich deshalb, weil ihr Markenlabel museal etabliert und deshalb am Kunstmarkt zugelassen ist. Das Warenzeichen Hadid macht aus Präsentationsfolien Kunst. Kunst beschreibt dabei nicht länger eine Reflexions- und Mitteilungsqualität, sondern eine Vertriebsaussicht.

Niemand weiß, warum die Berliner Galerie Buchmann Hadids metallisch-monotone Waben, polierte Monumentschmeicheleien, schimmernde Prismen und pathetische Formwanderdünen ausgerechnet mit dem Adjektiv „sinnlich“ bewirbt. Eine unsinnlichere Bildsprache hat man nicht mehr gesehen, seit damals die Stubenhocker der IT-Industrie die Fraktalgeometrie für sich entdeckt hatten und plötzlich die inspirationsfreie Visualisierung nackter Rechenleistung als künstlerische Schauseite des Programmcodes bewunderten, ganz so als habe das profan-alltägliche Arbeitsgerät, der heimische Personalcomputer, wunderbarerweise ein hochgradig erhabenes Naturprodukt generiert. Schon damals wusste jeder Wissenschaftler, dass Modelle nicht mit der Natur zu verwechseln und Simulationen keine Wahrheiten sind. Schon in den Fachgesprächen der Forscher war klar, dass am Computer errechnete Visualisierungen vereinfachende Werkzeuge und keine Panoramaansichten des Naturschönen oder anderer schwer auffindbarer Wahrheiten sind.

Erinnert man sich dieser sprachverwirrten Konflikte zwischen naivem und reflektiertem Bildbegriff, erscheint es wie eine Unternehmung zur Belustigung der gebildeten Stände, wenn in Buchmanns Ausstellungsräumen in der Berliner Charlottenstraße nun eine Art Musterbuch des Naiven an der Wand ausgebreitet wird. Die Naivität ist dabei keineswegs eine Eigenschaft der Architektur Hadids. Naiv ist die Vorstellung, rechnergestützte Planungsskizzen, simulierte Schnappschüsse entstehender oder bereits vollendeter Gebäude, virtuelle Oberflächenproben würden zu Kunst, sobald man sie den Routineabläufen der Gestaltungsabläufe in einem Architekturbüro entnimmt und durch Rahmungen zum Stillstand bringt.

Vergleichbar dem alten Missverständnis, mit dem Künstler zuweilen wissenschaftliche Forschungsvisualisierungen ihrer puren Schönheit wegen an den Wänden aufhängen, ohne Bedeutung und Status wissenschaftlicher und künstlerischer Bilder zu unterscheiden, unterschätzen Hadid und ihr Galerist den Mindestreflexionsbedarf erkenntnisstiftender Kunst. Bloße Materialentnahmen aus dem architektonischen Produktionsprozess sind ebenso wie Kopien hübscher Fraktale keine Kunst. Kunst wäre die Anreicherung solcher Bilder, nicht der Akt, sie an einer Wand zu befestigen. Seit Jahren schon bereitet Hadid ihre Planungen durch experimentelle Skizzen vor, die sie in einem sprachlichen Missverständnis Gemälde nennt, weil sie nicht am Reißbrett vollzogen werden. Seit Jahren mag das ihren Projekten nützlich sein, sofern man nicht unterstellt, dass sich mit Hilfe rationalerer Entwicklungsverfahren das naturbesessene Pathos ihrer Formsprache mildern ließe. Kunst aber ist das so wenig wie ein Fraktalbildschirmschoner. Kunst würde aus diesen Skizzen erst dann, wenn sie wenigstens zu einem einzigen Prozent mehr über Hadids Gebäude, utopische Visionen und in Stahl und Beton gegossene Machtansprüche sagen würden, als jedes ihrer Gebäude allein bereits mit auftrumpfenden Gesten mitzuteilen weiß. Kunst ist, vielleicht nur noch in dieser Hinsicht, etwas anderes als Design und Architektur. Kunst ist ein Überschuss. Sei es an Sinn. Sei es an Aufruhr. Sei es an Leere. Hadids naive Formen aber sind Kopien ohne Mehrwert. Reine Effizienz. Das ist an den Wänden einer Galerie, man darf das ohne jeden Hochmut sagen, peinlich.


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