.com | .de | .fr
 
Anmelden Nicht Registriert? Mitglied werden
artnet - Online Auctionsartnet - Künstler & Kunstwerkeartnet - Kunst Galerien & Händlerartnet - Kunstauktionen & Auktionshäuser Weltweitartnet - Auktionspreise von Kunstwerkenartnet - Kunstmarkt Trends & Preisentwicklungenartnet - Kunstausstellungen & Eventsartnet - Kunst Magazin Online 

Walter Benjamin in der Akademie der Künste und im Hamburger Bahnhof, Berlin

Zettels Alptraum

Michael Mayer
7. November 2006
„Walter Benjamins Archive - Bilder, Texte und Zeichen“, Akademie der Künste Berlin am Pariser Platz. 3. Oktober bis 19. November 2006

„Übersetzung. Text als Bild: Walter Benjamin“, Hamburger Bahnhof – Museum für Gegenwart – Berlin. 18. Oktober 2006 bis 7. Januar 2007

Die flüchtige Notiz aus den Archiven Benjaminscher Schreiberei tat gut: Bei dem fast kultischen Status, den das Benjaminsche Schreiben in seinem Hang zum Unsystematischen, Zerstreuten und Disparaten genießt, wurde immer schon und wird auch heute noch leicht vergessen, dass dessen reale Entstehungsbedingungen dem idealisierenden Ton seiner aufgekratzten Leserschaft meist krass widerstritten. Die Zettel, auf denen er zwischen Tür und Angel seine Gedankenblitze notierte, sind auch Sinnbild seiner Situation. Nach dem Scheitern seines Habilitationsprojekts war Walter Benjamin zeit seines Lebens gezwungen, sich als freier Publizist zu verdingen. Dieses Geschäft aber ist hart und fordert einen oft hohen Preis. „Verzettelte Schreiberei“ nannte er das, was nicht nur als Hinweis auf eine fragmentarische Écriture gelesen werden darf, sondern auch als Indiz dafür, dass er sich „am Wesentlichen gehindert“ fühlte. Es scheint, als gäbe es zu jedem Dokument seiner Hinterlassenschaft ein Dokument, das aus Gründen deprimierender Trivialität nie verfertigt werden konnte.

Wie wäre es mit einem Archiv seiner ungeschriebenen Schriften? Wie wäre es, dieses Archiv seiner ungeschriebenen Schriften beim Betrachten seiner geschriebenen im Auge zu haben? Welchen Blick auf sein Werk ergäbe das? Die Ausstellung „Walter Benjamins Archive“ im schmucken Neubau der Akademie der Künste am Pariser Platz lädt zu derlei Räsonnement durchaus ein. Sie ist die eine der beiden Ausstellungen, die im Kontext des jüngst veranstalteten Festivals „NOW - Das Jetzt der Erkennbarkeit“, konzipiert vom Berliner Zentrum für Literaturforschung, zu sehen sind.

Nach verschlungenem Zugang zum Ausstellungsort betritt man einen überraschend kleinen, überraschend schlichten Raum. Die Präsentation ist entsprechend spröde: In einfachen Holzkästen dargeboten, in 13 Abteilungen gegliedert, wird dem Publikum die mikroskopisch kleine Handschrift Benjamins ebenso gezeigt wie Skizzen und Zeichnungen, Briefe und Briefentwürfe, Kritzeleien aus sorgsam aufgewahrten Notiz- und Adressbüchern, seine Ansichtskartensammlung oder Fotos seiner verloren gegangenen Sammlung russischer Spielsachen.

Was die von Erdmut Wizisla, Ursula Marx, Gudrun Schwarz und Michael Schwarz vom Berliner Benjamin-Archiv besorgte Exposition indes zu einem ausstellungstechnischen Kleinod macht, ist ihre methodische Finesse: Es ist das Prinzip des Archivs selbst – das Archivieren –, das hier thematisch wird. Denn im Gegensatz zu einem nur mehr musealen Verständnis des Archivs als bloßes Material zur Erkenntnisgewinnung ist es für Benjamin der Ort genuiner Erkenntnis selbst. Wie in Prousts „unwillkürlicher Erinnerung“ werden die Archivalien zum Initiationspunkt unerwarteter Inspiration. Sie sind Gedächtnisspeicher möglichen Gedenkens und Denkens. Weshalb die Zeit, die an ihnen arbeitet, in ihrer destruktiven Macht stets auch produktiv ist. Kein Archiv ohne Verlust, ohne die Abwesenheit des Zerstörten oder nie Geschaffenen!

Auf eindrückliche Weise illuminiert diese Einsicht auch Arnold Dreyblatt in seiner Installation Ephemeris Epigraphica, die im Hamburger Bahnhof – Museum für Gegenwart - Berlin als Teil der anderen Schau „Übersetzung. Text als Bild: Walter Benjamin“ zu sehen ist. Auf 15 in Augenhöhe gehängten rechteckigen Bildtafeln werden Dokumente aus mehr oder minder willkürlich zusammen gestellten Archivbeständen gezeigt. Durch einen optischen Effekt, den man als Kind noch von so genannten Wackelbildern kennt, die je nach Blickwinkel ein verändertes oder anderes Bild zu sehen gaben, verschwinden Buchstaben, Wörter und Textfragmente, werden wie bei einem Palimpsest von anderen überlagert – je nachdem, welche Position man beim Abschreiten der Bildtafeln einnimmt. Dadurch wird aber nicht nur der Schriftverlust durch Brüche und Löcher sichtbar, sondern auch hypertextartige Berührungen von Zeichenfolgen, die nach Sinn und Intention nichts miteinander zu tun haben dürften. So entsteht durch den destruktiven Charakter des Verlusts erst das Neue, das durch eine absolute Konservation nie möglich wäre.

In dieser Exposition, die neben Dreyblatt Arbeiten von Günter Karl Bose, Marcel Broodthaers, Tomas Schmit und Eran Schaerf versammelt, fällt nicht nur ihr wohltuend geradliniger Zugriff auf Benjamins Oeuvre auf. Gleichsam exemplarisch für die thematische Ausrichtung der Ausstellung figuriert der von dem Typographen Bose entwickelte Sprachraum, der die Bildlichkeit von Texten Benjamins erkundet. Wobei etwa auch die Arbeit Broodthaers, ohne sich je mit Benjamin beschäftigt zu haben, mit dessen Denken in ein spannungshaftes Verhältnis rückt, wenn er etwa im Ausgang von La Fontaines Fabel Le Corbeau et le Renard (Der Rabe und der Fuchs) auf Schautafeln und mittels in einer Bodenvitrine präsentierten Alltagsgegenständen das gewöhnlicherweise fixe Verhältnis von Zeichen und Bezeichnetem aushebelt. Der Text als Bild, die Verräumlichung des Geschriebenen, zuletzt Gedachten: Benjamins großes Thema findet hier seine kongeniale Korrespondenz.

Gerade im Vergleich mit der völlig überfrachteten und doch so ärmlichen Ausstellung zu Walter Benjamin im Haus am Waldsee vor rund zwei Jahren wird die genügsame Brillanz dieser Schau offenbar. Hier wie auch in der Akademie der Künste geht es weder um die Verramschung eines Philosophen noch um den obligatorischen Ramsch aus seiner Hinterlassenschaft, die man „so noch nie gesehen hat“. Es sind beides Ausstellungen, die den „Fetisch Benjamin“ vermeiden, um „Benjamin“ zu erkunden.

Sein Denken ist ansteckend. Es ist in einem radikalen Wortsinne a-konservativ. Gegen das klamme Festhalten am Tradierten setzt er das „Jetzt der Erkennbarkeit“, das nur im Bruch mit dem Establishment unserer Gewohnheiten zu haben ist. Dieses „Jetzt der Erkennbarkeit“, das auch das Festival Titel gebend auslobte, ist ein Jetzt, das im Vergangenen zündet, um Zukünftiges, wie in einer plötzlichen Entladung, denkbar werden zu lassen. Vielleicht aber würde ein Archiv im Zeichen dieser Erkennbarkeit endlich auch zu einem Ort des Eingedenkens dessen, was es nie gab, aber hätte geben können? So wäre jedes Archiv auch ein Archiv der Trauer.


Weitere Artikel von Michael Mayer


Feedback abgebenFeedback abgeben
Artikel druckenArtikel drucken
 
site map about us contact us  investor relations  services  imprint terms & conditions artnet.com | artnet.de | artnet.fr
  ©2010artnet - Die Welt der Kunst online. Alle Rechte vorbehalten. artnet ist eine eingetragene Handelsmarke der artnet Worldwide Corporation, New York, NY, USA. 


Künstler: A B C D E F G H I J K L M N O P Q R S T U V W X Y Z