Yang Fudong im Stedelijk Museum, Amsterdam

Tristesse Chinoise

Anneke Bokern
18. Januar 2006
„Ich konnte die Generation nicht auswählen, in die ich hineingeboren wurde, und trotzdem muss ich lernen, mich in diese Zeit einzugewöhnen“ – besser hätte der 1971 geborene chinesische Künstler Yang Fudong die Grundstimmung seiner Werke kaum auf den Punkt bringen können. In seinen Videos und Fotografien, die das Amsterdamer Stedelijk Museum unter der Überschrift „Yang Fudong - Recent Films and Videos“ zeigt, irren junge chinesische Städter durch eine neue Welt des Konsums und der Produktion, in der sie zwar wirtschaftlich erfolgreich, aber emotional völlig von ihrer Umgebung entfremdet sind. „Don’t worry, it will be better...“ steht wie der Name eines Markenprodukts auf Fotografien von einer Gruppe schöner Yuppies, die in einem teuren Hotelzimmer herumhängen und aus dem Fenster über eine Hochhauslandschaft starren. Sie tragen Anzüge und schicke Kostüme, sehen sehr westlich hip und aufstrebend aus, wissen aber offenbar nichts mit sich anzufangen. Wie Fudong in einem Interview erklärte, sollen sie den Wunsch nach einem Lebensstil versinnbildlichen, „den wir alle haben wollen. Man kann sich aber fragen, ob dieser Lebensstil wirklich die Bedingungen für eine bessere Zukunft schafft.“

Fudongs Figuren sind – ebenso wie der Künstler selbst – alle alt genug, um das frühere China noch kennengelernt zu haben, und jung genug, um sich an das neue, zwischen Kommunismus und Turbokapitalismus lavierende Land anpassen zu müssen. Sie leiden an Wachstumsschmerzen, Ennui und Melancholie. Das alles verströmt viel schwüle Dekadenz, riecht nach Fin de Siècle und Lost Generation. Nicht umsonst erinnert die Ästhetik oft an das China der 1920er und 30er Jahre, als Shanghai als „Paris des Ostens“ galt.

Auch in seinen Filmen greift Fudong tief in die Nostalgiekiste und zaubert gerne Anspielungen an die Nouvelle Vague hervor, die mit Motiven aus der klassischen chinesischen Kunst gepaart werden. Zähflüssige Langsamkeit kennzeichnet seine Videos, die zum Teil eher an Tableaux Vivants im Stile Bill Violas erinnern. Dabei sind sie durchaus narrativ, kommen aber ohne Dramaturgie und meist auch ohne Dialoge aus.

Wie ihre Vorläufer in einer chinesischen Legende aus dem 3. Jahrhundert ziehen sieben junge Leute in 7 Intellectuals in Bamboo Forest - Part 2 in die Natur, um ihrer Unzufriedenheit mit der Welt zu entkommen. Die Landschaft ist – in Anlehnung an alte chinesische Gemälde – psychologisch geladen, aber die Darsteller stehen wie in vielen von Fudongs Arbeiten irgendwie neben sich, wirken deplaziert und wächsern. Was in einem kommerziellen Film als schlechtes Casting gewertet würde, verstärkt hier den Traumcharakter der Werke und verleiht ihnen einen seltsam verstörenden Nachgeschmack.

Dass dieser schnell ins Süßliche umschlagen kann, zeigt die Installation Close to the Sea. In einem Raum befinden sich acht Projektionswände, auf denen jeweils ein Musiker am Meer zu sehen ist. Gemeinsam spielen sie eine disharmonische, minimalistiscche Sonate. Auf zwei weiteren Leinwänden in der Mitte des Raums sieht man ein junges Paar auf einem Pferd am Strand entlangreiten und ein anderes Paar Schiffbruch erleiden. Bilder des Herzens nennt Yang Fudong das, und man kann nur hoffen, dass er hier bewusst mit Kitsch und Klischees spielt.

Lediglich ein Frühwerk des Künstlers bricht die melancholische Atmosphäre. Auf drei Fotografien namens The First Intellectual steht ein junger Mann in zerfetztem, blutigem Anzug mitten auf der mehrspurigen Straße in einer Stadt und holt mit einem Ziegelstein in der Hand wild aus, als wolle er ihn auf jemanden oder etwas werfen, überlegt es sich dann aber noch einmal anders. Sein Blick strotzt vor frustrierter Energie. Wofür der Wütende steht, ist anhand des Titels nicht allzu schwer zu erraten: das Dilemma des Idealismus. „Er weiß nicht, auf wen er seinen Backstein werfen soll; er weiß nicht, ob das Problem von ihm oder der Gesellschaft stammt“, erläutert der Künstler beflissen. Manchmal wünschte man sich, Yang Fudong hätte weniger einleuchtende Erklärungen für seine Arbeiten parat.

Die Ziegelsteingymnastik des Intellektuellen ist der einzige Moment der Auflehnung in Yang Fudongs Universum – und wird sogleich im Keim erstickt. Orientierungslosigkeit ist das zentrale Thema. Fudongs Charaktere wissen weder, wohin mit sich selbst noch mit ihren Aggressionen. Er zeigt eine Generation in Aspik, die der klischeehaften Vorstellung von aus dem Kommunismus erwachten, umtriebigen, fortschrittsgläubigen Jungchinesen so gar nicht entspricht.

Noch bis zum 22. Januar im Stedelijk Museum, Oosterdokskade 5, 1011 Amsterdam.


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