22. April 2005
Xu Tan mag’s offensichtlich gerne heiß. Am liebsten mag er es, wenn den Besucherinnen und Besuchern seiner Ausstellung der Dampf ins Gesicht schlägt und das Wasser aus allen Poren treibt. Dafür hat der chinesische Künstler in der Berliner DAAD-Galerie nun eigens ein Dampfbad aufgebaut. Es ist als begehbare Raumskulptur aus Holz und Glas zentraler Teil seiner Installation
Air is good und darüber hinaus als Statussymbol für Chinas neuen Reichtum zugleich politische Metapher – nicht nur für den Körper eine schweißtreibende Angelegenheit...
Für den Besucher ist alles vorbereitet: Ist er erst mal in Bademantel und Flipflops geschlüpft, kann er es sich bei 50 Grad Celsius auf der flachen Pritsche gemütlich machen. Während von innen die Glaswände langsam beschlagen und die Hitze den eigenen Körper erobert, ziehen draußen zwei Filme in Endlosschleife die Aufmerksamkeit auf sich. Als Videos an die gegenüberliegenden Wände projiziert und wiedergegeben auf Monitoren in Augenhöhe des Saunagastes, kommentieren sie das Verhältnis von Körper, Geist und Macht. Hier das von einem Masseur durchgeknetete KP-Mitglied, dessen politische Altlasten ihn zu einem Gefangenen des eigenen Körpers machen, dort Exilchinesen und ein Ex-DDR-Bürger, die nach dem Systemwechsel nun den moralischen Verfall beklagen. Nur der Glaube an die buddhistische Einheit von Körper und Seele, so lautet am Ende das Fazit, könne die ausgehöhlte Gesellschaft noch kitten.
Xu Tan, der in Shanghai zu Hause ist und schon früh die konventionellen Bahnen der fernöstlichen Kunstausbildung verlassen hat, um sich gen Westen zu orientieren, liebt politische Botschaften. Er bewegt sich damit in der Riege der zeitgenössischen Künstler Chinas, die sich seit der Kulturrevolution suchen und finden müssen – zwischen Mao-Treue und Turbo-Kapitalismus, zwischen Traditionsverlust und Fortschrittswille. Nachdem Xu Tan bereits in seiner Heimat – trotz nach wie vor eingeschränkter Ausstellungsmöglichkeiten – eine Chinesische Sauna gläsern und medienwirksam der Öffentlichkeit zu präsentieren wusste, hat er nun seine Arbeit in Deutschland fortgesetzt, auch hier auf den Spuren einer ehemals kommunistischen Ära wandelnd.
Doch dieses Mal sind es vor allem die Videodokumentationen, die sich nahezu selbst genügen. Ihre Sprache ist klar und direkt, mehr noch: sie sind auch für denjenigen eindeutig, wenn nicht gar wesentlich besser lesbar, der sich nicht gleich vom Künstler in den von allen Seiten beschlagenen Schwitzkasten nehmen lässt. Doch was soll dann das Dampfbad? Was ist mit dem willigen Zuschauer, der, im eigenen Saft sitzend, vergeblich dem zu erwartenden Erfahrungsgewinn entgegenschwitzt?
Das offensichtliche wie spektakuläre Versprechen, Kunst hautnah zu spüren, bis die Schweißtropfen fließen, so beschleicht einen letztendlich das Gefühl, ist nicht mehr als eine hohle Phrase. Hier wird nicht etwa das eigene moralische Befinden entschlackt, sondern vielmehr – ob freiwillig oder unfreiwillig – die Lust der anderen auf Körperschau befriedigt. Wer den Mut hat, sich auszuziehen und vor aller Augen eine Runde zu schwitzen, um schließlich doch nicht schlauer zu sein als die, die im Trocknen stehen, bietet immerhin einen gewissen Unterhaltungswert. Und so sind es vor allem voyeuristische Bedürfnisse, die zwar einen neuen, vor allem sozialen Kontext zwischen Privatsphäre und öffentlichem Raum eröffnen mögen, das beabsichtigte politische Statement jedoch völlig außer Kraft setzen.
Was bleibt, ist also nicht mehr als viel heiße Luft – und die Lust auf eine richtig kalte Dusche.
Noch bis zum 23. April 2005 in der DAAD Galerie, Zimmerstr. 90/91 in Berlin-Mitte.
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