William N. Copley bei manus presse, Stuttgart

Jagd auf Georgia

Hans-Jürgen Hafner
13. Juni 2006
„William N. Copley: Gemälde und Zeichnungen“, Galerie manus presse, Stuttgart. 27. März bis 30. Mai 2006

Schon der Ausflug zur Galerie manus presse ist ein bisschen schräg: Mitten in einem typisch bundesrepublikanischen Wohngebiet der späten 1950er Jahre am ausfransenden Rand Stuttgarts in Möhringen gelegen, versprüht die unter Klaus Gerrit Friese behutsam modernisierte Galerie immer noch den spröden Charme eines Produktionsortes. Nach wie vor sieht es dort nach Editionen-Manufaktur und Druckerei für Kunst- oder andere Edel-Kuriosa aus. Und dann so etwas: Copley im Überblick. Nicht nur ein paar Zeichnungen und ein oder zwei Bilder. Nein, die manus presse widmet dem – notorisch unterschätzten – amerikanischen Kunst-Allrounder William N. Copley (geb. 1919) eine Schau im kompakten Retrospektive-Format.

Friese hat Bilder, Malerei und Collage, dazu eine starke Auswahl an Zeichnungen von 1951 (hier mit dem starken combine painting Portrait of the artist as a young ex-patriot) bis zum Tod Copleys 1996 zusammengetragen. Was dieser Überblick vor allem leistet ist, dass er Copleys Eigenart als Maler zwischen Surrealismus und Pop Art zeigt und an einen künstlerischen Ansatz heranführt, der sich ganz autonom gegenüber Schulen, Strömungen und Trends etabliert. Tatsächlich platziert sich der Autodidakt gekonnt zwischen sämtlichen Stühlen, vermählt pikante Erotik mit den ikonisch-semantischen Analysen eines Magritte und viel Duchampschem Humor. Dafür pflegt Copley kokett einen reduzierten Mal- und Zeichenstil, der vor illustrativer Naivität ebenso wenig zurückschreckt wie vor kitschiger Ornamentik. Die Figuren, die seine Bilder bevölkern, sind gesichts-, ja, identitätslos; Typen im Anzug und mit „bowler hats“, noch standardisierter als Magrittes unheimliche graue Männer. Sie jagen gerne mollig geformten Frauen, an Brust und Hüfte üppig formatierten Kokotten nach; buhlen, schäkern, werben, spannen, vögeln, ungeachtet der von gesichtlosen Flics repräsentierten Ordnungsmacht...

William N. Copleys Szenerien sind – im Gegensatz zu den zeitgleichen, immer latent erotisierten Design-Allovers eines John Wesley – eher Rätsel, mehrfach verschlüsselte Bildwitze. Da marschiert etwa ein Trupp Miniatur-Soldaten, wie der Titel einer Zeichnung nahe legt, „through Georgia“ – nur dass Georgia nicht den Bundesstaat meint, sondern der Name einer sehr einladend auf einer Ottomane hingeräkelten Schönen ist (Marching through Georgia, undatiert). Kompositorisch recht vertrackt spielt sich die Ballad of a Womanizer (1984) als gemalte Intarsie in der scharf vor rohe Leinwand gesetzten Silhouette eines Klavierspielers ab.

In den späten 1940er Jahren hatte Copley, leider erfolglos, in Beverly Hills eine Avantgarde-Galerie betrieben. Immerhin zeigte er dort ausführliche Schauen surrealistischer Kunst und führte mit Yves Tanguy, René Magritte oder Max Ernst europäische Kunst an der West Coast ein. Nach dem rasanten Ende seiner Karriere als Galerist finden wie Copley bald in Paris wieder, wo er als „ex-patriot“ enthusiastisch – und völlig gegen den Trend modernistischer Malerei New Yorker Prägung – an den Bohème-Spirit der Vorkriegsjahre anknüpft und selber zu malen und zu zeichnen beginnt. Dabei ist immer eine Fan-Attitude, die Leidenschaft des Amateurs (und leidenschaftlichen Sammlers) zu spüren – jedoch ohne epigonal-etablierten Mustern zu verfallen. Im Gegenteil erzeugen seine flächig vor ornamentale Kulissen gesetzten Arrangements von Alltagsgegenständen, Hosenträgern, Löffeln, einem Ofen etc. eine eigenständige, dem Pop nahe stehende Bildauffassung.

Das stilistisch Eigenwillige und die inhaltlich einzigartige Prägnanz von William N. Copleys Werk bringt die Stuttgarter Schau jedenfalls hervorragend an den Mann. Und hilft vielleicht dabei, sein hochgradig trendresistentes Werk erneut aus der, je nachdem, Kenner- oder Marginalien-Ecke herauszuholen.


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