16. September 2011
Der Kunstmarkt kommt nicht zur Ruhe. Im Fälscherskandal um Werke der Klassischen Moderne ist nun ein weiteres hochpreisiges Gemälde enttarnt worden. Betroffen ist dieses Mal das Sprengel Museum in Hannover. Dort war man bisher der Meinung, ein Bild des rheinischen Expressionisten Heinrich Campendonk erworben zu haben – pikanterweise nur wenige Monate nach der Verhaftung der mutmaßlichen Fälscherbande um Wolfgang Beltracchi im Spätsommer 2010. Seit Anfang September stehen Beltracchi und die Mitangeklagten Helene Beltracchi, Otto Schulte-Kellinghaus und Janine S. in Köln vor Gericht. Sie sollen in großem Umfang Werk der Klassischen Moderne gefälscht und in den Markt eingeschleust haben.
Noch im Januar dieses Jahres hatte das Sprengel Museum das angeblich 1914 entstandene Gemälde Katze in Berglandschaft als bedeutende Dauerleihgabe vorgestellt. Die Hannoveraner Fritz-Behrens-Stiftung, Käuferin der angeblichen Arbeit Campendonks, rühmte damals das kaufmännische Geschick des Museumsdirektors Ulrich Krempel, dem es gelungen sei, den Kaufpreis um mehr als die Hälfte zu drücken. Eine Million Euro zahlte die Stiftung an die Münchner Galerie Thomas.
Von der „Lupenreinheit“ der Herkunft des Gemäldes schwärmte seinerzeit einer der Stiftungsvertreter in der „Hannoversche Allgemeine Zeitung“. Und tatsächlich deutete nichts an dem Gemälde auf die fingierten „Sammlungen Jägers“ und „Knops“ hin, aus denen zuvor Fälschungen in den Handel geschleust worden waren. Auch die verräterischen Aufkleber auf der Rückseite, die bei den anderen Fälschungen den Schwindel hatten auffliegen lassen, trug das Gemälde nicht. Zudem hatte die Kunsthistorikerin Andrea Firmenich das Bild mit einer großen Fotografie in ihr Campendonk-Werkverzeichnis aufgenommen. Firmenich führt als Vorbesitzer der Katze in Berglandschaft eine Privatsammlung und anschließend die New Yorker Hutton Galleries auf. Von Hutton hatte es Raimund Thomas den unechten Campendonk in den 1990er-Jahren erworben.
Doch wie kam es zu der Aufklärung? Zwar entstammte das Werk erwiesenermaßen nicht den ominösen rheinischen Sammlungen, doch seit der Enttarnung des vermeintlichen Fälscherkollektivs stand jeder neu auftauchende Campendonk zunächst unter Verdacht und so geriet auch das Hannoveraner Werk in Zweifel. Warum man es dennoch erst kürzlich einer chemischen Analyse unterzog, sei dahingestellt. Diese jedenfalls überführte das Werk als Fälschung. Auch die Restauratoren des Museums hatten das Bild vor dem Erwerb durch die Stiftung ebenso wie die hauseigenen Kunsthistoriker untersucht und waren auf keinerlei Indizien gestoßen. „Wir haben das Bild geprüft, soweit wir konnten“, so Museumsdirektor Krempel.
Nun ist der Campendonk also keiner mehr. Das Gemälde soll in den 1980er-Jahren von jenem Wolfgang Beltracchi gemalt worden sein, der derzeit in Köln vor Gericht steht. Damals, er hatte noch nicht den Namen seiner Frau angenommen, hieß er Wolfgang Fischer und auch die Legende vom sammelnden Großvater der Schwestern Beltracchi war noch nicht geboren. Dass trotzdem Rückschlüsse auf die vermutete Fälscherbande möglich waren, führt sich angeblich darauf zurück, dass sich in deren beschlagnahmten Unterlagen Hinweise auf die Katze in Berglandschaft fanden.
Der Skandal zieht damit Kreise, die Misslicheres als die bisherigen Entdeckungen vermuten lassen - denn die Verkäufe aus den fingierten „Sammlungen Jägers“ und „Knops“ gingen bislang nicht hinter das Jahr 1992 zurück. Damit bestätigte sich die Annahme, dass Beltracchis Karriere als Meisterfälscher schon viel früher, nämlich in den 1980er-Jahren begonnen haben könnte.
Heinrich Campendonk selber muss nunmehr als einer der Lieblinge unter Fälschern gelten. Denn dass Beltracchi nicht der einzige war, der sich auf das Fälschen seiner Bilder spezialisiert hatte, weiß man mittlerweile ebenfalls. Nicht nur die in Köln angeklagten Fälscher stehen mutmaßlich hinter zahlreichen Campendonk-Machwerken, auch aus anderen Quellen speisen sich falsche Campendonks, wie jetzt bekannt geworden ist. Die Verdachtsmomente gehen auf ein Berliner Verfahren gegen Fälscher von Werken des Malers Felix Nussbaum zurück. So ist auch das angebliche Campendonk-Aquarell Zwei Pferde in Berglandschaft eine Fälschung, das ebenfalls der Galerist Raimund Thomas 2008 zu einem sechsstelligen Betrag im Zürcher Auktionshaus Koller erworben hatte. Auch diese Arbeit sei, wie Thomas erklärt, 2006 ausführlich durch Andrea Firmenich begutachtet worden. Als Vorbesitzer waren ein „Privatbesitz Starnberg“ und „Privatbesitz Herrsching am Ammersee“ angegeben worden.
Auch dem Kölner Kunsthaus Lempertz hatte man das Blatt angeboten, dort jedoch lehnte man ab, wie Inhaber Henrik Hanstein betont. Ein anderes Campendonk-Blatt aus derselben Quelle gelangte allerdings 2008 über Lempertz für 65.000 Euro in den britischen Handel. Das Liebespaar Heinrich und Adda steht unter dringendem Fälschungsverdacht und wird derzeit chemisch analysiert. Das Resultat steht noch aus. Er habe dem Erwerber zweimal durch seinen Justiziar angeboten, den Kauf zu stornieren, so Hanstein, doch der habe bisher davon keinen Gebrauch gemacht.