Wiedereröffnung Kunstsammlung Nordrhein-Westfalen, Düsseldorf

Die Beschleunigung der Urteilskrise

Georg Imdahl
16. Juli 2010

Auch die Landeshauptstadt Düsseldorf weiß, dass künstlerische Massenunterhaltung eine circensische Herausforderung ist. Zeitgenössische Ausstellungen sind noch immer ein probater Weg, um Touristen- und Besucherströme anzulocken, doch das globalisierte Flaneurspublikum will aufwändig unterhalten werden. Der gute, alte Museumsbesucher, der mit konstanter Begeisterung die immer gleichen Werke betrachtet, hat entweder nie existiert oder er ist ein Fossil vergangener Zeiten. Heute muss kontinuierlich verändert, neu gehängt, am besten aber gleich expandiert oder angebaut werden, eine Disziplin, in der Düsseldorf bereits einigen Eifer an den Tag gelegt hat. So wurde der 1986 eröffnete, markante Granitbau für die Kunstsammlung Nordrhein-Westfalen 2002 um das Ständehaus als Dependance für die Kunst nach 1980 erweitert. Zeitgleich mit einem jüngsten Direktoriumswechsel – Marion Ackermann löste im Vorjahr Armin Zweite ab – wurden beide Häuser einer inneren ästhetischen Korrektur unterzogen, und nun, am vergangenen Wochenende, wiedereröffnet.

Geändert hat sich architektonisch einiges, so wurde das K20 in der Altstadt vom Kopenhagener Architekturbüro Dissing + Weitling saniert und mit einem Anbau versehen, womit ein mittlerweile zwanzig Jahre altes Versprechen der Landesregierung eingelöst wird. Die einschneidendste jüngste Änderung ist aber wohl im Selbstverständnis des Museums erfolgt. So urteilt Marion Ackermann, es könne gar nicht genug gute Kunst geben, „und das Schönste ist es, wenn das Museum deren Entstehung anregt“. Das Museum als Ursprung, nicht nur als Aufbewahrungsort von Kunst – dieses Ideal ist nur konsequent aus der Sicht einer Institution, die sich im Wettbewerb mit den anderen Playern des Kunstbetriebs längst genötigt sieht, die Funktion souveräner Auslese und Bewertung zu relativieren, um selbst als Akteur ins Geschehen einzusteigen. In einer Zeit, in der Museen zu Durchlauferhitzern längst arrivierter Positionen werden, muss man das nicht beklagen. Die Frage ist allein, was auf Anregung des Museums konkret produziert werden soll: Wie viel Mut soll der Zirkus zeigen?

Schon Anfang des Jahres hatte Marion Ackermann im K21 eine Mischpräsentation von Klassischer Moderne und Gegenwart erprobt, ohne dass sich in diesem Versuch eine sonderliche Inspiration zu erkennen gegeben hatte. Nun sind die Bestände wieder getrennt, die von Werner Schmalenbach seit den frühen 1960ern aufgebaute Sammlung verbleibt geschlossen im K20. Zwar ist die frühere großzügige Weitläufigkeit einem verwinkelten Parcours mit kleineren Einheiten gewichen, der einen Bogen von Fauvismus und Impressionismus bis zum berühmten „Amerikanersaal“ mit Werken seit den 1950er-Jahren schlägt. Doch hat Ackermann den Bruch gekittet, den Zweite zuletzt zwischen Surrealisten und der Malerei Gerhard Richters hatte entstehen lassen. Der Rundgang ist homogener geworden, in seiner etwas aseptischen Präsentation aber auch schulmäßiger. Untergemischt werden der Sammlung einige wenige zeitgenössische Arbeiten, darunter Olafur Eliassons Installation Your natural yellow daylight, ein mehrere Etagen verbindender Lichtschacht mit Nebelschwaden im Monofrequenzlicht. Bei günstigem Lichteinfall ist sie gewiss schön anzusehen, regt die grauen Zellen aber nur mäßig an und trägt zur Auseinandersetzung mit den Beständen wenig bei. Das wirkt wie gemäßigte Markenpflege.

Schlüssiger wird das Ziel, die Zusammenarbeit mit Künstlern zu intensivieren und in gemeinsamen Projekten münden zu lassen, im K21 in die Tat umgesetzt. Hier sind unter der Leitung von Susanne Meyer-Büser 26 Künstlerräume eingerichtet worden. Die hauseigenen Bestände (darunter Christian Boltanski, Katharina Fritsch, Ilya Kabakov, Imi Knoebel, Juan Muñoz, Nam June Paik, Thomas Schütte, Jeff Wall) werden angereichert durch monografische Räume, die als Dauerleihgaben bis zu einem Jahr bleiben sollen. Da die Raumeinheiten des ehemaligen Landesparlaments bisweilen von bescheidenen Ausmaßen sind und in kuratorischer Hinsicht nicht allzu viel Spielraum lassen, kommt es im K21 insgesamt auf den Rhythmus der Räume und der Gattungen an, wofür in sich schlüssige Räume und einzelne Arbeiten unter anderem von Mark Leckey, Daniel Roth und Janet Cardiff & George Bures Miller stehen. In den Arkadengängen überzeugt Claudia Wieser mit stark vergrößerten Schwarz-Weiß-Aufnahmen von belgischen Treppenhäusern aus dem 16. bis 18. Jahrhundert, die als fiktive Architektur die reale durchdringt.

Im Zentrum der Neukonzeption steht Thomas Hirschhorns Intensif-Station, die der gesamten K21-Präsentation ihren Namen verliehen hat, ein mehrteiliges Kabinett, in dem Fotografien von Krieg und Pornographie collagiert sind und sich zu einer grellen Kapitalismuskritik paaren. Es bildet sich eine Art zeitgeschichtlicher Schwerpunkt heraus, zu dem Hans-Peter Feldmann mit seiner jüngsten Serie 9/12, einer Aneinanderreihung Dutzender Titelseiten internationaler Tageszeitungen vom 12. September 2001, beiträgt. Ein Erinnerungsenvironment ist auch Monika Sosnowskas sehenswerte In-situ-Skulptur Die Treppe. In kluger Setzung hat die Künstlerin eine deformierte Wendeltreppe an der „Piazza“ installiert, die hoch oben auf der Dachgalerie über ein Geländer klettert und sich dann an der Riesenwand hinab ins Atrium windet – rote Handläufe spielen dabei auf die Treppenhäuser in der sozialistischen Warschauer Wohnblock-Architektur an.

Bleibt für das K21 die Lösung einer Aufgabe, die sich als bislang schwierigste Herausforderung erwiesen hat: die passende Bespielung des Obergeschosses. Von einer grandiosen Glaskuppel überwölbt, möchte es die Kunst einfach nicht recht zur Geltung kommen lassen. Vielleicht würde man hier lieber einen Cappuccino trinken und den Blick über die Stadt schweifen lassen als Kunst zu gucken. Nun aber heftet sich das K21 ausgerechnet an diesem Ort dem Zeitgeist allzu dicht an die Fersen, wenn es einem jungen ambitionierten Bildhauer wie Markus Karstieß viel zu früh einen viel zu großen Auftritt gewährt, für den sich ein Museum wie dieses eigentlich nicht zuständig fühlen sollte. So rasch wie der Düsseldorfer Künstler, der den Skulpturengarten eingerichtet hat und darin mit eigenen Arbeiten vertreten ist, muss man die Karriereleiter nicht erklimmen – das K21 kann jedenfalls plausible Auswahlkriterien für eine solche Präsentation nicht transparent machen. Spätestens da tritt die Problematik des neuen Selbstverständnisses der Kunstsammlung deutlich zu Tage. Als Katalysator der laufenden Produktion ist das Museum in dieselbe Beweisnot, um nicht zu sagen Urteilskrise geraten, in der die anderen Instanzen auch stecken, die mit dem Versprechen auf Qualität oder gar auf Deutungshoheit antreten. Insofern bietet die Kunstsammlung ein anschauliches aktuelles Beispiel auch dafür, wie riskant die strategische Nähe zur Kunstproduktion ist. Vor allem dann, wenn es weniger um inhaltliche Rückkoppelungen geht, sondern darum, an den Energien der aktuellen Produktion zu partizipieren und sie auf die eigenen Sammlungsbestände überzuleiten.

„Intensif-Station“ mit Nam June Paik, Imi Knoebel, Christian Boltanski, Ilya Kabakov, Lucy Skaer, Janet Cardiff & George Bures Miller, Rafale Lozano-Hemmer, Monica Bonvicini, Katharina Fritsch, Nathalie Djurberg, Hans-Peter Feldmann, Ulla von Brandenburg, Jan Christensen, Santiago Cucullu, Zilla Leutenegger, Daniel Roth, Gabriel Vormstein, Claudia Wieser, Ralf Ziervogel - 26 Künstlerräume im K21 STÄNDEHAUS, Düsseldorf. Vom 10. Juli 2010 bis 4. September 2011

Wiedereröffnung der ständigen Sammlung K20 am Grabbeplatz, Düsseldorf. Ab 10 Juli 2010

Karin Sander: „Museumsbesucher” - K20 Grabbeplatz (Labor), Düsseldorf. Vom 10. Juli 2010 bis 23. Januar 2011


Pimp My Collection von Jörg Scheller
Die Staatliche Kunsthalle Karlsruhe hat Mirosław Bałka eingeladen, ihre Sammlung altdeutscher Meister zu verfremden. Das Ergebnis ist raumgreifend, lässt aber alle Fragen offen.


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