XVI. Rohkunstbau

Das Gleiche in Grün

Astrid Mania
19. August 2009
XVI. Rohkunstbau „ATLANTIS I - Hidden Histories - New Identities“ mit Martin Assig, Robert Barta, Dennis Feddersen, Gregor Hildebrandt, Sabine Hornig, Lisa Junghanß, Šejla Kamerić, Katarzyna Kozyra, Deimantas Narkevicius, Thomas Scheibitz - Schloss Marquardt, Potsdam. Vom 12. Juli bis 13. September 2009

Die Frage ist ewig und unendlich. Sie zählt zu den häufigsten Problemstellungen des Kunstbetriebs und die Antwort darauf beten die Kuratoren und Kulturpolitiker wie ein meditatives Mantra vor sich hin. Die Frage heißt: Warum gibt es Kunst auf dem Land, an künstlerisch nicht erschlossenen Orten, im Wald und auf der Wiese? Die Antwort lautet kurz und bündig: Ortsspezifität. Der lokale Bezug, die Aufnahme örtlicher Impulse inspiriert die Kunst und öffnet sie für ein breiteres Publikum außerhalb der großen Zentren. Ortsspezifische Kunst ist gute Kunst, dachte man lange Zeit. Kunst, die sich ihren Standort selber erschließt, macht sich schlau in sozialen Belangen. Sie setzt sich mit einem konkreten Publikum auseinander. Sie erfindet sich mit jedem Gastspiel auf der grünen Wiese ein wenig neu. Das ist das Ideal. Es gebiert Sommerfestivals und Landpartien. So entstand in Brandenburg in mittlerer Entfernung zum großen, dunstigen Moloch Berlin das Projekt Rohkunstbau. Seit 2004 Mark Gisbourne die kuratorische Leitung übernahm, tritt das Ausstellungsprojekt mit großer Ambition an die Öffentlichkeit. In den letzten drei Ausgaben standen so erhabene Begriffe wie Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit, die Ideale der französischen Revolution und der abendländischen Demokratiebewegungen, zur künstlerischen Diskussion. In diesem Jahr nun wird „ATLANTIS I, Hidden Histories – New Identities“ beschworen. Ausgerechnet Atlantis, der sagenumwobene Ort, den wir aus Platons Dialogen kennen, wird hier als „Ausdruck der fundamentalen Neigung des Menschen“ verstanden, „sich den oder die ‚Anderen‘ vorzustellen“, wie der Kurator sagt. Das untergegangene Atlantis wird hier zum Thema und zum Synonym der Beliebigkeit proklamierter „Ortsspezifität“, der lokalen Geschmeidigkeit der großen, internationalen Kunst.

So wird dieses Jahr das kleine, von der Geschichte vergessene und dem Lauf der Zeiten stiefmütterlich behandelte Schloss Marquardt bei Potsdam zum Ort einer Schatzsuche – nicht nur einer vernachlässigten Schlossarchitektur, sondern auch der Kunst. Es ist Bescherung in dem 1.200 Einwohner zählenden Dorf im Speckgürtel der Millionenstadt. Gerade hier, in der Wublitzniederung, am Rande eines ehrgeizigen Gewerbeparks, der noch etwas mehr Gewerbe sucht, nicht weit vom Berliner Autobahnring, wird nach platonischen Staatsentwürfen gegraben. Platon, mit der „Politeia“ Verfasser eines utopischen Staatsentwurfs, hat Atlantis wie ein gesellschaftspolitisches Negativ anlegt. Nun wird auf dem ordentlichen Grund und Boden der untergegangenen DDR die Dystopie eines Idealstaats recherchiert. Jedenfalls ist das der politischen Überbau der kommunal, europäisch, durch politische Stiftungen und aus Landesmitteln alimentierten Gruppenausstellung, den die Schau so liebt und an dem sie sich, man muss es leider auch für diese Ausgabe sagen, regelmäßig verhebt. Atlantis ist das Sinnbild einer symbolischen Suche nach der Politik.

Das Problem ist, dass dabei viel Kunst, aber praktisch kein Ortsbezug gefunden wird. Marquardt wird auch im Wohlfahrtsstaat des Kunstbetriebs nicht vom eingemeindeten Ortsteil zum Schauplatz letzter Fragen. „Atlantis“ ist hier das verwunschene Reich der Kunst, das sich nicht mit dem vorgefundenen Handlungsort vereinen lässt. Auch unter den – im Katalog ausdrücklich erwähnten – erhabenen Vorzeichen zweier Staatsjubiläen, 20 Jahre Mauerfall und 60 Jahre (west-) deutschem Verfassungsjubiläum wird das pittoreske Schloss im prekären Zustand der Vorsanierung, an dem die Fantasie vom Kellerverlass bis zum Turmerkerchen ab- und aufsteigen kann, nicht zum weltgeschichtlichen Exempel. „Rohkunstbau“ wird stattdessen zum Exempel verschiedener Ersatzthemenfindungen. „Atlantis“ ist ein Leben aus dem Musterkoffer. Hier das „Andere“, dort der politische Bezug. Sabine Hornigs Beitrag Landschaft (2007), ein Müllberg, fotografiert auf der griechischen Insel Santorini, versteht es dabei wie kaum eine andere Arbeit, diese beiden Welten zu vereinen. Hornig zeigt die Fotografie als Negativ, was dem Motiv des von der Gesellschaft Entsorgten, von ihr Aus- und Abgestoßenen, noch eine zusätzlich apokalyptische Dimension verleiht. „Atlantis“ eine Abfallhalde. Weil aber der Kurator dieser abgründigen Frage nach Relevanz und Verzweiflung sonst aus dem Wege geht, versucht die Ausstellung, ihr Publikum für die lauernde Depression mit einem flott durcharrangierten Thementheater zu entschädigen. So wird „Atlantis“ zum Potpourri-Titel, ein Phänomen, mit dem schon die vergangenen drei Ausstellungen zusammengestoßen sind.

Denn einerseits sind da gute und gut inszenierte Werke, denen das kuratorische Thema jedoch regelrecht übergestülpt wird. Andererseits vergisst die Ausstellung diese Fingerzeige sogleich wieder, wenn nicht der Ausstellungsort selbst solche Lesarten zunichte macht. Robert Bartasdeposit (2009) ist so ein Fall. Über einen Bewegungsmelder wird eine Klanginstallation in Gang gesetzt, bei der ein lautes Klopfen und Rufen hinter zwei verriegelten Türen zu hören ist. Die Anspielung auf ein Eingesperrt- und Gefangensein, im realen wie im übertragenen Sinne, wird im Ambiente von Schloss Marquardt fast schon zur Nebensache, hier, wo man eher düstere Märchen, Schauererzählungen und Gespenstergeschichten denn politisch-soziale Realitäten assoziiert. Dem Genius Loci trägt Katarzyna Kozyra mit ihrem Video Summertale (2008) Rechnung, in dem sich viele der heute psychoanalytisch gedeuteten Grundmotive der deutschen Märchenwelt finden: In die Idylle einer Zwergenwelt bricht das Andere ein, als aus mysteriösen Riesenpilzen plötzlich drei Gestalten hervortreten, ein Transvestit, ein Opernsänger und eine Schneewittchen-Zauberin-Fee-Figur, die Künstlerin selbst. Am Ende, nachdem durch die Eindringlinge Geschlechterabgrenzungen ins Wanken geraten und das Fremde die Zwerginnen zunehmend verstört, werden die beiden Männer grausam hingeschlachtet, bis das Alter Ego von Kozyra die Zwerginnen selbst in Pilze verzaubert. Natürlich ließe sich, mit mehr oder weniger gutem Willen, diese für die Künstlerin so typische, völlig überzeichnete Camp-Pop-Version traditioneller Märchenmotive in einen politischen Kontext hineinzwängen wie Gloria Viagra im Video in ihr Korsett. Woher aber der Zwang zu so viel Gezwungenheit? Die Arbeit ist auch so mit Deutung befrachtet genug. Sie passt an den Ort der Ausstellung wie ein absurdes, blutbeflecktes Maßkostüm. Sie ist der kleine Alptraum der historischen Gartenanlage Peter von Lennés. Aber daran muss man doch erinnern dürfen: Mit Atlantis als politisch-philosophischem Bild hat sie weniger als nichts zu tun.

Dabei ist hier durchaus einer kuratorischen Leistung Respekt zu zollen. Sie liegt darin, Werke zu finden, die in den Räumlichkeiten von Schloss Marquardt wohl besser zur Geltung kommen als sonst irgendwo – wenn nicht bisweilen der Eindruck suggeriert würde, es handelte sich hier um ortsspezifische Installationen beziehungsweise Produktionen. Das gilt auch für Gregor HildebrandtsSchallplattensäule (2008), die sich im engen Treppenhaus einer Wendeltreppe nach oben schraubt und dort irgendwie einfach nur hingehört. Was diese Arbeit allerdings mit dem Thema der Ausstellung zu tun hat, das bleibt ein Mysterium. Die Erklärung des Katalogs, dass in der Musikwelt gerne auf den Atlantis-Mythos Bezug genommen wird, ist schlichtweg hanebüchen. Genau hier zeigt sich dann aber auch die große Schwäche eines kuratorischen Konzepts, das sich nicht zwischen thematisch-inhaltlicher Plausibilität und – im besten Sinne – ästhetisierender Installation entscheiden kann. Ein Konzept, das dem Reiz einzelner Werke erliegt, sich dann aber nicht traut, diese in einer Konstellation sorgfältiger Inszenierungen und starker Einzelpositionen stehen zu lassen und stattdessen die konzeptuelle Verklammerung will. Als Ausstellung ohne von oben zwangsverordnetes Thema wäre die diesjährige Ausgabe von Rohkunstbau ein wohltuendes Beispiel für eine sehr konventionelle, aber streckenweise durchaus virtuose Inszenierung einer losen Gruppenschau.

Deren Ingredienzien allerdings bleiben im Rohkunstbauprojekt über die Jahre hinweg immer dieselben. Auch in diesem findet sich hier das tatsächlich ortsspezifische Video, Lisa Junghanß‘ Trilogie an der Schwelle des Schlafes, das nicht mit, sondern wegen seiner überdramatisierten Beschreibung psychischer Extremzustände verstört, als seien die Gespenster des deutschen Stummfilmexpressionismus auferstanden. Es finden sich die abbildhaften Fotografien (dieses Jahr von Šejla Kamerić), das abstrakte Gemälde – von Thomas Scheibitz. Leider vermag die gezeigte Arbeit nicht mit der aller konventionellen Plastik widersprechenden Doppelsäule (2009) des gleichen Künstlers Schritt zu halten. Sie empfängt den Besucher gleich zu Beginn der Ausstellung, ein Fremdkörper im besten Sinne, der eine Ahnung davon vermittelt, was alles möglich wäre, wenn diese Ausstellung nicht ihren eigenen Versprechen hinterherlaufen müsste wie einem überdimensionierten Exposé, sondern dieses konventionelle Schloss womöglich ganz schlicht mit einer konventionellen Sommerausstellung bespielen dürfte: als Landpartie für die Berliner, als Ausflugsort wie die Gurkenverkostung im Spreewald oder die Heilstätten in Beelitz.

Hätte man wahrhaft etwas anderes vor, wollte man Kunst zum Dialog mit dem Schauplatz anhalten, die Bewohner Marquardts in ihr Schloss einladen, Brandenburg mit Berlin verbinden, Geschichte evozieren, Potsdam neu erfinden, soziale Bezüge ermitteln, alles das mit genügender Aufmerksamkeit erledigen, was zum Beispiel in Münster die konservativen, aber akribisch durchgearbeitetenSkulptur Projekte vorleben – dann müsste man dieses Schloss, diesen Ort, diesen Landstrich ernst nehmen. Dann müssten ein paar Künstler aus wirtschaftlichen Gründen zu Hause bleiben, der Rest sich aber wie auf einer Tschechow‘schen Landpartie in diesem Sanierungsfall einmieten. Ausharren. Erfinden. Verzweifeln. Verändern. Kunst kann viel. In Marquardt reimt sie sich zu deutlich auf Konvention.


Weitere Artikel von Astrid Mania


Feedback abgebenFeedback abgeben
Artikel druckenArtikel drucken