21. Oktober 2010
Wer über Kritik streiten will, muss die Welt außerhalb der Kritik verstehen. Kunstkritik ist keine fremde, seltsame Sphäre. Sie ist eine journalistische Praxis, an der sich die Widersprüche der zeitgenössischen Kunstproduktion ablesen lassen. Man kann nicht über Kritik reden, indem man allein über gute und schlechte Kunst, weltfremde Kunstschriftstellerei und gute Absichten spricht. Kritiker sind Journalisten. Sie sind Reporter, die über Kunst, ihre Motivation, ihre Wirkung und ihre Lebenslügen berichten. Kritiker sind Anwälte, nicht Künstler. Eine Berliner Podiumsdiskussion will dieser Tage herausfinden, wozu es noch Kunstkritik gibt. Kritik aber lebt nicht von der Proklamation hehrer Ansprüche, sondern von der realistischen Diskussion der Bedingungen, unter denen sie entsteht. Fünf Thesen, glauben wir, könnten helfen, über Kritik zu reden und dabei Kritikmythen aus dem Weg zu gehen.
These 1
Honorar macht kritisch. Es ist ein Märchen, dass die Mehrheit der freien Kritiker korrupt sei. Und es ist ein noch größeres Märchen, ausgerechnet ihre Abhängigkeit von Sammlern habe sie korrumpiert. Welche Sammler? Kritiker sind abhängig von der Unabhängigkeit der publizistischen Organe, für die sie arbeiten. Schaffen ihre Zeitungen, Magazine oder Sender unabhängige Arbeitsbedingungen, muss man sich um die Unabhängigkeit der Kritiker weniger Sorgen machen. Zu dieser Unabhängigkeit gehört in einer Welt verschwindend weniger Redakteure neben Heerscharen von freien Autoren eine angemessene Vergütung. Der Sammler ist nicht der Große Böse Wolf und der Kritiker nicht die Großmutter. Die Verschlechterung der Honorarsituation, das Dumping durch Gratis-Beiträge sind der hauptsächliche Grund für die Unbeliebtheit freier Kritik bei jungen Kulturjournalisten und die Deprofessionalisierung des Metiers auch in etablierten Medien. Redaktionen, die Kritik schlecht oder gar nicht bezahlen, sind schuld an schlechter Kritik.
These 2
Populismus macht arm. Wer verstehen will, warum viele Redaktionen qualitative Kritik nicht honorieren und kritische Redakteure nicht mögen, muss verstehen, wovon eine Redaktion lebt. Medien werden immer abhängiger von quantitativen Kriterien für ihren Erfolg. Das lässt nicht nur intern widerspenstige Kritik als Luxus erscheinen. Es misst auch den Minderheitenbeitrag des Kritikers an seiner Popularität in Suchmaschinen, Rankings und Copy-Tests, denn nur stetig wachsende Popularität garantiert Werbeeinkünfte im Wachstumsmarkt Internet. Kritik ist heute selbst als autonomer Blog-Beitrag den Google-Gesetzen unterworfen, das Google-Diktat aber führt zu Konformität und macht Nonkonformität unsichtbar. Wer den Imperativ der Click-Rates nicht versteht, lebt im Gestern und wird morgen keine Strategien finden, um Meinungen und Urteile sichtbar zu machen. Wer keine Antworten auf ökonomische und technologische Zwänge sucht, ist schuld an unmündiger Kritik.
These 3
Kritik kommt von Wissen. Kritik, wie wir sie meinen, ist ein Expertensystem. Künstlerische Qualität und Museumsprogramme sind schon heute zum Teil sehr verschiedene Dinge. Selbst wer Kunst als bloßes Investitionsgut begreift, braucht aber den Diskurs über seinen Wert. Dabei geht es nicht nur um Geldwerte. Es geht um Qualität und ein eigenständiges Urteil, das Kritik begründet. Um Expertenrat zu geben, müssen die Kritiker allerdings über Expertise verfügen. Das setzt Seherfahrung, Maßstäbe, historische Kenntnisse und Unabhängigkeit voraus. Wer sich aus Naivität und Inkompetenz von den PR-Schablonen des Museums- und Messemarketings abhängig macht, kann nicht kritisieren. Wer Kritik von Wissen ablöst, ist schuld an hilfloser Kritik.
These 4
Kritik braucht Transparenz und Transparenz folgt Regeln. Dass es heute keine einheitlichen Maßstäbe für gute und schlechte Kunst gibt, die man normativ dingfest machen kann, heißt nicht, dass Kritiker keine Regeln beachten sollen. Der Journalismus kennt professionelle Standards. Kritiker aber sind Journalisten. Sie berichten und wissen, dass es zu jeder Behauptung eine Gegenmeinung und hinter jedem Mythos eine zu enthüllende Wahrheit gibt. Verstöße gegen journalistische Unabhängigkeit sind auch im Feuilleton illegitim. Nicht nur Finanzjournalisten sollen unbestechlich sein. Wer als Kritiker seiner Unabhängigkeit keine Regeln gibt oder es versäumt, Abhängigkeiten zu benennen, ist schuld an irreführender Kritik.
These 5
Kritik hat einen Preis. Kritik und Kunst, die sich nicht selbst belügen, müssen ihre Zielgruppe, den Ort des Diskurses, die Vermittlung ihrer Ansprüche neu und ohne Nostalgie überdenken. Museum und Massenpublikation haben nicht ausgedient, unterliegen aber am stärksten dem Druck quantitativer Maßstäbe. Wer über Kritik ehrlich reden will, muss also neu benennen, was dem Zwang zur Quantität entgegenzusetzen ist und wer für eine größere Unabhängigkeit finanziell bürgen soll. Wer von der Kanzel ins Ungefähre predigt oder aus Nostalgie die Sprache bürgerlicher Salons rekonstruiert, führt längst eine virtuelle Existenz. Um Qualität vernehmbar zu machen, muss sie dort Einfluss nehmen, wo die Preise gemacht werden, und für ihren Beitrag zur Gewaltenteilung Eintrittsgeld verlangen. Das Publikum, nicht die kritisierte Institution, muss den Kritiker entschädigen und Sachkompetenz bezahlbar machen. Expertenrat darf teuer sein. Wer Kritik verlangt – ob als Medium oder Einzelperson –, muss eine Antwort auf die Frage haben, wer sie bezahlen soll. Wer vom Gönner ausgehaltene Gratiskritik produziert, ist schuld an einer opportunistischen, verdeckten Kompromissen verpflichteten Kritik.
Wer Kritik will, ohne ihr ein ökonomisches Angebot zu machen, wer Kriterien einfordert, ohne das Verhältnis von Masse und Qualität auszubalancieren, trägt die Hauptschuld an der Misere der Kritik. Wer Kritik als heroischen Subjektivismus, als einfühlsames Individualistengeschäft beschreibt, vertreibt die Kritik vom Markt in die Nische. Er macht sie zum Hobby für den Bastelkeller und wird zum Zuschauer einer Kunst, die, von den Kritikern allein gelassen, an Preisschilder glaubt.
Dieser Artikel erscheint anlässlich der Veranstaltung „Was soll's? Kritik. Podiumsdiskussion zum jetzigen Stand der Kunstkritik“. Mit Sven Beckstette (Chefredakteur Texte zur Kunst), Astrid Mania (Redakteurin dieses Magazins), Hanno Rauterberg (Kunstkritiker der ZEIT) und Ludwig Seyfarth (freier Kritiker und Kurator). L40, Linienstraße 40, 10119 Berlin Donnerstag, 21. 10. 2010, 19.30 Uhr. Eine Veranstaltung des Berliner Kunstmagazins „von hundert“ in Kooperation mit dem Kritikerverband AICA (Association International des critiques d'art, Sektion Deutschland).