Wiener Galerienprojekt: curated by_vienna 2010

Ein klein wenig Völlerei

Astrid Mania
8. Mai 2010

Liegt es in unserer Natur, Dinge zu verkomplizieren? Praktikablen Geräten so viele Zusatzfunktionen zu verpassen, dass sie immer störanfälliger werden? Hier noch ein Knopf, da noch eine Taste – einmal falsch gedrückt, und die Maschine streikt. Betriebssysteme brauchen wie alles im Leben ihre Zeit, bis sie frei von Fehlern sind. Sobald aber ihre kleinen Störungen und Fehler ausgeheilt sind, werden sie von ihren Erfindern einer großzügigen Modernisierung unterzogen, und durchleben nach dem obligatorischen Update alle Kinderkrankheiten neu. Das im Prinzip großartige Wiener Projekt curated by_vienna ist auch so ein System, dessen Version 2.0 an Überfrachtung leidet. Dabei ist der Schaltplan an sich schon nicht ohne Tücken. Denn es gilt, 20 Galerien (vergangenes Jahr waren es 18) zusammenzuschließen und dazu zu bewegen, ihre Räumlichkeiten einer kuratorischen Autorität zu überlassen. Und das parallel zur Messe VIENNAFAIR, wenn Sammler, Kuratoren und andere Kunstaffine die Stadt und ihre Kunstinstitutionen hungrig durchstreifen. Ein mutiges, großzügiges Vorhaben also. Wobei 2009, im ersten Jahr des Projekts, durchaus kuratorisches Namedropping betrieben wurde. Fünf Gastkuratoren – darunter so bekannte Vertreter ihres Fachs wie Jerôme Sans und Maria de Corral/Dan Cameron – hatten die Räume der Teilnehmer bespielt und teils galerieübergreifend Künstler ihrer Wahl mit selbst gewählten Inhalten gezeigt. Dieses Jahr dachten sich die Organisatoren (vom Kreativwirtschafts-Förderungsprogramm Departure) ein Oberthema aus. Mit „art&film“ sollte ein Genre für Zusammenhalt sorgen. Akademischer formuliert sollte das „Interesse bildender KünstlerInnen am Laufbild und seinen Repräsentationen“ widergespiegelt werden.

Nun weiß jeder, der schon einmal eine Ausstellung mit mehr als einem Video gesehen hat, wie schwierig es ist, bewegte und womöglich noch sprechende Bilder zu präsentieren. Viele Videoschauen kranken daran, dass sich ihre Werke gegenseitig überflimmern und übertönen. Sie leiden an zu vielen Black-Boxes, Trennwänden und Kopfhörern. Hinzu kommt das Problem der Besucherüberforderung. Der durchschnittliche Betrachter bringt zumeist weder die Zeit noch den Willen mit, Stunden vor Monitoren oder Projektionsflächen zu verbringen. Curated by_vienna hat es sich mit seinem Oberthema also nicht leicht gemacht. Aber als hätte das noch nicht gereicht, wurde der Schwierigkeitsgrad noch weiter gesteigert. So fiel die kuratorische Verantwortung diesmal den Künstlern zu. Je ein Künstler aus dem Programm einer Galerie sollte so frei wie vom Galeristen erlaubt Gastkünstler erwählen und dann deren Werke aussuchen. Da einerseits nicht jeder Künstler ein guter Kurator ist, die kuratorischen Talente in der produzierenden Zunft also erst herauszufiltern sind, die alte Frage nach dem Rollentausch zwischen den Betriebsfunktionen aber genügend Material für jahrelange Recherchen und Ausstellungen birgt, ist curated by_vienna 2010/art&film zu einem gewaltigen, komplizierten und potenziell unendlich verzweigten Projekt geworden. Ein Projekt so schwierig wie sein Name klingt.

So kam es, wie es kommen musste. Nur wenige der insgesamt 20 Schauen überzeugen wirklich ganz. Dabei handelt es sich dann meist um jene Ausstellungen, die das Glück haben, sich in kleinen Räumen konzentriert und bedächtig ihrer Aufgabe widmen zu können, wie das Film-Dekonstruktions-Projekt „Off“ von Nadim Vardag, das in den beiden kleinen Boxen von Georg Kargl vier Künstlerinnen zum Thema (Raum-) Inszenierung arbeiten lässt. Erfolgreich sind auch die ganz wenigen Ausstellungen, die das kuratorische Problem des Themas art&film selbst erfassen und reflektieren. Herausragend etwa ist das Konzept von Josef Dabernig. Er hat den ungarischen Regisseur Béla Tarr eingeladen, bei Andreas Huber seinen gut siebenstündigen Film Sátántangó (1994) zu zeigen. Wer will, kann natürlich um 14 Uhr in die Galerie gehen und bis zum bitteren Abspann bleiben. Die Öffnungszeiten von Andreas Huber wurden verlängert und richten sich nach der Dauer des Films. Aber außer wenigen Filmenthusiasten wird das wohl niemand tun, und so ist es ja auch gedacht. Obwohl man diesem unglaublich langsamen Schwarz-Weiß-Film, der den Kampf des Menschen gegen sich und die Zeit zum Thema hat, sofort voller Faszination erlegen ist, wenn gleich zu Beginn minutenlang eine Kuhherde aus dem Stall trottet oder ein Zimmer bei Sonnenaufgang immer heller wird, verhindert der Terminkalender seine Rezeption. Der von seinen organisatorischen Zwängen beherrschte Kunstbetriebsangehörige kann sich kaum auf Rhythmus und Geschwindigkeit des Films einlassen. Aber es geht ja um unsere Frustration, unser Scheitern an der Besonderheit des Mediums, unsere Unfähigkeit, sich für das Bleiben zu entscheiden. Und so wird die Ausstellungssituation selbst zur Schau, jene kleine hölzerne Filmkabine, in der ein Film so gemächlich vorüberzieht, dass er einem ersten raschen Blick wie ein Standbild erscheint.

Nicht minder raffiniert ist die Schau, die Mathias Poledna bei Meyer Kainer inszeniert hat. Gemeinsam mit Karthik Pandian hat er die mehrteilige Diainstallation 1991 (2010) geschaffen, die so etwas wie das Coverbild eines Modemagazins projiziert. Der Clou ist: Jedes der insgesamt 24 Bilder wird jeweils einen ganzen Tag lang gezeigt. Hier ist es im Grunde noch unmöglicher, das gesamte Werk zu sehen, erst recht während der Messe. Wo Okwui Enwezor bei seiner videolastigen documenta noch behauptete, der Betrachter könne natürlich nicht alle Filme sehen, habe aber doch eine Wahlmöglichkeit, nehmen uns Poledna und Dabernig die Entscheidung aus der Hand. Sie lassen uns von vornherein vor der Zeit kapitulieren. Und wenn das so klug konzipiert ist wie hier, macht die Kapitulation Spaß.

So viel durchdachte Beschränkung, so viel Mut zur Konzentration hätte man vielen Ausstellungen gewünscht. Der bei Kerstin Engholm zum Beispiel, wo Anna Jermolaewa zu viele Videos nebeneinanderdrängt, die teilweise nicht einmal ihr eigenes Medium reflektieren. Hier hätte man seine Aufmerksamkeit gerne ganz allein auf Aernout Miks Kitchen (1997) gerichtet, einem vollkommen absurden Film, in dem sich drei ältere Herren inszeniert miteinander balgen – das ist Gesellschaftskommentar und Actionfilmparodie zugleich und hätte das Ausstellungskonzept getragen. Auch Julien Bismuths Schau bei Layr Wuestenhagen ist einer der vielen Fälle von Zuviel, wobei es auch hier ganz wunderbare Arbeiten gibt, wie Lucas Ajemians Pageant I (2008), der einen alten Filmprojektor zwar in Bewegung versetzt, ihn aber kein Bild projizieren lässt.

Da hat es sich die Blue Noses Group in der Knoll Galerie leichter gemacht. Ihre Schau gehört sicher zu denen, die am wenigsten theoretisch unterfüttert sind, die sich herzlich wenig um Film- und Foto- und Gesellschaftstheorie scheren. Dafür funktioniert ihre Ausstellung visuell und – mit so leichtem Gepäck – auch konzeptuell: Im Vorderraum wird man von Filmplakaten empfangen, die für das Projekt entstanden sind und all die Videos russischer Künstler anpreisen, die im Hauptraum in Folge gezeigt werden. Und auch Valie Exports eigentlich minimale architektonische Eingriffe in die verschachtelte Raumsituation in der Charim Galerie schaffen erstaunlich gut funktionierende Kabinen und Hängewände für die Werke von Daniel Pitín und Tomáš Svoboda und werden zugleich zu Kulissen. Eine Ausstellung, die fast ganz ohne bewegte Bilder auskommt, ist die recht raffiniert gehängte Schau von Albert Oehlen für die Galerie Mezzanin. Besonders schön ist die Konstellation im Hauptraum gelungen, wo sich ein collagierter Kopf von Rudolf Hausner (Hausner zu zeigen muss man sich erst einmal trauen) zunehmend in Streifen auflöst, als wolle er in den Äther davon gleiten, daneben eine Papierbahn von Ferdinand Kriwet dem Betrachter mit der beständigen Aufforderung „Walk Talk“ entgegen rollt – flankiert von einem gestreiften Kenneth Noland, dessen Rechteck sich trapezartig verformt, als wolle sich auch dieses Werk unbedingt und mit aller Macht vom Fleck bewegen.

Es ist schade, dass die Verantwortlichen von curated by_vienna es den Galerien dieses Jahr so schwer gemacht haben. Denn man kann den vielen Künstlern kaum vorwerfen, dass sie sich an einer Aufgabe kuratorisch und konzeptionell die Zähne ausbeißen mussten, an der schon manch gestandener Kurator gescheitert ist. So kann man nur hoffen, dass sich die Macher des Projekts im nächsten Jahr besinnen und eine Aufgabe erfinden, die sich bewältigen lässt. Denn organisatorisch und diplomatisch kommt curated by_vienna ohnehin einem Kraftakt gleich. Warum sollte man sich in einer so vielseitigen Szene wie Wien ohne Not an einem komplizierten kuratorischen Regelwerk verheben?

Curated by_Josef Dabernig: Béla Tarr: „Sátántangó“ – Galerie Andreas Huber. Vom 7. Mai bis 5. Juni 2010
Curated by_Mathias Poledna: Karthik Pandian/Mathias Poledna – Galerie Meyer Kainer. Vom 7. Mai bis 5. Juni 2010
Curated by_Anna Jermolaewa:
Kino-eye moves the time backwards Engholm Galerie. Vom 7. Mai bis 6. Juni 2010
Curated by_Julien Bismuth:
Auteur/ Amateur – Layr Wuestenhagen. Vom 6. Mai bis 5. Juni 2010
Curated by_The Blue Noses Group:
Parallel Films - Video Remakes, Fortsetzungen und Vorläufer von Kino und TV– Knoll Galerie. Vom 6. Mai bis 6. Juni 2010
Curated by_Valie Export:
Mrs. Roberts is gonna be late – Charim Galerie. Vom 6. Mai bis 5. Juni 2010
Curated by_Albert Oehlen:
Filmschönheit – Galerie Mezzanin. Vom 7. Mai bis 5. Juni 2010


Mut zum Zusammenhang von Astrid Mania
Pünktlich zur Messe demonstrieren die Wiener Galerien Geschlossenheit. Das Projekt curated by_vienna 09 ist eine starke Konkurrenz zum Messealltag.

Selbstbewusste Flexibilität von Astrid Mania
Für curated by_vienna 09 verwandeln Gastkuratoren die Wiener Galerienszene in eine urbane Großausstellung. Zwei der vier Projekte initiieren Dialoge zwischen Künstlern.

Anschub Ost von Astrid Mania
Die VIENNAFAIR 2010 zeigt sich qualitativ immer noch disparat, überzeugt aber erneut mit ihrem Schwerpunkt auf Kunst aus Ost- und Zentraleuropa.


Weitere Artikel von Astrid Mania


Feedback abgebenFeedback abgeben
Artikel druckenArtikel drucken