Was macht die Kunst in Peking?

Einblick in den Asphaltdschungel

Birgit Hopfener
1. August 2011

Nach längerer Abwesenheit in Sachen chinesischer Kunst sind wir heute zurück mit Neuigkeiten aus erster Hand über laufende Ausstellungen, aktuelle Entwicklungen, neue Namen von Galerien und Künstlern in der chinesischen Hauptstadt. In der staatlichen Nationalgalerie Peking feiert die Kommunistische Partei Chinas mit der Kunstausstellung „Glary Course · Age Scene — Art Works to Celebrate the 90th Anniversary of the Foundation of CPC“ ihren 90-jährigen Geburtstag. Ausgestellt sind 300 Schlüsselwerke in den Gattungen traditionelle chinesische Malerei (Guo-Hua), Ölmalerei, Skulptur, Holzschnitte und Neujahrsbilder aus der Zeit von 1921 bis heute, die große politische, gesellschaftliche und künstlerische Errungenschaften der Regierung thematisieren. Der offiziellen Ankündigung ist zu entnehmen, dass die Schau auf die erfolgreiche Geschichte der Kommunistischen Partei zurückblickt und die Kunstwerke den Kampf- und Fortschrittsgeist des chinesischen Volkes unter der Führung der Kommunistischen Partei widerspiegeln soll. Mit dem Leitspruch „No CPC, no New China“ wird das Anliegen verfolgt, das Vertrauen der Öffentlichkeit in die Partei zu stärken. Dass das National Art Museum of China (NAMOC) aber nicht nur Kunst des offiziellen sozialistischen Kanons präsentiert und keine Berührungsängste mehr hat, experimentelle zeitgenössische Positionen auszustellen, zeigt die Neue-Medien-Ausstellung „Life Extension: Media of China 2011 — Exhibition of Three-Year International New Media Art“, die gerade in der Nationalgalerie eröffnet hat.

Eine großartige und seltene Gelegenheit, das berühmte traditionelle chinesische Gemälde The Night Revels of Han Xizai (Han Xizai yeyan tu) von Gu Hongzhong zu sehen, das ursprünglich aus der Zeit der Fünf Dynastien (907-950) stammt aber heute nur noch in einer song-zeitlichen (960–1279) Kopie aus dem 12. Jahrhundert erhalten ist, bietet sich derzeit im Palastmuseum in der Verbotenen Stadt. Interessant ist die politische Konnotation, die der Ausstellung dieses Kunstwerks im Kontext aktueller Debatten um Korruptionsbekämpfung innewohnt – ist das Thema des Bildes doch die durch den Kaiser angezweifelte Loyalität seines Ministers Han Xizai und die daraus resultierende Überwachung desselben durch den Maler Gu Hongzhong, der seine Überwachungen bildlich festhielt.

Bevor wir uns, um zeitgenössische Kunst anzusehen, auf den Weg außerhalb der vierten Pekinger Ringstraße in die Kunstviertel Caochangdi und 798 machen, lohnt sich ein Abstecher in das Altstadtviertel in der Nähe des Lamatempels. Im Jianchang Hutong befindet sich die Arrow Factory von Pauline Yao und Rania Ho: Ein unabhängiger Projektraum in einem ehemaligen kleinen Laden, der chinesische und internationale Künstler einlädt, ortspezifische Projekte zu realisieren. Die sensiblen Interventionen in eine ansonsten kunstferne Umgebung sind hochspannend, weil sie neue Bezüge zwischen zeitgenössischer Kunstpraxis und aktueller Pekinger Lebensrealität herstellen. Derzeit ist die interaktive Installation Wind Light as a Thief von He An zu sehen. Der Betrachter ist eingeladen, das Licht einer Straßenlaterne, die teilweise im Inneren des Arrow Space installiert ist und durch die Shopfront auf den Hutong hinausragt, ein- und auszuknipsen. Doch nicht nur diese Lampe, sondern zwei andere Lichter in der Nachbarschaft gehen an und aus, wenn der Besucher den Lichtschalter betätigt. He An möchte auf diese Weise öffentliche und private Sphären in Bezug setzen und macht den Betrachter zum Komplizen in einem geheimen Spiel, dessen Regeln nur den Teilnehmern der künstlerischen Arbeit bekannt sind. Demnächst erscheint bei Sternberg Press eine Publikation zum Thema „Drei Jahre Arrow Space“ und seine künstlerischen Interventionen.

Im Nordosten der Stadt außerhalb der 5. Ringstraße in Caochangdi angekommen, treffe ich die seit vielen Jahren in Peking lebende Kuratorin und intime Kennerin der lokalen Kunstszene Beatrice Leanza. In Venedig ist in der St. Mark's Square Gallery noch bis Ende September eine großartige Schau der Italienerin mit dem chinesisch-japanisch-koreanischen Künstlerkollektiv Xijing Men zu sehen. Chen Shaoxiong (China), Tsuyoshi Ozawa (Japan) and Gimhongsok (South Korea) laden dort in einem alten venezianschen Palazzo mit Blick auf die Lagune in ihr fiktives „Capital of the West“ (Xijing) ein. Leanza weist uns darauf hin, dass im Zuge der Abrissbedrohungen des Kunstviertels durch die Stadtregierung, die in diesem Gebiet statt Kunstgalerien lieber Industrie ansiedeln möchte, eine andere Schreibweise für Caochangdi eingeführt wurde – schrieb man chang bislang doch mit dem Ländlichkeit anzeigenden Zeichen für Dreschplatz, wurde dieses vor Kurzem durch das gleichlautende Zeichen für Fabrik ersetzt.

Zunächst führt Beatrice zu Meg Maggios Galerie Peking Fine Arts. Die dortige Ausstellung „Spiritual / Material“ setzt sich mit der Frage, was Kunst außerhalb ihres zugeschriebenen Marktwertes sein kann und wie sich populärer Geschmack konstituiert, auseinander. Gezeigt werden unter anderem das Diptychon Spirit / Material (2011) von Bai Yiluo und die Gemeinschaftsarbeit Project without Space No. 1 (2011) von Liu Ding und Chen Shaoxiong, die in einer Performance auf verschiedene moderne euro-amerikanische Künstler, wie zum Beispiel Mark Rothko, Jackson Pollock und On Kawara referieren und diese in geometrischen Anordnungen auf einer Leinwand kombinieren. Bei Alexander Ochs ist derzeit die Ausstellung „First Spring Thunder“ mit Werken der Grand Dame der modernen chinesischen Kunst Liu Hong zu sehen. Viele der heutigen internationalen chinesischen Künstlerstars wie Fang Lijun sind durch sie geprägt, allein durch ihre Wandmalerei The Music of the Great Earth (1981), die die Wände der alten Mensa der China Academy of Fine Arts schmückten. Hung Liu wanderte 1984 in die USA aus und ist nun erstmals mit einer Einzelschau zurück in China. Bei Chambers Fine Art ist „The Way of Chopsticks III“, eine Gemeinschaftsinstallation des Ehepaars Song Dong und Yin Xiuzhen, zu sehen. Sie besteht aus zwei monumentalen Essstäbchen, die in einem Raum nebeneinanderliegend und im angrenzenden Raum in Teilen dekonstruiert installiert präsentiert werden. Beide Künstler thematisieren die Alltagserfahrungen im gegenwärtigen Peking. Während Yins Stäbchen in Form und Farbe an Baukrähne erinnern, die das Stadtbild zahlreich prägen, referieren an rote Säulen, wie sie in traditionellen chinesischen Architekturen verwendet werden. Darüber hinaus weisen diese im inneren Hohlraum weitere Bezüge zur Pekinger Alltagswelt auf, wie zum Beispiel ein Lautsprecher oder ein alter Miniaturkinosaal.

Von Caochangdi ist es mit dem Taxi nicht weit zum mittlerweile international bekannten Kunstviertel 798. Wesentlich greller und lauter als Caochangdi ist man von all den neuen Galerien, Cafés und Boutiquen überwältigt. In der schwülen Julihitze lassen sich auf den Stegen über dem artifiziellen Wassergraben vor der Pace Gallery Möchtegernmodels fotografieren. In den Pace Galerieräumen werden in sakralem Ambiente schrille Re-Appropriationen von christlichen Gemälden durch den Kunstmarktstar Yue Minjun gezeigt. Neue Namen junger Künstler sind in der Ausstellung „Micro Life“ im Soka Art Center und in der Schau „Echo: Minds-in-Hands“ in der Galerie Pifo zu entdecken. „Micro Life“ setzt sich mit der engen Verbindung von individueller alltäglicher Lebenserfahrung und Kunst auseinander. Gezeigt werden unter anderem die Malereien Games –1 (2011) von Zhao Yiqian (Jg. 1982), expressiv ausgeführte Darstellungen einer Achterbahn, die aufgrund der Geschwindigkeit suggerierenden Farbkleckse und einem nahen Fokus auf die Szenerie eine interessante räumliche Dimension entwickeln. Des Weiteren ist die Installation 3 Seconds (2011) von Shang Yixin (Jg. 1980) zu sehen, die sich mit Fragen der Wahrnehmung in sich verändernden Bedingungen von Raum und Zeit auseinandersetzt, indem an der Wand montierte Steine an hin- und herschwingenden Zeiger befestigten Lichtquellen verschiedene Schattenwürfe kreirt werden. Die Installation Second Phase (Old Tree, Mink fur) (2011) von Xiang Yang (Jg. 1967) zeigt eine trostlos anmutende Szenerie von drei kahlen Bäumen, die mit schwarzem Fell überzogen sind und auf diese Weise eine hohe taktile Qualität entwickeln.

Thema der Ausstellung „Echo: Minds-in-Hands“ ist die Auseinandersetzung mit westlicher Kunst und Kunstgeschichte, wie sie an chinesischen Hochschulen vermittelt wird. Interessanterweise scheinen sich Künstler in der Ausstellung auch mit chinesischen Gegenwartskünstlern auseinander zu setzen. So beispielsweise Zhang Xinjun mit seiner Arbeit Desk and Chair Desk and Chair, die an Ai Weiweis Möbelarbeiten erinnert. Weitere interessante Werke in der Ausstellung sind unter anderem das auf den ersten Blick als Readymade wahrgenommene Bushaltestellenschild, das sich aber auf als sorgfältig nachgemachtes Objekt entpuppt, dessen Oberfläche mit Stoff überzogen und detailreich bestickt ist. Mit Bushaltestelle, die typische Spuren wie Abnutzungen und Aufkleber von Telefonnummern arbeitssuchender Wanderarbeiter aufweist, setzt sich der Künstler Gao Rong mit einer typischen Pekinger Lebensrealität auseinander.

Spannende konzeptionelle Positionen von Chinas international etablierten Künstlern bietet die Ausstellung „Action“ in der seit vielen Jahren in 798 ansässigen Galerie Long March Space. Zu sehen sind Bewegtbild-Installationen, Videos und Fotografien. Darunter unter anderem Zhou Xiaohus neue, aus acht TV Geräten bestehende Videoinstallation Intolerance: Against Montage, die in acht Filmen parallel animierte Knetfiguren zeigt, die, bezugnehmend auf DW Griffith’s Film Intolerance (1916), vier internationale historische Ereignisse von Intoleranz zeigen: der Niedergang von Babylon, die Kreuzigung Jesu, das Massaker von St. Bartholomew und das Moderne Amerika (ca. 1914).

Vielleicht in Abgrenzung zu einer Kunst, die die Auseinandersetzung mit alltäglicher Lebenserfahrung zum Thema hat, wird von einigen lokalen Kuratoren verstärkt ein Diskurs zu abstrakter Kunst geführt und forciert. Derzeit sind in diesem Zusammenhang in 798 mindestens zwei Ausstellungen mit abstrakter Kunst zu sehen. In der Galerie Boers-Li werden in der Ausstellung „Breaking Away – An Abstract Art Exhibition“ historische und aktuelle abstrakte Positionen unter anderem von Zhang Wei (No Name Group, Anfang der 1980er-Jahre), Gong Jian (Jg. 1978), Yan Lei (Jg. 1965) vorgestellt und in einen kunsthistorischen Zusammenhang gebracht. In der Galerie White Box Museum Of Art sind unter dem Titel „It is not the eternal Tao: Abstract Paintings of Feng Lianhong“ etwas zu dekorativ anmutende Malereien des aus den USA zurückgekehrten Chinesen Feng Lianhong zu sehen.

Dass trotz einer beeindruckenden Vielfalt künstlerischen Ausdrucks in der Pekinger Kunstszene nach wie vor Defizite in der kritischen Reflexion künstlerischer Praxis auszumachen sind, zeigt die Antwort des Künstlers Feng Lianhong auf die Frage, warum er sich entschieden habe, abstrakt zu malen. Ihm scheinen jüngere Konzeptionalisierungen von Abstraktion nicht bekannt zu sein, sodass er naiv Auskunft gibt, dass er diese Weise zu malen als besonders geeignet empfinde, seinen persönlichen Gefühlen Ausdruck zu verleihen. Doch im Allgemeinen argumentieren chinesische Künstler in ihren Werken wesentlich komplexer. Und so bleibt die optimistische Einschätzung, dass dies in naher Zukunft auch vermehrt artikuliert und somit in einen Diskurs überführt wird.


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