„Walter Benjamin und die Kunst der Gegenwart“ im Haus am Waldsee, Berlin

Zum Bilde Benjamins

Michael Mayer
23. November 2004
Wohl kaum ein anderer Philosoph der jüngeren Vergangenheit - mit Ausnahme Friedrich Nietzsches, seinem fremd gebliebenen Wahlverwandten - dürfte einen derart weitreichenden Einfluss im Bereich der Künste gehabt haben wie Walter Benjamin. Dieser einsame Sonderling des Philosophierens deutscher Zunge, dem Ungeschick, unglückliche Umstände und eine damals schon verbreitete akademische Kurzsichtigkeit früh die universitäre Karriere versperrten. Wobei seine Werk- und Wirkungsgeschichte nicht weniger abenteuerlich verlief als sein Leben.

Indes kennzeichnet das Disparate, Sprunghafte, Rissige vor allem Benjamins Denken selbst. Pierre Missac, der vor einigen Jahren mit einem schönen Buch über dessen Oeuvre hervortrat, mutmaßte mit guten Gründen, dass es sich als Ganzes durch zwei aufeinander irreduzible Prinzipien charakterisieren ließe: Messianismus und historischer Materialismus. Dass Benjamin in seinem inständigen, oft verzweifelten Bemühen, theologische Heilsverheißung und revolutionäres Freiheitsversprechen zu vermitteln, scheiterte, konstatierte zuletzt noch Jacob Taubes. Dies aber bedeutet, dass nicht persönliche oder politische Desaster die Herausbildung eines konsistenten Werks verhinderten, sondern eine unschlichtbare Ambivalenz, die in seinem Herzen nistete. Ein Zwiespalt, mit dem er nie fertig wurde und werden konnte, motivierte es ebenso wie er es von Innen her aufsprengte. Herausgekommen ist eine geistige Trümmerlandschaft von einzigartiger Ausdehnung und Gestalt, die sich jedwedem Versuch, sie topologisch eindeutig zu verorten, verweigert.

Und deshalb die Kunst? Es liegt nahe, dass der intellektuelle Extremismus Benjamins gerade im künstlerischen Bereich Reaktionen provozieren musste. Nicht nur arbeitete er lange vor jedem „iconic turn“ der Geisteswissenschaften - insondere der Philosophie - einer Aufwertung des Bildes vor. Es ist das Denken selbst, das bei ihm wesentlich bildhaft wird. „Denkbilder“ waren ihm nicht schlecht beleumundete Verlegenheitslösungen für begrifflich noch nicht Fass- und Fixierbares. Sie waren ihm genuines Medium philosophischer Recherche selbst. Die Vieldeutigkeit und Vielschichtigkeit, die Interpretationsbedürftigkeit des (nicht nur) sprachlichen Bildes schätzte er nicht als Schwäche ein, sondern als Möglichkeit, eine Wahrheit zur Darstellung zu bringen, die in dem der Widerspruchsfreiheit verpflichteten Begriff nur mehr als kupierte zum Ausdruck käme. Einzig bildhaft war ihm zu verklammern möglich, was begrifflich unvereinbar schien. Jenes berühmte Bild vom Schachautomaten, in dessen Innerem versteckt ein unansehnlicher Zwerg die Fäden zieht, arrangiert enigmatisch jenes gespannte Verhältnis zwischen messianischer Erwartung und politischer Aktion.

Natürlich finden sich in einer Ausstellung zu Walter Benjamin und die Kunst der Gegenwart auch künstlerische Respondenzen auf dieses Gleichnis. Und natürlich protokolliert die Schau durchaus eindrücklich die anhaltende Faszination, die von Benjamin ausgeht. Unter dem Titel „Schrift Bilder Denken“ - gegliedert in die fünf Schwerpunkte „Persönlichkeit und Legendenbildung“, „Geschichtsaneignung: Gedächtnis und Geistesgegenwart“, „Kunst-Erfahrung: Aura und Medien“, „Erinnern: Kindheit und Sammeln“, „Passagen: Architekturen und Schwellenerfahrungen“ -, präsentiert sie über fünfzig Künstler. Mithin ein durchaus schillerndes Potpourri divergenter ästhetischer Reaktionsmuster auf Benjamins Einlassungen. In formaler Vereinfachung können dabei grob drei unterschiedliche Haltungen unterschieden werden, die sich zu ihm künstlerisch ins Verhältnis setzen: die biographische Spurensuche, die thematische Aneignung ausgewählter Motive und die strukturelle Anverwandlung seiner denkerischen Geste im künstlerischen Ausdruck.

Unbenommen der diskutablen Vor- und Nachteile dieser Strategien krankt die Exhibition vorab daran, sich nicht für eine von ihnen konsequent entschieden zu haben, sondern sie eher wahllos zu mengen.

Eine Arbeit von Timm Ulrichs aber, die sich - wie gut oder wie schlecht auch immer - mit Benjamins Reflexionen zur technischen Reproduzierbarkeit auseinandersetzt, zeigt Kopien von Kopien seines Buchs Das Kunstwerk im Zeitalter seiner technischen Reproduzierbarkeit. Das Cover der Suhrkamp Ausgabe abstrahiert sich zu einer „auratischen“ Tonerfläche. Die Installation umzingelt eine Präsentation von Marcel Duchamps Boîte en Valise, die in einem riesigen Plexiglassturz ausgestellt wird. Die Boîte en Valise, die strukturell mit Benjamins Motiv der Sammlung korrespondiert, kollidiert hier mit Ulrichs’ referenziellem Elaborat. Ein Kommentar steht unvermittelt neben dem anderen. Im Endeffekt neutralisiert sich deren beider Witz zu einer intellektuellen Indignation.

Zur Schwäche der Ausstellung gesellt sich ohnehin bei auffallend vielen der gezeigten Exponate, dass sie in schlechter Analogie zum philosophischen Vorbild verharren. Als ob bildende Kunst in der möglichst getreuen Nachahmung gegebener Theoreme ihr Bewenden hätte. Als erschöpfe sich ihr Gelingen in der möglichst bruchlosen Übertragung ideeller Schemata. Das ästhetische Material verkommt zum Träger einer Botschaft, die zuvor schon im Milieu begrifflichen Räsonnements vorgefertigt wurde. Und dem kundigen Betrachter obläge die Aufgabe, die vollzogene Operation zu rekonstruieren. Über „Aura“ oder das Konzept der „Passagen“, über „Schrift“ und „Hieroglyphik“, über „Reproduzierbarkeit“ und „allegorische Technik“ aber kann bildende Kunst sinnvoll nur arbeiten, wenn sie das Material, mit dem sie es jeweils zu tun hat, ernst nimmt; das heißt, wenn sie nicht halbvergorene Inhalte assimiliert, sondern das denkerische Motivmaterial verfremdet. Die Ähnlichkeit zwischen philosophischer In- und künstlerischer Respiration wäre eine unähnliche. Die „Übersetzung“ zwischen Diskurs und Figuration (und umgekehrt) - gleichviel welche Gestalt sie im Einzelnen annehmen mag - wahrte vorab die Diskretion, das unhintergehbare Inkognito jedes Rencontres zwischen Kunst und Philosophie.

Was nicht heißt, die Schau wäre nicht sehenswert. Und der Mut der Macher, sich am Ariadnefaden des Benjamin’schen Denkens durchs Labyrinth der Nachkriegskunst zu hangeln, verdient gewiss Respekt. Dass ihr Besuch sich lohnt, trotz mancher Flapsigkeiten, manch überanstrengter Ironisierung, mancher Albernheit, liegt aber nicht nur an einzelnen Exponaten wie etwa Valerio Adamis erstaunlichem Ritratto di Walter Benjamin, an Anselm Kiefers Der Engel der Geschichte, an Armans Accumulation Téléphones oder einfach nur an der überbordenden Vielfalt von Versuchen, sich dem Phänomen Benjamin zu stellen. Der Besuch lohnt sich vor allem auch dank der angezeigten Problematik selbst. Zwingt die Ausstellung doch dazu, gerade die von Benjamin selbst aufgeworfene Frage nach dem Verhältnis von Bild und Begriff, von Kunst und Philosophie abermals anzugehen. Ihre Aktualität jedenfalls scheint ungebrochen.

Im Haus am Waldsee noch bis zum 30. Januar 2005, Dienstags bis Sonntags 12 bis 22 Uhr.

Ein Katalog zum Preis von 50,- Euro erscheint voraussichtlich Anfang Dezember. www.hausamwaldsee.de


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