XXV. Biennale des Antiquaires, Paris

Revolution im Glaspalast

Stefan Kobel
16. September 2010

XXV. Biennale des Antiquaires, Grand Palais, Paris. Vom 15. bis 22. September 2010

Manchmal ist es einfach schön, einer Messe beim Niedergang zuzuschauen. Die Pariser Biennale des Antiquaires zelebriert ihren Abstieg in die Provinzialität mit Pomp. Das Grand Palais ist unbestritten der beeindruckendste Ort der Stadt für eine Leistungsschau des Kunsthandels, und auch die Standesvertreter geben sichtlich ihr Bestes, um ihre Pretiosen dem Rahmen angemessen zu präsentieren. Doch im Gebälk knirscht es gewaltig. Lange Zeit war es eine Stärke des französischen Markts, dass er sich vom internationalen Geschehen weitgehend unbeeindruckt zeigte. Paris ist eine reiche Stadt, und Kultur wird hier traditionell hochgehalten. Die Kunstökonomie gilt als stabil und ist es wohl auch. Dass die Welt da draußen sich weiter dreht, hätte man in Frankreich allerdings früher zur Kenntnis nehmen müssen. Nicht zuletzt die Querelen und die Diebstahlaffäre um die Auktionsstätte Hôtel Drouot, dessen Akteure seit Jahren konsequent am Weg in die Bedeutungslosigkeit arbeiten, machen das nur zu deutlich.

Als Hervé Aaron vor zwei Jahren den Vorsitz über den allmächtigen Händlerverband Syndicat National des Antiquaires (SNA) und damit die Federführung über das Flaggschiff Biennale des Antiquaires übernahm, war allerdings schon klar, dass unter seiner Ägide ein frischer Wind durch die angestaubten Hallen wehen würde. Äußerlicher Ausdruck des Reformwillens ist ein gestrafftes Hallenlayout mit klaren Wegen. Damit einher ging eine Verkleinerung des Teilnehmerfelds auf 75, wobei es der Spekulation überlassen bleibt, ob der Anlass hierfür tatsächlich die neuen Brandschutzvorschriften (sechs Meter Abstand zu den Wänden) sind, wie es offiziell heißt, oder ob zu viele wichtige Aussteller abgesagt haben. Tatsache ist, dass mehrere Teilnehmer der vorigen Ausgabe dieses Jahr nicht mehr dabei sind, darunter ausgerechnet einige der wenigen Auswärtigen. Wolfgang Bauer mit seiner Wiener Bel Etage ist gleich ganz weggeblieben, während die Bremer Galerie Neuse jetzt bei der Pariser Galerie Aveline zu Gast ist.

Aaron ist sich des Problems sehr wohl bewusst. „Wir wollen mehr Ausländer“, sagt er mit Bestimmtheit. „Ich hoffe, die Deutschen kommen zurück, und ich glaube, dass diese Ausgabe eine gute Empfehlung ist.“ Gleichzeitig kündigt er für die nächste Auflage eine vergrößerte Ausstellungsfläche und eine höhere Teilnehmerzahl an. Allerdings befindet er sich in einer Zwickmühle. Denn einerseits muss er dafür Sorge tragen, dass sein Aushängeschild wieder internationaler wird, andererseits hat er als Vorsitzender des ausrichtenden Kunsthandelsverbandes die vielen einheimischen Mitglieder im Nacken, die selbst auf die Biennale drängen. Dieser Druck wird sich verstärken, wenn Aaron seinen Reformplan durchsetzen kann. Und der ist für Pariser Verhältnisse revolutionär. „Der Salon des Antiquaires wird nicht stattfinden, wenn ich wiedergewählt werde und das Board des Verbandes meinen Vorstellungen folgt“, erklärt er. Der bisher alternierend mit der Biennale abgehaltene Salon ist nämlich das eigentliche Sorgenkind. Er ist sozusagen die regionale Taschenausgabe der internationalen Messe und leidet seit Jahren an einem Qualitätsproblem.

Die beste Alternative sieht Aaron in der Flucht nach vorn, indem der Salon aus dem Grand Palais auszieht, in anderer Form an anderer Stelle abgehalten und die Biennale möglicherweise auf einen jährlichen Turnus umgestellt wird. Gleichzeitig versucht sich Aaron an einer Verjüngungskur des Teilnehmerfelds. Im sogenannten Tremplin (wörtlich: Sprungbrett), einem großen dunklen Klotz, dürfen 25 junge Aussteller für den bescheidenen Obolus von 40 Euro jeweils ein Kunstwerk präsentieren. Die Absicht mag ehrbar sein, die Durchführung muss allerdings als misslungen gelten. Dicht gedrängt, völlig unsortiert und beliebig wirken die Exponate in dem stickigen Karton. Noch dazu stammen 23 der 25 Aussteller aus – Frankreich.

Mit diesem Experiment wurde nun wieder den Kritikern im Verband und unter den Ausstellern Munition geliefert, die sie nur zu gerne benutzen. Schon munkelt man, bei der nächsten Präsidentenwahl solle der gerade wegen angeblich tyrannischer Machtausübung abgewählte Christian Deydier den aktuellen Präsidenten gleich wieder ablösen. Das Chaos wäre perfekt. So taumelt die nach eigenen Angaben erste Messe für Kunst und Antiquitäten durch ein Gewirr aus lokalpolitischen Abgründen, während das weltweite Ringen um Marktanteile und Vormachtstellungen weitergeht. Aber vielen Akteuren des Pariser Schauplatzes scheint die Rolle des Einäugigen unter den Blinden zu genügen.


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