13. September 2011
Walid Raad: „Miraculous Beginnings“ – Kunsthalle Zürich (Museum Bärengasse). Vom 26. August bis 30. Oktober 2011
Mit den arabischen Revolutionen rücken auch die Kunstszenen in Nordafrika und im Nahen Osten in den Blickpunkt. Wie werden sich die politischen Umbrüche auf sie auswirken? Dass in diesen Regionen derzeit kaum säuberlich zwischen Politik und Kunst unterschieden werden kann, wie es in konsolidierten Gesellschaften der Fall ist, zeigt unter anderem der Ägyptische Pavillon auf der diesjährigen Biennale von Venedig. Die Kuratorin Aida Eltorie präsentiert dort großflächige Videoprojektionen, die dem jungen Künstler Ahmed Basiony gewidmet sind. Im Januar 2011 wurde er bei einer Demonstration auf dem Tahrir-Platz getötet. Die Dinge sind in Bewegung. Alles vermischt sich.
Einer, der sich bereits seit Jahrzehnten mit der Politik, den Kriegen und der Kunst seiner Heimat Libanon auseinandersetzt, ist der Medienkünstler Walid Raad. Angesichts der revolutionären, blutigen Umbrüche in der arabischen Welt und der anhaltend diffusen Informationslage wirkt sein mannigfaltiges Werk zwischen Fotografie, Video, Performance, Installation, Vorträgen, Archiven und Dokumentationen aktueller denn je. Ziel des 1967 in Chbanieh geborenen und in New York City lebenden Künstlers ist immer wieder das Verhältnis zwischen Fakt und Fiktion, Dokumentation und Interpretation, Ereignis und Nachträglichkeit zu hinterfragen: Wie wird Geschichte geschrieben – und wie wird sie gelesen? Was ist ein „historischer Fakt“? Wie durchleben Gesellschaften ihre Krisen, wie begegnen sie ihren Traumata? Und auf welche Weise sollten diese Krisen und Traumata verarbeitet werden – journalistisch, historisch, politisch, psychologisch, dokumentarisch, agitatorisch, ästhetisch? Raads Antwort lautet: auf alle diese Weisen gleichzeitig. Und dafür gibt es eigentlich nur einen Ort: das Kunstsystem.
Im Dachgeschoss der Kunsthalle Zürich, wo seine große Retrospektive „Miraculous Beginnings“ zu sehen ist, sitzt der asketisch wirkende Raad bei einem Espresso und erklärt in der für ihn typischen ruhigen, konzentrierten Sprechweise: „Ich arbeite immer mit Fakten. Manche sind historischer, manche soziologischer, manche ästhetischer Natur. Und das Kunstsystem zählt zu den wenigen Orten, wo man alle diese Fakten in ihrer Komplexität bewahren kann.“ Sein Werk wirkt in der Tat wie eine Parabel auf die Komplexität und Widersprüchlichkeit mutmaßlicher Faktenlagen, ohne dabei in ein gewohnheitsmäßiges „Gegenwartskunst-ist-immer-total-kompliziert!“ zu verfallen. Raads Kunst ist, so banal es klingt, tatsächlich komplex. Und ja, auch kompliziert – nicht nur in den Presse- und Katalogtexten. In Kooperation mit der Londoner Whitechapel Gallery zeigt die Kunsthalle zentrale Arbeiten der letzten 20 Jahre, darunter sein semi-fiktionales, semi-dokumentarisches Archiv über die libanesischen Kriege „The Atlas Group“. Die räumliche Enge des verwinkelten Museums Bärengasse, wo die Kunsthalle temporär untergebracht ist, kommt der Ausstellung unverhofft zugute: die Verhandlung libanesischer Geschichte und arabischer Kunst zwischen Schweizer Stuckdecken, Kachelöfen mit Heiligenbildern und Butzenfenstern bewirkt einen produktiven Verfremdungseffekt.
Die Fotografien, Notizbucheinträge, Listen und Diagramme der „Atlas Group“ hat Raad obskuren Charakteren wie dem Historiker Dr. Fadl Fakhouri zugeschrieben, der, wann immer er glaubte, die libanesischen Kriege seien vorbei, mit seiner Super-8-Kamera sogleich eine Aufnahme von dem Ort machte, an dem er sich gerade befand. Es sind vordergründig belanglose Aufnahmen, denen ihre Motivation nicht anzusehen ist. Vielmehr ähneln sie Symptomen, die erst kontextualisiert und decodiert werden müssen. An klaren Verweisketten ist Raad nicht gelegen: „Roland Barthes hat bereits gezeigt, dass das, was sich natürlich gibt, in Wahrheit ideologisch ist. Das ist nicht mein Ansatz. Ich beziehe mich eher auf Gilles Deleuze, der zwischen Kunst und Kommunikation trennte: Kunst habe nichts mit Kommunikation zu tun. Diesem Gedanken fühle ich mich verbunden.“
Raads Prinzip könnte wie folgt umschrieben werden: Bilder und Kunstwerke sind niemals evident. Ein Bild zeigt, aber es verbirgt auch. Obwohl sich Raad zu Beginn seiner Karriere vor allem von der auf Eindeutigkeit abzielenden Kriegsfotografie inspirieren ließ, vermeidet er konsequent jenen Bildtypus, den der Kunsthistoriker Michael Diers „Schlagbilder“ nennt: Bilder, die sich dem Betrachter aufdrängen wie die Schlagzeile einer Boulevardzeitung. Statt zerfetzte Opfer von Autobomben zu zeigen, stellt Raad folgerichtig die Fotos von Motorblöcken gesprengter Autos aus – der einzige Teil des Fahrzeugs, der die Explosion fast unbeschadet übersteht. Oft sind sie auch der einzige Anhalt für die Ermittlungen.
Raad nutzt Bilder – und Texte – somit nicht als Kommunikationsmittel, sondern als Katalysatoren für Kommunikation, etwa wenn er Dr. Fakhouri zusätzlich ulkige Selbstporträts vor historischen Monumenten wie dem Eiffelturm und Aufnahmen von Zahnarztpraxen anfertigen lässt. Warum? Darüber muss man sprechen. Auch über diese lustigen bunten Punkte, die auf Schwarz-Weiß-Fotos libanesischer Häuser geklebt sind, in der brillanten Serie „Let’s be honest, the weather helped“ (1998/2006). Es handelt sich nicht etwa um Konfetti. Jeder Punkt markiert einen Granateinschlag. Die Farben stehen jeweils für das Land des Geschosslieferanten. Darunter sind auch die Schweiz und Deutschland.
Dem Künstler geht es dabei um mehr als eine Verschleierung der eigenen Autorschaft, obwohl sein Spiel mit Zuschreibungen und seine Verwendung von found footage eindeutig vom postmodernen Topos „Tod des Autors“ inspiriert ist. Zwar gehört der theoriegewandte Raad zur ersten Generation bildender Künstler mit Doktortitel, die in den 1980er-Jahren mit den Meisterdenkern der Postmoderne aufwuchsen. Ihm ist jedoch klar, dass der Rekurs auf die bereits wortreich zu Grabe getragene Postmoderne-Debatte eher bemüht und zudem anachronistisch wirken würde: „Es geht nicht nur darum, Charaktere zu erfinden. Es geht darum, ein Kunstwerk von einer neuen Position aus anzufertigen und diese Position ernst zu nehmen. Dabei unterscheiden sich der fiktive Charakter und das Kunstwerk nicht voneinander. Der Charakter entsteht vielmehr durch das Kunstwerk.“
Auch in diesem Zusammenhang spielt für Raad, der als Professor an der privaten Kunsthochschule Cooper Union in New York City lehrt, das Kunstsystem eine wichtige Rolle. Hier werden vermeintliche „Identitäten“ und „Grenzen“ wenigstens temporär aufgelöst: „Trotz reaktionärer Tendenzen in der zeitgenössischen Kunst, die wie das Geld überall Äquivalenzbeziehungen herstellt, empfinde ich Museen, Kunstgalerien und Kunstschulen weiterhin als sehr produktive Orte, um Dinge auf eine Weise zu erleben und zu reflektieren, die anderswo nicht möglich wäre. Besonders, um sich mit Menschen auszutauschen, die nicht den gleichen Hintergrund haben wie man selbst.“
Allein, die Ambivalenz bleibt. In der zweiten großen Werkgruppe „Scratching on Things I Could Disavow: A History of Art in the Arab World“ (2008 - fortlaufend), die in Zürich zu sehen ist, thematisiert Raad das Coca-Cola-mäßige Übergreifen des westlichen Kultur- und Kunstsystems auf den Nahen Osten, wo Stars wie Zaha Hadid ihre Werke wie Ufos landen. Unter anderem hat er in einem Modell für eine Ausstellung in Beirut seine Werke auf ein Hundertstel ihrer Größe geschrumpft – Progression des Einen impliziert Regression des Anderen. Es mag ein wenig hagiografisch klingen, ist aber zutreffend: Raads Werk zählt insofern zu den intelligentesten der Gegenwartskunst, als Intelligenz sich von „inter“ und „legere“ ableitet: die Kunst, zwischen den Zeichen zu lesen.