24. November 2011
Die Kölner Sonderbundausstellung von 1912 genießt einen legendären Ruf. Sie gilt als wichtigste Wegbereiterin für die Moderne Kunst in Europa und trug wesentlich zu deren Verbreitung in die Welt bei: Immerhin gab sie den Anstoß für die erste New Yorker Armory Show 1913. Anlässlich des 100. Jubiläums der Ausstellung plant das Kölner Haus Wallraf-Richartz-Museum & Fondation Corboud ab Ende August 2012 eine Rekonstruktion der epochalen Schau. Zurzeit ist man allerdings noch auf der Suche nach 80 Kunstwerken, die im Laufe der Jahrzehnte aus der Öffentlichkeit verschwunden sind. Barbara Schaefer, Kuratorin des Museums, hat sich zu einem ungewöhnlichen Aufruf durchgerungen, der sich an alle Eigentümer von verschollenen Werken richtet.
artnet: Frau Schaefer, nach wie vielen Exponaten der Sonderbundausstellung suchen Sie?
Barbara Schaefer: Am liebsten wüssten wir natürlich über den Verbleib aller ausgestellten Werke Bescheid. Wir haben vor, 2012 mit rund 110 Exponaten in unserer Jubiläumsausstellung „1912 – Mission Moderne“ die ursprüngliche Sonderbundausstellung in ihren Schwerpunkten und Zielsetzungen zu rekonstruieren. Die erklärte Mission der Organisatoren von 1912 war es ja, anhand von fast 650 Ausstellungsstücken einen, wie es hieß, „Überblick über den Stand der jüngsten Bewegung in der Malerei“ aufzuzeigen. Den Ausstellungsmachern gelang es damals auch, in einer hervorragenden retrospektiven Ausstellungsabteilung die Väter der nachimpressionistischen Moderne zusammenzutragen. Unser Ziel ist es, möglichst alle 650 damals präsentierten Kunstwerke zu identifizieren, ihren aktuellen Standort zu lokalisieren und die Ausstellung von 1912 im Katalogbuch möglichst vollständig zu rekonstruieren – eine Forschungsarbeit, an die sich bis zum heutigen Tage noch niemand abschließend herangetraut hat.
Gibt es Arbeiten, die Sie besonders gerne in der Ausstellung sähen?
Eine ganze Menge! Sämtliche Wegbereiter der Moderne waren damals in Köln präsent. Ihre Werke, allesamt heute in den bedeutendsten Sammlungen rund um den Globus beheimatet, schmückten 1912 die Wände der Städtischen Ausstellungshalle. Wir denken, dass ebenso wie damals der Niederländer Vincent van Gogh im Zentrum der Ausstellung stehen muss. Schließlich war er mit 125 Gemälden und Zeichnungen im Katalog verzeichnet! Daneben bestimmten Paul Cézanne und Paul Gauguin als „Säulen der jüngsten Richtung in der Malerei“ mit ihren Werkensembles die Präsentation – für unsere Retrospektive 2012 soll Gleiches gelten. Edvard Munch, Pablo Picasso und den Neoimpressionisten wurde damals gar ein eigener Raum zuteil. Daher sollen auch sie in der Jubiläumsausstellung entsprechend vertreten sein.
Und die in der Sonderbundausstellung vertretenen deutschen Künstler?
Sie hielten schon damals eine interessante Position inne. Insbesondere die Auswahl deutscher Kunst war es, die bereits im Vorfeld der Ausstellung vehement diskutiert wurde: Letztlich war der Blaue Reiter umfangreich vertreten, daneben aber auch die Expressionisten aus Berlin, die Brücke-Künstler und ihr Kreis. Hinzu kamen Vertreter der rheinischen Avantgarde sowie zahlreiche andere Künstler, die keiner bestimmten Vereinigung angehörten: Karl Hofer, Wilhelm Lehmbruck oder Paul Klee zum Beispiel. Unsere umfangreiche Präsentation im kommenden Jahr wird auch diese Schwerpunkte berücksichtigen.
Auf welchen Wegen sind die Werke, nach denen Sie suchen, „verloren“ gegangen?
Die Wege, auf denen die Werke aus dem Licht der Öffentlichkeit verschwanden, sind sehr verschieden. Nur ein Teil der 1912 ausgestellten Arbeiten dürfte tatsächlich als verschollen oder möglicherweise zerstört gelten. Von den übrigen ist lediglich der aktuelle Standort unbekannt. Die Konzeption und die Bildauswahl der Sonderbundausstellung haben den Aufbau vieler öffentlicher Sammlungen der 1920er-Jahre vorweggenommen. Und eine nicht unerhebliche Zahl bedeutender Kunstwerke fand auch damals schon Eingang in verschiedene Museen Europas und in Privatbesitz. Viele wurden ihren Eigentümern durch die Nationalsozialisten später wieder genommen. Zudem hat sich die Spur einer großen Menge an Exponaten im Verlauf beider Weltkriege verloren, einige Werke in Privatbesitz sind durch den Tod ihrer Eigentümer in neue Hände gekommen, andere wiederum gelangten in den Kunsthandel.
Wie hat sich die Suche bisher gestaltet?
Uns selbst steht der Rechercheweg beispielsweise über Publikationen wie etwa Werkverzeichnisse, Künstlermonographien, Auktions- und Ausstellungskataloge, über Archive oder Internetdatenbanken offen. Zudem arbeiten wir in engem Austausch mit zahlreichen Kollegen auf der ganzen Welt, die uns großzügigerweise auch schon mit vielen wertvollen Hinweisen unterstützt haben. Unser jetziger öffentlicher Aufruf gilt vor allen den Werken, deren Standort wir trotz intensiver Suche bisher nicht ermitteln konnten.
Wer kann sich bei Ihnen melden?
Derzeit sind wir noch auf der Suche nach rund 80 nicht identifizierten oder bislang nicht lokalisierten Werken. Falls jemand ein Kunstwerk besitzt, von dem er weiß, dass es ein Exponat der Sonderbundausstellung des Jahres 1912 gewesen ist, oder weiß, wo sich ein solches heute befindet, sind wir ausgesprochen dankbar für einen entsprechenden Hinweis unter meiner Telefonnummer +(00)49-(0)221-26307. Alle Informationen werden selbstverständlich vertraulich behandelt.
Seit wann sind Sie auf der Jagd? Gab es bereits Erfolgserlebnisse und sind Sie fündig geworden?
Mit den Arbeiten am Projekt haben wir vor etwa zweieinhalb Jahren begonnen, in denen wir rund 550 Werke ausfindig machen konnten – von Bonn bis Tokio! Ein interessantes Erfolgserlebnis konnten wir erst vor kurzem verbuchen. Es zeichnet die verschlungenen Wege nach, auf denen Kunstwerke häufig durch die Welt gehen: Ein Auktionshaus in den USA leitete auf unsere Bitte eine Anfrage an den Erwerber eines in New York versteigerten Werkes weiter. Antwort erhielten wir dann von einem Museum in Norwegen. Dort befindet sich das Bild heute als Leihgabe aus Privatbesitz.
Bereits vor rund zehn Jahren hat es an der Kunsthalle Bielefeld einen Versuch gegeben, die Sonderbundteilnahme von Edvard Munch zu rekonstruieren. Der Künstler war 1912 mit immerhin 32 Arbeiten dort vertreten. Man hat dort versucht, die verschwundenen Kunstwerke durch ähnliche Arbeiten zu ersetzen. Wie viel Originalität wird die Kölner Ausstellung bieten?
Wir bemühen uns bei der Retrospektive um eine Auswahl von insgesamt rund 110 bis 120 Gemälden, Skulpturen und Zeichnungen, die ausnahmslos auch Exponate der Ausstellung von 1912 waren. Wir haben uns also darauf festgelegt, nächstes Jahr nicht auf „Ersatzwerke“ auszuweichen.