Willem de Rooij: „Intolerance“ in der Neuen Nationalgalerie, Berlin

Auf dass die Augen leuchten

Hans-Jürgen Hafner
12. Oktober 2010

Willem de Rooij: „Intolerance“ – Neue Nationalgalerie, Berlin. Vom 18. September 2010 bis 2. Januar 2011

Leicht macht es uns Willem de Rooij mit seiner erhaben leuchtenden Ausstellung „Intolerance“ nicht. Wie eine vom Himmel herabgestiegene Erscheinung erstrahlt seine einzelne, isolierte White Cube-Wand im Zentrum des Erdgeschosses der Neuen Nationalgalerie in Berlin. Alles an ihr ist betörend schön, die Gemälde Melchior d‘Hondecoeters, die an ihr hängen, ebenso wie die hawaiianischen Kultobjekte in den Vitrinen, die in sie eingelassen sind. Die Fragen nach Qualität und Bedeutung, nach Repräsentation und Dekor, nach Kunst oder Nicht-Kunst verlöschen auf dieser erhaben gleißenden, beidseitig bespielten Wand, die als Sperrwerk die in künstliches Dämmerlicht versetzte Halle teilt. Worum es geht, bleibt also unausgesprochen. Der Künstler Willem de Rooij war, so sieht das aus, als Kurator hier und hat die Gegensätze zusammengezwungen. Das ist nicht neu, doch hat man eine solche Kombination selten so unargumentiert, dafür so formalistisch, groß und machtvoll gesehen. Die Neue Nationalgalerie, selbst eine Luxusvitrine der kulturellen Repräsentation, ist nun ganz auf diese Intervention konzentriert. Sie hat sich in der weißen Wand zusammengezogen. Das Publikum könnte sich die Auflösung dieses Kultstücks eigentlich nur aus der dreibändigen Publikation erhoffen, die zudem als Teil des Werks ausgewiesen ist. Sie soll die Erläuterung und Dokumentation der Komponenten und Hintergründe dieses Projekts enthalten, ist unglücklicherweise aber noch nicht aus der Druckerei gekommen. Viel theoretisches Aufhebens wird also um diese Ausstellung gemacht, die hier und jetzt vor allem auf staunenswerte Präsenz setzt. Darum ist sie nach beiden Seiten vielleicht nicht ganz praktisch geraten. Aber worum geht es bei de Rooijs Kult-UFO denn nun?

Die Ausstellung dürfte selbst für Kenner der niederländischen Genremalerei und für Experten der Kulturgeschichte Hawaiis kleinere Sensationen bereithalten. Denn was der in Berlin lebende niederländische Künstlerkurator für seine raumgreifende Arbeit zusammenbringt – einerseits eine relativ stringente, fast schon didaktisch nach Motivkomplexen gehängte Auswahl von Genreszenen des als „Vogelmaler“ zu beachtlichem Ruhm und selektiver kunsthistorischer Beachtung gekommenem Melchior d’Hondecoeter (1636-1695) und andererseits historische hawaiianische Federobjekte, darunter Köpfe, Helme, Krägen und Mäntel –, würde sogar auf zwei separate Ausstellungen verteilt Eindruck machen. Speziell die vier gezeigten Federköpfe aus der vorkolonialen Geschichte Hawaiis besitzen unbedingten Seltenheitswert. Es sind plastische Darstellungen des Kriegsgottes Kuka’ilimoku, die auf einer korbartigen Unterkonstruktion basieren und in offenbar mühseliger Kleinarbeit über und über mit winzigen Vogelfedern besetzt und zudem mit Muscheln, Zähnen und Menschenhaar zu Furcht erregenden Konterfeis ausgestaltet wurden. Im Zuge der sogenannten Entdeckungsreisen James Cooks wurden zahlreiche Kult- und Repräsentationsobjekte – darunter auch ein Großteil der heute weltweit noch erhaltenen 19 Federköpfe – nach Europa gebracht.

Doch auch für Laien hat diese Schau, die den Spagat zwischen den Disziplinen Kunstgeschichte und Ethnologie und somit auch zwischen unterschiedlichen institutionellen Kompetenzbereichen sucht, einiges zu bieten. Wow, möchte man gerade als in Sachen hawaiianischer Kultur Unkundiger sagen, wenn im aufwendig abgedunkelten Obergeschoss der Nationalgalerie nun gleich vier dieser in der Tat beängstigend erratischen und zugleich so ungemein schönen, so ungeheuer kunstfertig hergestellten Federköpfe mit ihren zahnbewehrt aufgerissenen Mündern, den drohend starrenden Muschelaugen zu bestaunen sind. Ihr kulturhistorischer Hintergrund wird da beinahe egal. Ohnehin erfahren wir – bis die angekündigte Publikation erscheinen wird – nur die allernotwendigsten Informationen. Über den Grund, die Auswahlkriterien für diese Präsentation, bei der auf ein und derselben Ausstellungsarchitektur kultische Artefakte und Kunsthistorisches, namenlos gebliebene Exotik und europäische Spezialistenmalerei Stoß an Stoß hängen, wird nichts Konkretes gesagt. Um die Reflexion institutioneller Ausstellungspraktiken, aber auch um eine visuelle, also künstlerische Untersuchung der Beziehungen zwischen frühem globalem Handel, interkulturellen Konflikten und wechselweiser Anziehung gehe es da. Und in der Tat, die Macht der Oberflächen, die Repräsentation von Macht verwischen alle Differenzen. Das Gebäude selbst, die prachtvollen Stillleben und die Kultgegenstände verschmelzen mit der weißen Wand zu einer Machtdemonstration an sich.

Aber war uns das nicht sogar versprochen worden? Wir haben es ja bei dieser Schau nicht mit zwei zur Ausstellung überschnittenen Werkschauen als kuratorisch verantwortetem Dialog zu tun, sondern mit Willem de Rooijs Intolerance. Was wir da an einzelnen Objekten und Präsentationsformen sehen, als einen in seinem Zustandekommen eher subjektiv forcierten als formal und inhaltlich argumentierten Dialog – genau das sollen wir uns nicht als Problem des Betriebs, sondern als eines der Kunst, genauer als individuelles und künstlerisch verantwortetes Werk ansehen. Zumal dieser Dialog wenig Rücksicht nimmt auf Formate und Genres, formale Muster oder ikonografische Typen, kulturelle Grenzen und kunsthistorische Zusammenhänge und sich weit jenseits der programmatischen Standards und kuratorischen Konventionen bewegt, wie sie üblicherweise ein Museum für moderne und zeitgenössische Kunst auszeichnen. Wir sind gefordert, diese Schau immanent, als in den institutionellen Hintergrund eingebettetes Werk de Rooijs lesen. Was die jeweilige Tiefenschärfe der Auswahl, die Seriosität im konservatorischen Umgang und der – für die Publikation immerhin versprochenen – Umsicht in der kunsthistorischen Aufarbeitung betrifft, bleiben keine Wünsche offen. Hier begibt sich der Künstler ganz auf Augenhöhe mit musealen Standards, indem er sein konzeptionell-kuratorisches Konstrukt aus dem Diesseits der produktionsbedingten Sachzwänge wie der Enge der institutionellen Agenda ins Jenseits zeitgenössischer Kunst beamt. Als Kunstwerk auf Basis der gewählten Mittel ist dieses Projekt ein erstaunlich scharfkantiges, präzise zwischen die Stühle gesetztes Ding, das das Konventionelle alltäglicher Ausstellungs- und Programmroutine, die Nivellierungs- und Kontextmaschine Museum, den Spurt um Novität und Einfall prächtig adressiert. „Intolerance“ verleibt sich die Mittel des Museums auf der Ebene eines nochalanten Du auf Du ein – nicht im Sinne einer anmaßend-persiflierend-kritischen Geste, wie das etwa für institutionskritische Projekte in der Tradition Marcel Broodthaers’ oder im Sinne fiktiver (Peter Weibel) oder dienstleisterische Ansätze (Miroslaw Balka) gelten könnte. Genau hier liegt aber auch der blinde Fleck eines Projekts, das in der Wahl seiner Mittel seinerseits gerade an Macht und Größe nicht spart.

Denn die Probleme, an denen einerseits kuratorische Arbeitsweisen notorisch kranken (von der Vereinnahmung ihres Materials bis zu seiner argumentativen Aufbereitung und der Transformation als Ausstellung bzw. Text) sowie die, an denen andererseits institutionskritische Kunst so gerne scheitert (die vorauseilend gehorsame Reproduktion der institutionellen Logik) – diesen Problemen müsste sich de Rooij aus künstlerischer Perspektive notgedrungen stellen. Warum d’Hondecoeters Spezialistenmalerei zusammen mit hawaiianischem Kultgegenstand? Warum Nationalgalerie und nicht Ethnologisches Museum Dahlem oder Alte Pinakothek München, die derzeit immerhin ihren schönen Bestand des Niederländischen Meisters zeigt? Warum dezidiert Kunst und kein von einem Künstler kuratiertes Projekt? Nun, in erster Linie wohl, weil de Rooij das will; weil er es hier und auf diese Weise mit bereitwilliger Unterstützung machen kann. So viel und zugleich derart wenig zur Vermittlung angehaltenen Subjektivismus gibt es sonst nur selten, selbst in der allerexpressivsten Malerei nicht. Wer profitiert aber von dieser Freiheit? D’Hondecoeter? Kuka’ilimoku? De Rooij? Das Museum oder gar wir als sein lernwilliges Publikum?

Es knirscht, es will und muss knirschen an den vielen Rändern, das dieses staatstragende Ausstellungs-, nein, Kunstprojekt sich auszubilden verschreibt. Das hat damit zu tun, dass es tatsächlich an allerhand Konventionen innerhalb der Vereinbarungen der Kunst rührt. Am Ende aber hakt es doch mehr als nottut. Und das hängt damit zusammen, dass diese Kunst als Werk nicht scharf genug sitzt. Zwischen dem sichtbaren Teil des Exponats und den sie vielfach unterfütternden konzeptionellen Ebenen fehlt die präzise Vermittlung. Diese Stelle haben Jeroen de Rijke und Willem de Rooij in ihrer Zusammenarbeit (bis zum frühen Tod de Rijkes 2006) immer wieder und mit einiger Sensibilität umkreist. Aus der einst exakten Ansprache ist nun aber kaum gebremster Subjektivismus geworden. Die Museumsmimikry gelingt formal, und zwar virtuos. Sie nimmt aber in Kauf, dass die ziemlich problematische kulturelle Vergangenheit Hawaiis ebenso wie ein Stück marginaler europäischer Kunstgeschichte zu Versatzstücken in einem europäisch begründeten Kunstpuzzle werden, ohne dass ihre Bestandteile rückübersetzbar würden. Bei aller Sympathie für den trickreichen Freiraum, den die Schau ihren Exponaten lässt – die Neukonfiguration der Objekte zur künstlerischen Fremd- und institutionellen Nabelschau rettet sie nicht vor der Einverleibung in ein Kunststück, das sich jeglichem Argument gegenüber unzugänglich stellt. Womit wir beim Problem des Effekts dieser Schau wären. Künstler mit solch großer Perspektive gefallen dem Betrieb mangels besserer Argumente in der Regel ganz gut. Der zweite wichtige Schritt, die Erdung dieses Virtuositätstheaters im methodischen Zweifel angesichts solch entfachter Kunstbetriebsamkeit selbst, bleibt aber auf der Strecke. Zugegeben haben die inneren Widersprüche konzeptueller Kunst im Regelfall weit hässlicher ausgesehen. Unsere Augen aber leuchten. Als Service für die Institution wie auch als Punkt im eigenen Portfolio funktioniert de Rooijs Werk höchst komfortabel. Man hätte dem Museum im Kampf um seine Legitimation heute freilich einen unbequemeren Sparringpartner gewünscht.


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