Was hinter Kardinal Meisners Fehlleistung steckt

Ein Wörtchen wie „entartet”

Michael Mayer
12. Oktober 2007
Die Sache ist kompliziert. Komplizierter jedenfalls, als es auf den ersten Blick scheinen mag. Kardinal Meisners Schelte gegen eine Kunst und Kultur, die sich vom Kultischen, also einer religiösen Bindung, abgelöst habe, war inhaltlich heikel. Vor allem rhetorisch aber verletzte die Mitte September anlässlich der Einweihung des Diözesanmuseums „Kolumba“ im Dom zu Köln vorgetragene Predigt die Etikette nicht allein des guten Geschmacks. Ein Wörtchen wie „entartet“ in unmittelbarem Kontext einer Aussage über Kunst und Kultur zu platzieren, ist inakzeptabel. Dieses Urteil bedarf kaum einer weiteren Begründung. Dass der allseits inkriminierte Lapsus allerdings im Rahmen einer Predigt unterlief, macht erst staunen, dann stutzig. Unbedarftheit wird man einem Priester, gar einem Erzbischof, kaum unterstellen können, wenn er sein Wort an die Gemeinde zur Verkündigung des Evangeliums richtet. So aber geriet dem Kardinal der Festgottesdienst zum furiosen Debakel.

Oder nicht? Es mag müßig sein, die Chronologie der öffentlichen Skandalisierung en detail nachzuzeichnen. Doch fällt auf, dass die gesamte Debatte sich idealtypisch in zwei Bereiche gliederte, die sich zwar überlappten und wechselseitig verstärkten, doch klar voneinander unterschieden werden können. Der ästhetisch ausgerichteten Kritik, die sich an Meisners demonstrativer Ignoranz wider die Kunst und Kunstentwicklung der Moderne entzündet, steht die moralische gegenüber, die im Brustton heller Empörung des Erzbischofs politisch kontaminierte Wortwahl geißelt. Habe er zum einen die Emanzipation der modernen Kunst von heteronomen Zweckbestimmungen verschlafen, so zum anderen die Konsequenzen aus der politischen Urkatastrophe der Deutschen nicht gezogen.

Doch gesetzt, Meisner wusste, was er sagte (und auch wie), stellt sich die Frage nach dem Grund. „Dort“, so lautete die nach dem ersten Eklat bereinigte Fassung des Bischofswortes, „wo die Kultur – im Sinne von Zivilisation – vom Kultus – im Sinne der Gottesverehrung – abgekoppelt wird, erstarrt der Kultus im Ritualismus und die Kultur nimmt schweren Schaden.“ Man muss nicht, man kann die Dinge so sehen – zumindest, wenn man Erzbischof ist und erzkonservativ. Die enge Verbindung zwischen Kultur und Kultus, die Meinung, ohne institutionell autorisierten Gottesbezug gerieten die menschlichen Angelegenheiten aus dem Lot, mag historisch wie systematisch Unsinn sein und unterschwellig ein instrumentelles Gottesverständnis offenbaren, doch gehört derlei seit Kaiser Konstantins Tagen zum Evergreen-Repertoire einer Amtskirche, die die Ohnmacht des Gekreuzigten predigt, um ihren eigenen Machtanspruch desto ungehemmter durchzusetzen.

Und vielleicht geht es, einmal mehr, genau darum. Nur wenige Wochen vor Meisners mutmaßlichem Fauxpas machte er gegen Gerhard Richters im Südquerhaus des Kölner Doms neu gestaltetes 19 x 9,50 Meter großes Kirchenfenster Front. Der Kardinal bemerkte, das Fenster passe „eher in eine Moschee oder ein anderes Gebetshaus“. Das wie ein riesiges Display wirkende Fenster, bestehend aus 11.263 Quadraten in 72 Farbtönen, das sich der Tradition figürlicher Darstellung sperrt, schien dem Kardinal nicht nur deplaziert, nicht nur andernorts besser aufgehoben, sondern vor allem in einer „Moschee“.

Der Ernstfall, der Meisners Verweis seine Brisanz gibt, wird aber erst im Kontext seiner rund zwei Wochen später gehaltenen Predigt offenbar. Nicht das ästhetische Urteil des Geschmacks über ein Kunstwerk, sondern das politisch-theologische über Wahrheit und Irrtum steht hier zur Disposition. Wobei Meisners en passant geschmiedete Entente zwischen dem Islam und der modernen Kunst einen verblüffenden Clou in sich birgt: Tatsächlich gehört es zu den feststehenden Vorurteilen (nicht nur) im Westen, dass der Islam ikonoklastisch ausgerichtet sei. Eine islamische oder im Koran verwurzelte Abwertung des Bildes gibt es jedoch nicht. Die islamische Miniaturmalerei, die zwischen dem 13. und 17. Jahrhundert zu erstaunlicher Blüte gelangte und die Orhan Pamuk in Rot ist mein Name thematisierte, belegt dies nicht weniger eindeutig als die rasche Karriere der Fotografie im arabischen Raum. Noch kurz vor ihrer (vorläufigen) Vertreibung aus Afghanistan durch alliierte Truppen posierten ausgerechnet Taliban-Kämpfer ganz zwanglos vor kitschig-schmucken Einfamilienhäusern mit Blumengebinde und Handfeuerwaffe für die Kamera.

In der islamischen Welt verpönt ist hingegen zumeist, wenn auch nicht durchgängig, die unmittelbare Abbildung des Propheten, seine beleidigende Darstellung in jedem Fall ohnehin. Doch hört bei der Schmähung heiliger Personen bekanntlich auch bei anderen Religionen die Kunstfreiheit auf. Was den Islam indes vom Christentum radikal unterscheidet, ist die strikte Ablehnung, Bilder als Kultgegenstände zu verwenden. Das biblische Bilderverbot, das dem Rückfall in heidnischen Bilderzauber blockieren soll, gilt zwar in Judentum und Islam nicht weniger streng als im Christentum, doch dessen trinitätstheologische Sonderstellung, in der die Inkarnation des Messias seine Sichtbarkeit impliziert, komplizierte die Sachlage immens. Schon im frühen Mittelalter brach deshalb der so genannte „Bilderstreit“ aus, der sich über die Reformation und Renaissance bis in die Moderne hinzieht und im Grunde bis heute nicht beigelegt ist.

Der Sinn des Gebots, sich kein Bildnis Gottes zu machen, wie es Moses auf dem Sinai offenbart worden war, bezog sich freilich weniger auf das Bild als auf dessen heidnischen, sprich mythisch-magischen Gebrauch. Geächtet wird nicht das Bild, sondern seine heidnische Indienstnahme zur Manipulation Gottes und der Welt. Der Monotheismus unterscheidet sich von jedweder Form des Paganismus genau um dieses Jota: dass das Bild, die Statue, die Miniatur selbst nicht göttlicher Natur sind und sein können. Ein Katholizismus aber, der im Sinne Meisners moderner Kunst vorhält, nicht mehr kultisch geerdet zu sein, steht womöglich dem Heidentum, über das sich der Monotheismus in einer religionsgeschichtlich einzigartigen Bewegung hinwegsetzte, gefährlich nahe. Benedikts XVI. merkwürdige Stippvisite nach Manoppello vor Jahr und Tag zum „Grabtuch Christi“, das des Heilands Gesichtsausdruck zeigen soll, gehört womöglich zu einer bildpolitischen Gesamtstrategie, die die Macht der Bilder an die Stelle der Ohnmacht des einen Gottes rückt, der dieser Welt, ihrem Gemache und ihren Mächten, ihrer Idolatrie, fremd gegenübersteht.

Das könnte nicht nur bedeuten, dass die Emanzipationsbewegung der modernen Kunst eine überraschende theologische Pointe hätte, sondern auch, dass der Islam prinzipiell dieser Moderne sehr viel aufgeschlossener gegenüber stehen könnte als eine katholische Orthodoxie, die die Autonomie der Kunst nie anerkannte. Ein Wörtchen wie „entartet“ hätte dann mehr die Funktion eines rhetorischen Nebelwerfers. Denn die Entzweiung von Kultur und Kultus schädigt Meisner zufolge nicht nur die Kultur, sondern auch die Religion. Der im zivilisationsfernen Ritualismus erstarrte Glaube ist für den Erzbischof kein anderer als die islamische. Sein Hinweis auf die „Moschee“, in die Richters Domfenster gehöre, verrät die Absicht und den Dünkel, der vor der Kontrastfolie der exemplarisch-hitzigen Debatte um den Bau einer Moschee im Kölner Stadtteil Ehrenfeld vollends anschaulich wird.

Die islamkritische Rede des Papstes in Regensburg vor einem Jahr gab das Schnittmuster vor, das Meisner, der treue Diener dieses Herrn, in Köln durchexerziert, indem er das Christentum zur kulturpolitischen Hegemonialmacht gegen okzidentale Transfers hochrüstet und einer zunehmend hysterisierten Gesellschaft als Schutzmacht andient. Der Antiislamismus, der über fünfhundert Jahre nach dem Ende der „Reconquista“ nicht nur in katholischen und protestantischen Kirchenkreisen wieder en vogue ist, beginnt das gesellschaftliche Klima fast unbemerkt, schleichend, aber nachhaltig zu dominieren. Die diskursiven Aus- und Abgrenzungsmechanismen gegen den Islam – der dieses Abendland nicht weniger prägte als die Philosophie das Juden- und das Christentum – intellektualisieren, nähren und verstärken, was sich als dumpfe Stimmung im psychohistorischen Unterbau der „Volksseele“ aufbaut. Dieser Antiislamismus steht dem ganz alltäglichen Rassismus so fern, so nah, wie der gepflegte Antisemitismus der bildungsbürgerlichen Eliten der zwanziger Jahre des vorigen Jahrhunderts dem Judenhass derer, die ihn später beim Wort nahmen.

Ein Wörtchen wie „entartet“ ist gewiss ein Ärgernis. Doch gefährlich sind heute andere Formeln: „christliches Abendland“, „westliche Identität“, „Leitkultur“, „Mitte“, „Werteordnung“, „christliches Menschenbild“. Es sind keine theoretischen, sondern praktische Begriffe, politische. Es sind Begriffe aus dem Archiv der Diskriminierung derer, die aufgrund eines willkürlich gesetzten Kriteriums der Nichtzugehörigkeit marginalisiert werden. Es sind Begriffe aus dem Archiv eines westlich sublimierten Fundamentalismus, der zwar anderen Regeln gehorcht als der des politischen Islamismus – doch beide sind auf fatale Weise miteinander verzahnt. Der Weltbürgerkrieg um das Erbe Jerusalems tritt in seine heiße Phase.


Mehr im Dossier  Macht der Bilder

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