Xiao Yus „Ruan“ und die Folgen

Der Glücklose Engel

Ulrike Münter
22. August 2005
Beobachtet man die Mahjong-Spieler in China – sei es auf dem Lande oder im Trubel der Großstadt – so fällt immer wieder die konzentrierte Ruhe auf, mit der Zug für Zug um die 144 Steine gerungen wird. Die gleichnamige Ausstellung, die zur Zeit in Bern Werke der Chinesischen Gegenwartskunst zeigt, ist nun unbeabsichtigt aus diesem Schonraum des ästhetischen Diskurses aufgeschreckt worden.

„Skandal!“, heißt es da reißerisch in der Presse, vom „Monsterkopf“ ist die Rede. Warnungen vor Aktionen aus islamistischen Kreisen erreichen das Museum. Hielt sich die Medien-Resonanz auf die Mahjong-Ausstellung außerhalb der Schweiz bisher in Grenzen, so zollte man doch zumindest in Kennerkreisen dem Kraftakt des Kuratorenteams bei der Ausrichtung dieses Großprojekts die angemessene Anerkennung. Der Anlass, aus dem die Ausstellung nun innerhalb weniger Tage auch die Augenpaare auf sich gerichtet sieht, denen zeitgenössische Kunst aus China bis dato gleichgültig war, ist nicht unbedingt der gewünschte.

Ja, bestätigten die Kuratoren der Presse, es handle sich bei Xiao Yus Objekt Ruan wirklich um den Kopf eines Fötus, dem Kaninchenaugen implantiert wurden und den der Künstler dann mit einem Taubenkörper zusammenbrachte. Man habe aber in der Zurschaustellung kein Problem gesehen, da doch Tausende von Biennalebesuchern 1999 das gleiche Werk sahen und sich derzeit lediglich zu Diskussionen zum Thema Gentechnologie animiert fühlten. Nachdem nun neben moralischer Entrüstung auch Drohungen aus fundamentalistischen Kreisen das Museum erreichten, hat man das umstrittene Werk vorläufig aus der Ausstellung entfernt. Auch zur Sicherheit der Besucher.

Ausgelöst wurde die jetzige Rechtfertigungsschleife durch die Strafanzeige des Journalisten Adrien de Riedmatten, die sich nicht nur gegen das Museum und den Sammler richtete, sondern auch kurzerhand gegen den Künstler selbst. Die Begründung lautet Gewaltdarstellung, Störung der Totenruhe und Verletzung des Tierschutzgesetzes. Vom mehr als irritierten Künstler kam die Auskunft, dass er das Embryo-Präparat aus den 1960er Jahren bei der Auflösung einer Sammlung in einem chinesischen Naturkundemuseum gekauft habe. Dieses Exponat habe seine Aufmerksamkeit gefunden, weil ein Zettel daran ein Datum enthalten habe, das nicht weit von seinem eigenen Geburtsdatum entfernt lag. „Gerade weil ich alles Leben respektiere, habe ich dieses Kunstwerk geschaffen“, äußerte Xiao Yu gegenüber der Associated Press in Peking. Auch bedauere er die Entfernung von Ruan aus der Mahjong-Ausstellung.

Nun können an einem solchen Werk unendliche Diskussionen aus den unterschiedlichsten Lagern anknüpfen – nicht zu unrecht und durchaus im Interesse des Künstlers und des Mahjong-Teams. Auch gibt es in der Schau noch andere Werke, die Diskussionspotential bergen. Denn was ist beispielsweise mit den Arbeiten der Künstler Sun Yuan und Peng Yu, die man bezichtigen könnte, genauso schonungslos gegen die „Grenzen des guten Geschmacks“ zu verstoßen? Unter dem Titel Honey (1999) sehen wir zwei Farbfotos, auf denen ein toter Greis unter einer Eisschicht verschwindet, nur sein Gesicht ist noch sichtbar. Auf dieses haben die Künstler einen Embryo gelegt. Gönnt uns die Großaufnahme noch eine gewisse Distanz, so zeigt die zweite Fotografie die Berührung der beiden Körper aus der Nähe. Und wer die beiden sinnlos Blut spendenden jungen Leute auf dem Foto Link of the Body (2000) auch sind, man kann schwer sagen, was deprimierender ist: die blutige Inszenierung vor ihren Füßen oder ihre völlig apathisch blickenden Gesichter. Dass hier der Volkesmund schweigt, liegt anscheinend an der medialen Distanz.

Angesichts der heiß geführten und von der Presse mit großer Aufmerksamkeit bedachten Moraldebatte geraten leider die anderen 364 Werke der Berner Ausstellung ins Hintertreffen. Vielmehr sollte der Versuch Siggs gewürdigt werden, im Medium der Kunst die politisch-soziale Entwicklung Chinas nach der Kulturrevolution nachzuzeichnen. China ist eben nicht nur das Land des guten Essens, der Pagoden und des wirtschaftlichen Aufschwungs. Die Ausstellung Mahjong mutet uns neben so gefälligen Werken wie die mit traditionell-chinesischen Landschaften bemalten Körper von Huang Yan auch sehr unangenehme Einblicke in chinesische Realitäten zu. Uli Sigg hat nicht mit dem Interesse Kunst gesammelt, uns ein leicht zu goutierendes und optimistisch stimmendes Bild von China zu vermitteln, sondern um dieses Land in all seiner Disparität zu dokumentieren. Sehen wir das Ganze einmal positiv: Nun hat die Berner Ausstellung die ihr angemessene Medienpräsenz – und die Kompetenz des Mahjong-Teams zeigte sich einmal mehr in der Windeseile, mit der eine hochkarätig besetzte Podiumsdiskussion zur „Ruan-Debatte“ organisiert wurde.

Einladung zur Podiumsdiskussion im Kunstmuseum Bern

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