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Web 2.0 im Kunstbetrieb

Easycurate und Ryanart

Gerrit Gohlke, Dominikus Müller
12. Juni 2008
„New Life Berlin – Contemporary Art Festival“, organisiert von wooloo.org, Berlin. Vom 1. bis 15. Juni 2008

The Saatchi Gallery – The World’s Interactive Art Gallery. Eröffnung der Galerie im The Duke of York's HQ Building im Sommer 2008.

Rhizome at the New Museum. Mitgliedernetzwerk mit einjähriger Probemitgliedschaft unter der Leitung von Lauren Cornell, Executive Director bei Rhizome und Adjunct Curator des New Museum of Contemporary Art.

Web 2.0 ist erst dreieinhalb Jahre alt, wird aber bereits zu sinkendem Kurs auf dem Gebrauchsbegriffsmarkt gehandelt. Was im Oktober 2004 als glitzerndes Label für die neue, schrankenlose Partizipation in Umlauf gebracht wurde so und  den depressiven New-Economy-Veteranen wieder ein gelobtes Land verheißen wollte, erscheint inzwischen als Standard-Marketing-Etikett, das alles und jedes bedeutet und aus Communities noch lange keine Goldgräberstädte macht. Allmählich hat man genug vom großen Mitmachen. Das Publikum bemerkt, dass Uninteressantes durch Partizipation nicht weniger langweilig wird. Und doch ist „user generated content“ mangels anderer Utopien noch immer das Mantra der Dotcom-Industrie. Es war deshalb nur eine Frage der Zeit, bis der Mitmachimpetus auch in der Kunstwelt ankommen würde. Für den medienkonservativen Kunstbetrieb erschöpft sich die elektronische Vernetzung bislang noch immer weitgehend darin, hunderttausende kleine, bunte Digitalbilder ins Netz zu stellen. Portfolios aber sind Web 1.0 und Web 1.0 war gestern. Wann beginnt Morgen?

Noch hat sich niemand die Domain mystudio.org sichern wollen, um den nicht spezialisierten Social-Network-Seiten „myspace“ und „facebook“ oder deren fast vergessenem Vorläufer „friendster“ eine Künstler-Community zur Seite zu stellen. Der heutige Kunstbetrieb ist noch zu sehr um sein symbolisches Kapital besorgt und verhält sich diskret wie ein Bankverein, auch wenn die Zeiten noch nicht lang vergangen sind, in denen reine Online-Galerien als gewinnbringendes Geschäftsmodell erschienen. Schon 1996 etwa, acht Jahre vor Web 2.0, wurde in Form einer Mailingliste die Non-Profit-Insitution rhizome.org ins Leben gerufen und zunächst zur Ankündigungs- und Kontakt-Plattform und später zu einer Art Online-Kultur-Zentrum ausgebaut, das seit 2003 unter dem institutionellen Dach des New Yorker New Museums seinen Platz gefunden hat.

Die Künstlergründung Rhizome.org nahm als Mischung aus Informationsdienst, Diskussionsplattform und verlinkter Selbstpräsentation kleiner Künstler-Webspaces nicht nur die Einrichtung eines Social-Networks im Kunstbetrieb vorweg, sondern sie wurde auch zum Schauplatz eines ersten erbittert geführten Streits um Kommerzialisierung und Exklusivität künstlerischer Inhalte. Alex Galloway und Mark Tribe, Gründer und Betreiber des Projekts, traten als Entrepreneurs und Kuratoren, als Theoretiker und Galeriedirektoren gleichzeitig auf und brachten große Teile der idealistisch und marktkritisch geprägten Net.art-Community gegen sich auf. Immerhin bescherte der offene Disput dem Projekt am Ende eine transparente Verfassung, eine klare Gewaltenteilung zwischen Vermittlern und Produzenten. Rhizome wurde zu einer Art gemeinnützigem Museum mit Eintrittskarten und blieb so die wichtigste Netzkunst-Community im Netz, ein Vertriebenenzentrum der heimatlosen Internetkünstler, weit entfernt von den Gewinnabsichten einer kommerziellen Galerie.

Ganz anders verhält es sich mit dem größten und funktionalsten Web-2.0-Projekt, das die Kunstwelt bisher gesehen hat: Charles Saatchis Online-Plattform saatchi-gallery.co.uk wird seit Sommer 2007 im Schulterschluss mit dem Auktions- und Ausstellungsmischunternehmen Phillips, de Pury & Company betrieben. Die Idee ist einfach und verführerisch. Künstler melden sich unter dem Dach zweier der marktmächtigsten Namen des Kunstbetriebs auf einer Online-Plattform an und empfehlen sich scheinbar direkt einem profitablen Unternehmen. Circa 80.000 Profile unterschiedlichster Künstler sind dort bereits angelegt. Man kann sie als Besucher der Webseite durchstöbern, gleich bewerten und so dem Meister weiterempfehlen – Marktanalyse nach demokratisch-partizipativen Internetprämissen. Zur letzten Ausgabe der Baseler Messerunde präsentierte Saatchi dann folgerichtig ausgewählte Künstler dieses Systems mit einem eigenen Stand auf der Satellitenmesse Scope. Der gewinnbringende Transfer ist für die Auserwählten geglückt. Der ehemalige Werbe-Zar Saatchi, Entdecker, Förderer, Galerist, Sammler und Museumsdirektor in einem, baut sich eine automatisierte Datenbank zum Talent-Scouting aus, in der die User die Inhaltsbeschaffung erledigen und zugleich zum viralen Marketing beitragen. Das war immer der heimliche Leitspruch des Web 2.0 gewesen: Arbeite nicht selbst. Lass den User für Dich arbeiten!

Mit diesem Konzept war der Startschuss gefallen. Der Name Saatchi ist im Kunstbetrieb ein Synonym für Erfolg. Es konnte nicht lange dauern, bis Nachahmer auch andere Geschäftsfelder des hoch spezialisierten Kunstsystems auf diese Weise abschöpfen würden. Wo der Staat sich zurückzieht und die Anbieterzahl sich weiter vergrößert, wächst der Bedarf nach vermittelnden Maklern. Und so materialisiert sich nun gerade in Berlin mit gekonnter PR wie aus dem Nichts die Social-Network-Kunst-Plattform wooloo.org mit einem Festival namens „New Life Berlin“. Zielgruppe ist hier nicht der marktaffine Maler oder Galerieanschluss suchende Videokünstler, sondern der Künstler in seiner Rolle als „Projektentwickler“, der bisher auf die Aufmerksamkeit von Kuratoren und Kuratorinnen, Kunstvereinen, Jung- und Produzentengalerien, Kunstämtern oder Künstlerhäusern angewiesen war.

Es kann kein Zufall sein, das ein solches Projekt zu einem Zeitpunkt das öffentliche Bewusstsein erreicht, zu dem die staatliche Förderung sich auf Prestigeprojekte konzentriert und die Kommunen und Länder sich sukzessive aus der Verantwortung stehlen. Wohin eigentlich soll sich die gegenwärtige Generation projektorientiert arbeitender, an kommunitären Strukturen interessierter Künstler auf Dauer wenden, wenn die Kulturinstitutionen zunehmend nur noch die Wahl zwischen Blockbuster-Ausstellungen oder Sozialarbeit haben, insgesamt aber, und das ist entscheidend, der Differenzierungsgrad kuratorischer Arbeit kontinuierlich sinkt? Noch hat niemand versucht, die kuratorische Arbeit zu automatisieren. woolo.org aber systematisiert schon einmal die Selbstvermarktung der Projektanbieter und nimmt die Aufteilung des künstlerischen Primärmarktes in die Segmente Business- und Economy-Klasse vorweg. Entsteht hier das Easyjet-Label des Kunstbetriebs?

Was an der Plattform neben der Massivität ihrer Öffentlichkeitsarbeit zunächst auffällt, ist die esoterisch anmutende, fast schon pseudo-religiöse Sprache, die auf Plakaten und der Webseite das schöne neue Leben der Kunst im „Second Life“ des Internets anpreist: Ein Name wie „New Life Berlin“, „Opportunities For Artists“, wie die Selbstbewerbung der Homepage lautet, und die dort zu findende Formulierung, man möchte hier „New Modes of Moving And Existing“ erforschen. Die für eine mit gerade 9.000 Mitgliedern relativ kleine Online-Community übliche Beschwörung des Gemeinschaftscharakters und die stetig wiederholte Partizipations-Litanei tragen nicht gerade dazu bei, das Dickicht zu lichten. Von den eigentlichen Hintergrund-Fakten erfahren die User nichts, das Projekt wirkt wie aus dem Nichts entstanden.

Tatsächlich wurde wooloo bereits 2002 von den Dänen Martin Rosengaard und Sixten Kai Nielsen sowie dem Amerikaner Russel Rushtin gegründet. Nachdem sie bereits 2003 die jeweils ersten Onlineprojekte von Carsten Höller und Liam Gillick hosteten, bauten vor allem Rosengaard und Nielsen im Lauf der letzten Jahre ihre Community Schritt für Schritt aus, zogen 2006 nach Berlin, nahmen 2007 an der Performa in New York teil und gewannen anschließend einen mit 10.000 Euro dotierten dänischen Förderpreis. Mit diesem Geld sowie einer Unterstützung in ähnlicher Höhe durch die Deutsche Bahn und die Dänische Bahn sowie anderen kleineren Sponsoren stemmen sie nun seit dem 1. Juni in Berlin in einer Art Festival den Transfer der Online-Community ins echte Leben.

Die Technik selbst ist dabei so einfach wie Saatchis Online-Fischzug. Die wooloo-Mitglieder sind aufgefordert, sogenannte „partizipative Projekte“ vorzuschlagen, die von einem Beirat begutachtet und anschließend auf der Webseite veröffentlicht werden, so dass sich andere Mitglieder um die Teilnahme an der Realisierung dieser Projekte bewerben können. „Peer to Peer“ in klassischem Sinne, eine Tauschbörse für Partizipation, die über ein Kontrollgremium wohl nur deshalb verfügt, damit zumindest ein Minimum an Qualitätsstandards garantiert werden kann.

Für das Berliner Festival hat man nun 14 Projekte ausgewählt. Die New Yorker Performancekünstlerin Marisa Olsen etwa führt eine Parodie auf Fernseheinkaufshows vor, in einer Wohnung im Prenzlauer Berg wohnen acht wooloo-Mitglieder für die zweiwöchige Festivaldauer in einer Art Dauer-Soap-Opera in selbst gewählten Filmrollen zusammen, zwei amerikanische Kunsthistoriker versuchen, mithilfe von Umfragen und Fragebögen unter den Festival-Teilnehmern eine „Kunst-Karte“ Berlins zu erarbeiten, während andere unter dem seltsamen Titel „Flash Job Campaign“ in Berlins „härtester Nachbarschaft“ Neukölln versuchen, perspektivlosen Jugendlichen bei der Arbeitssuche zu helfen. Unter dem Titel „Open Dialogues“ hat sich „New Life Berlin“ darüber hinaus so etwas wie eine eigene Kritikplattform gegeben, die in Form eines Blogs und zweier kleiner Publikationen das Festival „kritisch“ begleiten möchte. So weit, so gut. Wirklich überzeugen kann aber keines dieser Projekte und wenn man ehrlich ist, entspricht das Niveau eher den unteren Schichten des aktuellen künstlerischen Projektüberangebots.

Interessanterweise aber scheint die Abwesenheit inhaltlicher Qualität dem Festival und der Plattform nicht zu schaden. Die einzelnen Projekte und konkreten Umsetzungen des Web-2.0-Prinzips in einer Art Mitmachkunst für alle muss man auf der Webseite sowieso mit der Lupe suchen. Rein grafisch scheint der Rahmen wichtiger als sein Inhalt zu sein. Das rhetorische Heils-Marketing mit seinem massiven Werbeaufgebot dominiert eindeutig die Kunst. Gewinner ist hier die Webseite und Marke wooloo.org selbst und nicht derjenige, der den konkreten Content liefert. Man wird das Gefühl nicht los, dass wooloo sich als eine Mischung aus Institution und Kunstprojekt inszeniert. Als Distributions- oder Vernetzungsinstanz hingegen macht das Projekt seine Rechnung ganz offensichtlich ohne das Publikum.

Bislang üben sich die Projektemacher erst einmal in künstlerischer Spaß-Kommunikation. Martin Rosengaard etwa behauptet mit überzeugender Ernsthaftigkeit, man wolle im Rahmen eines Performance-Festivals im nächsten Jahr den Status einer legalen Religionsgemeinschaft beantragen und in Zukunft als Kirche fungieren. Warum auch nicht. wooloo wird seine Künstler wohl nicht gewinnbringend auf dem Kunstmarkt unterbringen, wahrscheinlich auch nicht im großen Biennalen-Zirkus. Man versucht sich zwar dezidiert an der Etablierung neuer Organisationsformen des Kunstbetriebs „von unten“ und möchte sich zu den klassischen Zirkulationsbahnen ökonomischen und kulturellen Kapitals querstellen – doch als Sprungbrett zu einer „echten“ Karriere im Kunstbetrieb scheint wooloo nicht gemacht.

Das aber – Saatchi beweist es – ist kein Argument gegen die Online-Plattform als solche, höchstens eine Kritik an der Unzulänglichkeit der Berliner Projektstruktur. Die Premium-Airlines haben am Anfang auch über Ryanair und Easyjet gelacht. Je weniger sich in Zukunft die klassischen Kunstinstitutionen im deutschsprachigen Raum inhaltlich definieren oder sich gar wie zuletzt die Kunstvereine vom eigenen Dachverband als soziale Non-Profit-Institutionen statt als künstlerische Produktionslabore labeln lassen, desto weniger wird man die Purser und Stewardessen der klassischen kuratorischen Carrier vermissen. Dem Niveau nach wären Easycurate oder Ryanart sowieso nichts Neues. Mit einem neuen Label aber gäbe es die nicht zu verfehlende Chance auf zwei oder drei finanzmächtige Partner. Was der Bahn billig ist, kann einem Aviation-Konzern nicht teuer sein. Wer die Wahl hat, kann ja immer noch bei einem Fördergeber seines Vertrauens einen First-Class-Curator chartern.


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