21. Juni 2006
„Wildes Kapital/ Wild Capital”, Kunsthaus Dresden. Bis 23. Juli 2006. Manchmal betritt man Ausstellungen und meint, Handschriften, Charakteristika, Idiosynkrasien zu erkennen. Im Kunsthaus Dresden läuft derzeit eine solche Veranstaltung, in der es hochpolitisch, künstlerisch engagiert, international, unorthodox-spartenübergreifend, stellenweise recht textlastig, aber auch sinnlich zugeht. Dem Projekt „Wildes Kapital/Wild Capital“ war im vorigen Jahr ein internationales Dresdner Symposium vorausgegangen und bei der Eröffnung lag die in Aussicht gestellte Publikation noch nicht vor.
Mitveranstalter ist „relations“ – dahinter verbirgt sich die kapitalkräftige Kulturstiftung des Bundes (KSB), die jährlich über beträchtliche Millionenbeträge verfügt, um – manchmal dezentral, immer jedoch recht zeitgeistig – Kunst und Kultur darstellen zu helfen. Mit kommunaler Förderung und lokalem Engagement allein wäre ein vergleichbares Projekt in Dresden gewiss nicht zu stemmen gewesen, in welchem ein gutes Dutzend Künstler mal kritisch-fragend, mal dokumentierend oder anklagend, mal polemisch-spontan die Entwicklungen nach dem Fall der Mauer, nach Beseitigung des „Eisernen Vorhangs“ kommentieren, befragen oder schlicht abbilden.
Es ist begrüßenswert, dass die finanziellen Zuwendungen der KSB in Zeiten knapper werdender Gelder nicht eben massenwirksame Gedankenflüsse darzustellen helfen, sondern kritischen wie skeptischen Stimmen aus Steuergeldern finanzierte Plattformen bieten, um Aspekte dessen, was seit 1989 jenseits der ehemaligen Demarkationslinie stattfindet, vorzuführen. Diese oft sperrigen Positionen bedürfen freilich Patenschaften, die sich aus dem nicht-kommerziellen Milieu rekrutieren. Denn eine Auswertung der präsentierten Protokolle, Notate, Stenogramme oder Skizzen durch Galerien dürfte nicht eben leicht sein.
Innerhalb des etwas zu üppigen Dokumentations-Materials verkündet Hortensia Völckers, künstlerische Direktorin der KSB, wen sie sich als ideale Adressaten wünscht und was die Intention von „relations“ idealiter ist: Politikern diene es als Erkenntnisinstrument für die Gegenwart, Künstler und Kulturakteure fänden Anreize jenseits etablierter Kultursysteme und jene, die ihren Traum von Europa haben, fänden hoffentlich recht viel Nahrung. Mit „Wild Capital“ ergeht es einem dann auch fast so, als beträte man einen herrschaftsfreien Raum, in dem allerdings mit harten Bandagen gespielt wird und man mal wieder eine scharfe Lesebrille braucht, um die meist doch erklärungsbedürftigen Künstlerpositionen recht zu verstehen.
Luchezar Boyadjievs Foto-Schrift-Dokumentations-Collage mit dem Titel Anmerkungen zur visuellen Logik des frühen Neo-Kapitalismus wirkt wie die Quintessenz des Credos von Frau Völckers. Ohne ein Blatt vor den Mund zu nehmen, werden Zustände vorgestellt und in ihrer Lakonie angeprangert. So wird der Konsumterror, vermittelt durch die Globalpräsenz von Coca Cola, schlicht fotografisch dargestellt. Dann folgt der Kommentar, in Paris sei Reklame in unmittelbarer Nähe zu kulturhistorisch bedeutsamen Monumenten von Staatsseite untersagt. Englisch durch- und untersetzt, dient die Sprache des ideologischen Gegenübers in Billboard Heaven Dresden Reading 2006 zur Darstellung urbaner Umfelder, wo die Augen der Bewohner zu Spiegeln für die Ist-Zustände mutieren, in welchen die Stadt ein reines Produkt geworden ist. Diese nicht neue Kapitalismuskritik beschreibt in ihren Bonbonfarben und ihren luftigen Sprechblasen eine Variante von „Wanderer, kommst Du nach Pep-Si-Co-La“, bleibt aber natürlich ohne Konsequenzen.
Eva Hertzsch und Adam Page hinterfragen die Verheißungen der sogenannten Demokratie und die Rechte der freien Rede, indem sie in ihrem Video Better Living Program Tip 39 Beschäftigungsmöglichkeiten für Linguisten thematisieren, die darin gipfeln, dass der Dolmetscher nicht das Gesagte übersetzt, sondern sein eigenes Plädoyer abgibt, um politische Absurditäten als solche zu präsentieren. Vergleichbare Disparatheiten stehen im Zentrum von Andrea Knoblochs Paradise Now, wo der hehren Theorie des Gartenbaus die schnöde Praxis gegenübersteht und die Folie einfach nicht zur Deckung kommt mit dem imaginierten Bild. Kiril Prashkovs Arbeit Responsible Painting dokumentiert zerfallene sozialistische Plattenbauten, deren ruinösen Zustand er in Detailfotos derartig isoliert, dass daraus höchst dekorative Bildsequenzen entstehen, die bald nach Rothko, bald nach Richterschen Rakeltableaus aussehen.
Allein – es bleibt die Frage, wie diejenigen, deren Leben durch Drangsal und Entbehrung, Fremdbestimmung und Repressalien bestimmt war, wohl auf diese dekorativen Ausschnitte reagieren mögen, bei denen klar wird, dass eine eng geführte Perspektive eben die fatale Folge haben kann, dass man das sprichwörtliche ganze Bild aus dem Auge verliert und womöglich den bedrohlichen Verfall als Dekobläschen wahrnimmt.
Wo Christoph Schäfers Saloon de la Realidad noch die Frauenkirche ironisch zu Weißbrothaufen verbackt und sarkastisch die Frage nach der Abbildbarkeit der (neuen) Realitäten stellt, kommt Andreas Siekmann am erfolgreichsten durch den Parcours mit den hohen Ansprüchen. Seine Wand füllende Arbeit trägt den Titel Faustpfand, Treuhand und die unsichtbare Hand – Teatrum Mundi Oeconomicum und ist eine Assemblage aus sehr roten Piktogrammen, die ihre Beeinflussung aus der Agitprop-Ikonografie früher Sowjetkunst ebenso wenig verleugnen wie die Bauhausbeeinflussung der Schrifttypen. Ihr gelingt vermutlich die erfolgreichste Umsetzung des postulierten Ziels, nämlich die Mechanismen und Auswirkungen der „Schönen Neuen Welt“ in einem Frei-Raum mit zeitlicher Begrenzung und voraussehbar begrenzter öffentlicher Wirkung vorstellen zu dürfen.
Katalog (noch nicht erschienen):
Torsten Birne, Sophie Golz, Christiane Mennicke (Hg.), ca. 600 Seiten, dt. + engl., Ca. 30,- Euro.