West-Ruck in der Führung des Ullens Center for Contemporary Art

Personalführung von oben

Andreas Schmid
19. Februar 2008
Nur drei Monate nach der feierlichen Eröffnung soll der künstlerische Leiter des Ullens Center for Contemporary Art (UCCA) Fei Dawei durch den französischen Kurator Jérôme Sans ersetzt werden. Dies soll heute auf einer Pressekonferenz in Paris bekanntgegeben werden.

Damit wird der einzige Vollchinese die Riege der Chefkuratoren des neuen Centers verlassen, um seinen Platz für einen „Westler“ zu räumen. Fei Daweis Nachfolger steht zur Zeit noch als „Associate Director (Art)“ auf der Gehaltliste des Baltic Arts Centre in Gateshead, für das er zunächst als Programmdirektor zuständig war, bis er von diesem Amt überraschend nach vierzehn Monaten zurücktrat. Zuvor war der 48jährige vor allem als Mitgründer und Kurator des Palais de Tokyo bekannt geworden.

Dass Sans diese Karriere so unerwartet am UCCA fortsetzen wird, erscheint zunächst verblüffend. Vorerfahrungen des neuen Direktors mit der chinesischen Gegenwartskunst sind in der Szene bislang nicht bekannt. Ganz im Gegensatz zu Fei Dawei ist Sans in China und in der chinesischen Kunstszene keine profilierte Figur. Immerhin war der nun zum „Forschungsmitarbeiter“ degradierte und in die zweite Reihe verbannte Fei Dawei als Co-Kurator maßgeblich an der berühmten Ausstellung der „85er Bewegung“ im Februar 1989 beteiligt und hatte nach dem Massaker im Juni desselben Jahres das Land verlassen müssen – eine Biographie die viele Beobachter auch als Hinweis auf die unabhängige Ausrichtung des neuen Hauses in Peking gedeutet hatten.

Für das gerade eröffnete Center ist der Wechsel also zunächst kein gutes Zeichen, sondern hat einen kolonialen Beigeschmack. Die abermalige Bevorzugung einer Person mit europäischem Hintergrund könnte den chinesischen Stolz berühren; sie wirkt auch seltsam deplatziert, da die Chance des UCCA gerade darin bestand, in einer Kooperation von Chinesen und Ausländern das Prinzip des Non-Profit Space und Forschungszentrums wie in einem Modell vorzuführen. Nun könnten sich genau diejenigen bestätigt sehen, die dem Stifterpaar schon nach der Eröffnung eine koloniale Attitüde bescheinigen wollten.

Möglicherweise aber lässt eine solche Wertung die realen chinesischen Machtverhältnisse außer acht, von denen auch die prosperierende Kunstszene nicht ausgenommen ist. So spricht manches dafür, dass es ausgerechnet die politische Vergangenheit ist, die Fei Daweis kuratorischer Karriere hier zum Verhängnis wurde. Nach Angaben aus internationalen Händler- und Galeriekreisen sollen staatliche Stellen massiven Druck auf das Sammlerehepaar ausgeübt haben, Fei Daweis Führungsposition zu beschneiden. Kurz vor den olympischen Spielen soll der Staat sogar ausdrückliche Sympathien für eine internationale Besetzung von außen bekundet haben, was insofern kaum verwundert, als ein wenig vorinformierter Kurator wie Sans weitaus leichter von den Behörden zu beeinflussen ist, als der bisherige Direktor mit seiner langjährigen Erfahrung und seinen Kontakten in die unterschiedlichsten Szenen und zu den unterschiedlichsten Akteuren des chinesischen Kulturbetriebs. Es versteht sich von selbst, dass Bestätigungen für diese Sicht der Dinge von staatlicher Seite nicht zu erhalten sind.

Oder sind es die Querelen mit einem der einflussreichsten chinesischen Starkünstler (und dessen dazugehörigem Schweizer Sammler), die als Bumerang auf Fei zurückschlagen, der angeblich auch Intrigen seiner Mitdirektoren erdulden musste, die nach bislang nicht zu erhärtenden Informationen aus dem Umfeld des UCCA bereits in früheren Zeiten mit unkollegialem Verhalten aufgefallen sein sollen?

In jedem Fall steht das UCCA, dieses Experiment einer vorsichtigen Öffnung nach behutsam importierten europäischen Standards, auf dem Prüfstand. Ob damit auch die kunstbetriebliche Öffnung zwischen China und Europa Schaden nimmt, wird sich zeigen.


Mehr im Dossier  Kunst in China

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