13. Mai 2005
Kultur und Wirtschaft rücken in diesen Jahren immer näher zusammen und das nicht nur aus Gründen der Finanzknappheit in der staatlichen und föderalen Kulturförderung. In Zeiten, in denen Unternehmen und Konzerne ihre bürgerschaftliche Pflicht ernst nehmen, investieren sie im Stil eines klassischen „Corporate Citizen“ einen Teil ihres wirtschaftlichen Erfolges in die Bereiche Soziales, Wissenschaft, Bildung, Kultur und Sport. „Corporate Cultural Responsibility“ heißt das Zauberwort, das diese Aktivitäten begrifflich subsumiert und nicht zufällig handelt es sich dabei um einen Terminus, den wir direkt aus Übersee importiert haben. In den Vereinigten Staaten ist es schon lange Usus, dass die Wirtschaft oder auch wirtschaftlich erfolgreiche Privatpersonen einen Teil der finanziellen Last der Kulturproduktion im Land tragen und Dinge ermöglichen, für die öffentliche Gelder nicht oder nicht ausreichend vorhanden sind. Sie treten damit für die Interessen der Gemeinschaft ein und lassen die Gesellschaft an ihrem Erfolg partizipieren.
Die Rollenverteilung scheint in dieser Zweckehe klar: Die Wirtschaft stellt die Mittel bereit, welche die Kultur zur Verwirklichung der eigenen Ziele verwendet. Das klingt wie ein faires Geschäft, geht man davon aus, dass jede Form der Kulturproduktion einen gesellschaftlichen Mehrwert schafft, der am Ende dem Gemeinwohl, also auch den Unternehmen, zugute kommt. Die Realität stellt sich aber weitaus differenzierter dar. Bei näherer Betrachtung zeigt sich die ganze Bandbreite der Möglichkeiten und Risiken einer solchen Partnerschaft; sie reicht von einer extrem engen Bindung der Kunst an das Unternehmen bis zu einer Liaison mit größtmöglichem Abstand. Ebenso sind die unterschiedlichsten Motivationen zu beobachten, warum sich zum Beispiel ein Unternehmen im Bereich Kunst engagiert. Aber allen Illusionen zum Trotz geben meist persönliche Affinitäten von Entscheidern den maßgeblichen Impuls.
So auch im Falle der Generali Foundation, deren Präsident und derzeit scheidender Vorstandsvorsitzender der Generali Holding Vienna, Dr. Karner, den Entschluss herbeigeführt hat, mit dem Unternehmen im Bereich Kunst aktiv zu werden. Bereits 1988 wurde die Foundation von dem österreichischen Teil des Versicherungskonzerns als eigenständiger, gemeinnütziger Verein zur Förderung zeitgenössischer bildender Kunst gegründet. Die Mitglieder des Kunstvereins sind die Unternehmen der Generali Gruppe Österreich, die durch ihre Mitgliedsbeiträge die Finanzierung des Projekts übernehmen. Seit 1995 verfügt die Foundation über ein eigenes Gebäude, das sich, räumlich von den Firmengebäuden getrennt, in der Wiener Innenstadt befindet. Hier finden jährlich drei Themenausstellungen statt und neben den insgesamt 900 Quadratmetern Ausstellungsfläche befindet sich dort auch das Depot für die Sammlung sowie ein öffentlich zugänglicher Studienraum und der Verwaltungsbereich der Institution.
Die Sammlung an sich verfügt momentan über einen Bestand von rund 1400 Werken von 160 internationalen Künstlerinnen und Künstlern, darunter auch einige Schlüsselwerke der jüngeren Kunstgeschichte wie zum Beispiel das Tapp und Tastkino von Valie Export von 1968. Ebenso beinhaltet die Sammlung herausragende Arbeiten konzeptueller und performativer Kunst, thematisiert die Grenzbereiche von Architektur und Design und zeigt künstlerische Positionen, die die Rolle der Medien und gesellschaftliche Parameter analysieren und kritisch hinterfragen. Kurzum – und das ist das besondere an dieser Firmen-Kollektion –, sie ist thematisch klar ausgerichtet und formuliert einen präzisen inhaltlichen Anspruch. Hierbei reichen die Arbeiten von der jüngsten Gegenwart bis in die späten 1950er und frühen 1960er Jahre zurück und behandeln eine – im speziellen Bezug auf das Thema – verhältnismäßig junge Kunsthistorie von den Anfängen bis heute.
Die Künstlerliste liest sich, trotz des überschaubaren jährlichen Ankaufsetats von 180.000,- Euro, wie ein Who-is-Who der österreichischen Kunst nach 1945 und wird durch Namen international anerkannter Kollegen von höchstem Rang ergänzt. So finden sich zum Beispiel Arbeiten von den Österreichern Gottfried Bechtold, Hans Hollein, Dorit Margreiter, Gerwald Rockenschaub, Franz West und Heimo Zobernig ebenso in der Kollektion wie solche von Harun Farocki, Isa Genzken, Bruno Gironcoli, Hans Haake, Gordon Matta-Clark oder Andreas Siekmann. Ihrem hohen Selbstanspruch entsprechend, legt die Generali Foundation großen Wert auf die Erstellung von Publikationen, die weniger zur Dokumentation der eigenen Aktivitäten dienen, als vielmehr dem Ziel folgen, nachhaltige und hochqualitative Veröffentlichungen zur zeitgenössischen Kunst zu sein. Nicht selten werden Arbeiten auch in direkter Kooperation mit den Künstlern für Ausstellungen produziert, die anschließend in den Bestand der Sammlung übernommen werden. Prominentestes Beispiel hierfür ist wohl die Arbeit New Design for Showing Videos (1995) von Dan Graham, in der Catherine David auf der Documenta X Filme von Jean Luc Godard zeigte.
Eine untrennbar mit dem Erfolg der Institution verbundene Person ist Dr. Sabine Breitwieser, die erste Künstlerische Leiterin und Geschäftsführerin des Vereins. Sie wurde 1991, sozusagen als Kind der ersten Stunde, eingesetzt und lenkt seither die Geschicke des Projekts. Sie gibt in Abstimmung mit dem Vorstand und dem künstlerischen Beirat, der bis 2003 alle drei Jahre wechselte, die inhaltliche Richtung vor und entwickelt und etabliert das Gesamtkonzept. Was die Kunst betrifft, habe Frau Breitweiser nach eigenen Angaben von Anfang an freie Hand gehabt. Das erklärt auch, warum sich die Foundation heute als eigenständige museale Institution präsentieren kann – mit einem Sammlungsbestand, der gesellschaftskritische Themen besetzt und im Grunde nichts mit der Repräsentationspolitik manch anderer Unternehmen, die sich der Kunst widmen, zu tun hat.
Erstaunlich ist allerdings, mit wie viel Distanz zur Foundation das Unternehmen öffentlich auftritt und wie wenig präsent das Kunstprojekt in der externen Kommunikation des Versicherungskonzerns ist. Vergeblich sucht man auf der Website der Generali Foundation einen Link zum Unternehmen und auch umgekehrt wird man nur schwer fündig. Die Generali-Gruppe agiert also mehr oder weniger ausschließlich mäzenatisch und scheint die Klaviatur des Corporate Citizenship ganz bewusst nicht spielen zu wollen. Hier heißt nämlich eine der goldenen Grundregeln: „Tue Gutes und rede darüber“ – was natürlich nicht im Sinne überzogener Selbstdarstellung an falscher Stelle missverstanden werden darf. Dem Kunstengagement der Generali, das in seiner Professionalität und Qualität durchaus über Alleinstellungsmerkmale verfügt, würde eine adäquate Anbindung und eine größere Nähe zum Unternehmen sicherlich gut anstehen. Das nämlich – so zeigen Projekte wie das Siemens Arts Program oder die Columbus Art Foundation – muss nicht grundsätzlich zum Nachteil für die Kunst sein. Eher im Gegenteil können sich dadurch für die Künstlerinnen und Künstler interessante neue Kontexte und Rezeptionsmöglichkeiten ergeben und das Unternehmen etabliert sich vom Sponsor zum Partner und erschließt dadurch verschiedenste Möglichkeiten, für sich und die Kunst zusätzlichen Mehrwert zu generieren.
Ihrer Verantwortung dem Versicherungskonzern und seinen Mitarbeitern gegenüber ist sich Frau Breitwieser jedoch trotz ihrer Unabhängigkeit bewusst. Allerdings liege, wie sie selbst sagt, ihr Augenmerk eher auf einer internen Vermittlungsarbeit als auf externem Marketing. Befragt über die Reaktionen von Mitarbeitern auf die Kunst im Firmengebäude, berichtet sie von der Schwierigkeit, die Menschen im harten Berufsalltag für eine Auseinandersetzung mit der Kunst zu motivieren. Als sie angefangen habe, für die Generali zu arbeiten, sei dies noch anders gewesen. Ebenso seien die in der Sammlung vertretenen Künstlerinnen und Künstler zwar sehr am Unternehmen und den Personen, die dahinter stehen, interessiert, eine direkte künstlerisch-inhaltliche Auseinandersetzung finde aber eher selten statt. Eine der Ausnahmen allerdings ist Andrea Fraser. Sie analysiert in ihrer Arbeit Ein Projekt in zwei Phasen (1994-95) die nicht sichtbaren Formen und Leistungen der Kunstinstitution Generali Foundation im direkten Kontext des Unternehmens. In einem Bericht, den sie dazu verfasste, schreibt sie: „Die künstlerische Leitung der EA-Generali Foundation war der Ansicht, dass meine Dienstleistungen von Nutzen sein könnten, den Spannungen zu begegnen, die im Zusammenhang mit den Aktivitäten der Foundation entstanden waren“. Ob sie mit diesem Vorhaben allerdings Erfolg hatte, fällt sicherlich in den nicht messbaren Bereich der positiven Auswirkungen eines Kunstprojektes auf ein Unternehmen.
Bleibt am Ende noch die Frage, ob sich durch die unterschiedlichsten von der Wirtschaft initiierten Kunst-Projekte auch die Kunst verändern wird. Schließlich eröffnet sich hier neben neuen Möglichkeiten der Kunstbetrachtung durch veränderte Kontexte auch ein immer stärker werdender Markt. Was die Generali Foundation betrifft, ist diese Frage allerdings schnell und zweifelsfrei mit „Nein“ zu beantworten. Denn der Kunstverein konzentriert sich, seinem Selbstverständnis folgend, auf die klassischen Aufgaben eines Museums und stellt die Forschung sowie die Dokumentation und Erhaltung von Kunstwerken in den Mittelpunkt seiner Aktivitäten.
Spätestens im Gespräch mit Dr. Sabine Breitwieser wird klar, dass das Maß der Dinge ausschließlich eine systemimmanente und höchst qualitätvolle Auseinandersetzung mit der Kunst ist. Dabei bewahrt die Generali Unternehmensgruppe, als Finanzier des Projekts, zwar die hehren Ziele und Absichten der „Freiheit der Kunst“, läuft jedoch Gefahr, das eigene Gold in den Händen zerrinnen zu lassen. Unter diesem Aspekt betrachtet, möchte man den Verantwortlichen dann auch uneingeschränkt zu einem Kunstprojekt höchster Qualität gratulieren, das sicherlich Seinesgleichen sucht – nur vielleicht die Chance verspielt, mit diesem Potenzial neue Wege privatwirtschaftlicher Kulturförderung zu beschreiten.
Bis zum 16. Mai 2005 sind Teile der Sammlung in der Ausstellung Occupying Space im Haus der Kunst, Prinzregentenstr.1 in München zu sehen.
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