Wie die Kölner Kunstlandschaft mit dem Aderlass Richtung Berlin umgeht

Option zur Umkehr

Stefan Kobel
22. August 2008
Geht da was im Rheinland? Nach jahrelangem Niedergang scheint so etwas wie Hoffnung und neue Zuversicht aufzukeimen. Der schnelle Tod der dc contemporary in Düsseldorf und das unwürdig halb öffentlich aufgeführte Schauspiel um den Direktorenposten der Art Cologne waren der Tiefpunkt in einem von Selbstzerfleischung und persönlichen Ränkespielen begleiteten Bedeutungsverlust. Immer mehr der einstmals tonangebenden Galeristen kehrten dem Rheinland den Rücken und zogen vom Rhein an die Spree, wie etwa Aurel Scheibler oder jüngst die Galerie Sprüth/Magers. Andere ließen wenigstens einen Koffer zurück, wie Raphael Jablonka und Ulrich Fiedler, die sich immerhin noch einen Showroom im Belgischen Viertel teilen.

Jetzt scheint sich der Wind gedreht zu haben. Die Art Cologne hat sich unter ihrem neuen Leiter Daniel Hug viel vorgenommen, und nachdem die Messegesellschaft begriffen zu haben scheint, dass es so wie bisher nicht weitergehen konnte und der Mutter aller Kunstmessen den Umzug in attraktivere Hallen gestattet, ohne dass diese bis auf den letzten Quadratmeter vermietet werden müssen. Und die einheimische Galerienszene arbeitet ebenfalls konstruktiv mit. Das muss sie auch. Nachdem Ex-Chef Gérard Goodrow von einer Gruppe Kölner Aufständischer weggeputscht wurde, ist sie in der Pflicht. Endlich machen Kölner Galeristen bei ihren Kollegen Werbung für den Standort anstatt ihn schlechtzureden. Die Messe wird dem Vernehmen nach im Gegenzug den jungen Kölner Galerien nicht nur ideell unter die Arme greifen.

Parallel zum Weggang der alteingesessenen haben sich junge Kunstvermittler etabliert. Schon länger tätig sind Michael Wiesehöfer und die fusionierten Kudlek van der Grinten. Beide sitzen vis á vis in der Schaafenstraße direkt neben dem Neumarkt. Zu ihnen hat sich Marion Scharmann gesellt, die bis vor kurzem ihr ganz junges Programm in einer Etagenwohnung präsentierte. Nur einen Steinwurf entfernt hat BQ dem Schnittraum ein Ladenlokal überlassen. Lutz Becker hat seinen Off-Schnittraumin eine Galerie überführt, mit der er schon im ersten Jahr an der als Sprungbrett geltenden Liste Basel teilnehmen durfte. Das dürfte er nicht zuletzt der Nähe zu Jörn Bothnagel (BQ) und Christian Nagel zu verdanken haben, die mittlerweile auch bei der Art Cologne als Beiratsmitglieder an entscheidender Stelle mitwirken. Jörn Bötnagel und YvonneQuirmbach werden allerdings selbst voraussichtlich an der Spree eröffnen und am Rhein zumachen.

Mit den neu gewählten Sprechern der Kölner Galerien, Linn Lühn und Thomas Rehbein schafft es jetzt sogar dieser lose Zusammenschluss, etwas Größeres auf die Beine zu stellen: Für den 30. August haben sich 42 Mitglieder zusammengetan, um eine Art Gallery Weekend light zu organisieren. Jede von ihnen darf 12 Sammler, Kuratoren und andere VIPs einladen, die einen Limousinenshuttle nutzen und abends erst im Museum Ludwig, später im Skulpturenpark verköstigt werden. Die anschließende Party steht – anders als in Berlin – allen offen. Aber Köln wäre nicht Köln, gäbe es nicht einige, die querschießen. Der Termin sei unglücklich, weil in den Ferien, so ist zu hören. Verlängerte Öffnungszeiten bieten gleichwohl alle an. Die Innovation geht sogar noch weiter. Ab nächstem Jahr wollen Düsseldorfer und Kölner kooperieren und zweimal im Jahr – einmal davon zur Art Cologne – gemeinsam um Kunden werben. Noch vor einem Jahr wäre das undenkbar gewesen.

Doch auch in Düsseldorf hat sich einiges getan. Kontinuierlich hat sich die Galerienszene dort verjüngt und vergrößert. Relativ unbemerkt ist dort auch auf Handelsseite ein Potenzial entstanden, das mit dem Lokalrivalen rheinaufwärts durchaus mithalten kann. TZR (ehemals Bochum), Rupert Pfab oder Van Horn heißen die Newcomer, die Düsseldorfs Namen als Szenestadt auf den Kunstmessen in die Welt tragen. Anders als in Köln spielt hier allerdings die Stadt mit. Düsseldorf hat, oft als Public Private Partnership, seine Museen erheblich aufgewertet und auch sonst in Kultur investiert.

Beim Handel mit der Alten Kunst hat das Rheinland nach wie vor die Nase vorn. Mit Elmar Robert (Ars Medievalis) und Hubertus Erfurt sind Neugründungen zu vermelden, die auch gleich bei wichtigen Messen zugelassen sind. Berlin hat in diesem Bereich wenig zu bieten. Die ehemalige Westdeutsche Kunstmesse, heute Cologne Fine Art & Antiques, profitiert trotz eigener Schwäche von dem ewigen Hickhack, das sich Münchener seit Jahren liefern – dieses Jahr buhlen allein drei Messen (Kunstmesse München, Konrad Bernheimers Munich Highlights und neu die von Bamberger Händlern initiierte Fine Art & Antiques im Haus der Kunst) um Sammler und Aussteller gleichermaßen. Sollten die rheinischen Bande halten, könnten sich im Westen sogar mit der runderneuerten Kölner Messe und der privaten Antique & Kunstmesse Düsseldorf im Frühjahr und Herbst abgehaltene Veranstaltungen abwechseln.

Die Renaissance geht gar so weit, dass ein Galeristen-Urgestein wie Michael Werner einen teilweisen Rückzug vom Rückzug macht. Er selbst ist zwar in den Süden Berlins gezogen. Doch seine Galerieräume wird er wiedereröffnen. Vor acht Monaten war der Ausstellungsbetrieb am Rhein eingestellt worden. Jetzt geht es weiter. Der Ex-Deutschbanker Rolf Unkel ist als Partner in das Unternehmen eingestiegen und hält die Wacht am Rhein. Das Engagement dürfte nicht nur patriotische Gründe haben. Möglicherweise muss sich die alte Erkenntnis doch noch ein wenig weitervermitteln, dass in der Hauptstadt szenemäßig zwar der Bär steppt, der Honig in Form des Sammlergeldes jedoch in Köln versteckt ist.

Nach der jahrelangen Lähmung der Szene wird man sich langsam bewusst, mit welchem Pfund man eigentlich wuchern kann. Schließlich ist das Rheinland als Ganzes ein kultureller Ballungsraum, der mit der Metropole hinsichtlich Kaufkraft und Institutionendichte mehr als mithalten kann. Das soll ein Heft demonstrieren, das seit heute an vielen Orten im Rheinland ausliegt, bundesweit an rund 1.000 ausgewählte Adressen versendet wird und sogar seinen Weg nach Berlin findet: „Cahier erscheint drei Mal im Jahr und informiert über eine Auswahl an Ausstellungen zeitgenössischer Kunst im Rheinland“, heißt es im Impressum. Einerseits ist das eine gute Nachricht. Herausgeberin von Cahier ist die Galeristin Linn Lühn, die nach eigenen Angaben zusammen mit der Redakteurin Vanessa Joan Müller, Direktorin des Düsseldorfer Kunstvereins, die Auswahl getroffen hat. Das riecht schon wieder nach Klüngel, zumal Neumann Luz Communication die PR macht. Immerhin ist es aber ein Versuch, das Rheinland der Bildenden Kunst als vernetzte Region vorzustellen. Das hat bisher niemand ernsthaft unternommen.

Dass dabei die Linke nicht immer weiß, was die Rechte tut, kann ab diesem Wochenende bewundert werden, wenn die Off-Show Artrmx an 30 Orten eine Auswahl junger Künstler zeigt. Selbst in Köln weiß kaum jemand aus der Szene etwas von der Veranstaltung. Dabei ist die Jury, die aus den „380 Künstlern aus aller Welt“ 52 Beiträge zum Jahresthema „Where is my mind?“ ausgewählt hat, durchaus mit einschlägigen und – wiederum – lokalen Namen besetzt. Die Initiative könnte durchaus ins Leere verlaufen, wenn die Veranstaltung sich inhaltlich als so schwachbrüstig herausstellt wie das Echo im Vorlauf.

Immerhin, nachdem man in Köln jahrelang wie das Kaninchen auf die Schlange nach Berlin gestarrt hat, tut sich etwas am Rhein. Wenn die Rheinländer nur endlich ihren Klüngel abstellten, mit dem sie nicht ohne Erfolg Berlin infiziert haben (Art Forum Berlin vs.Gallery Weekend/abc), könnte die Chance bestehen, dass sich eine dezentrale rheinische Kulturszene als Gegenpol zum Moloch Berlin dauerhaft etabliert.


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