4. Oktober 2011
W. Eugene Smith: „Fotografien. Eine Retrospektive“ – Martin-Gropius-Bau, Berlin. Vom 25. September bis 27. November 2011
Der Fotograf W. Eugene Smith (1918-1976) war bereits zu Lebzeiten eine Legende, seine Siege waren so spektakulär wie seine Niederlagen. Ein schwieriger, obsessiver Charakter, berüchtigt bei Redakteuren wegen seines manischen Kontrollzwangs und gefürchtet als notorischer Deadline-Crasher, von seinen Kollegen verehrt für seine Integrität und Kompromisslosigkeit – ein Säulenheiliger für alle Magazinfotografen, die sich dem Diktat der Redakteure beugen mussten. Smith war ein Perfektionist und Getriebener, ehrgeizig bis zur Selbstzerstörung, der schließlich grandios scheiterte an der Hybris seiner eigenen Ansprüche.
Die umfassende Retrospektive im Martin-Gropius-Bau orientiert sich an den großen Fotoessays des Bildjournalisten. Eine sinnfällige Ordnung, denn kaum ein anderer Fotograf hat es hierin zu so großer Meisterschaft gebracht wie der US-Amerikaner. Mit seinen aufwendig recherchierten Reportagen, in denen er eine neue Einheit von Bild und Text anstrebte, sprengte Smith vorhandene Klischees und definierte die Grenzen der etablierten Gattung neu. Besonders erhellend für das Verständnis seiner Fotoessays sind die Publikationszusammenhänge, die mit ausgestellt werden. Während Kontaktbögen das Rohmaterial der Fotoessays zeigen, verdeutlichen die Doppelseiten der berühmtesten „Life Magazine“-Reportagen in den Vitrinen die Bedeutung von Bildauswahl, Bild-Text-Relation und Layout.
André Kertész und Martin Munkácsi waren die Wegbereiter, doch erst W. Eugene Smith entwickelte den Fotoessay in seinen Reportagen für das auflagenstärkste Magazin der USA „Life“ zu einer Kunstform, die Millionen von Lesern bewegte. Treibender Motor war dabei nicht die Dokumentation, sondern das Prinzip der Wahrhaftigkeit und der engagierten Anteilnahme. „Let Truth Be the Prejudice“ lautete der programmatische Titel einer Retrospektive, die ihm das Jewish Museum in New York 1971 widmete.
Smith scheut nicht davor zurück, seine Bilder zu Instrumenten eines politischen Engagements zu machen. Aus dem Auftrag, über die Nahrungsmittelknappheit in Spanien zu berichten, machte er eine subtile Anklage gegen das Franco-Regime. In der Reportage „Spanish Village“ zeigt der Fotograf ländliche Armut und Kinderarbeit und nimmt die Erstkommunion eines Mädchens als Beispiel für die Dominanz der katholischen Kirche in diesem rückständigen Teil des Landes. Nichtsdestotrotz erweist sich Smith hier auch als Nostalgiker. Er zeigt sich fasziniert vom dörflichen Leben, fängt die Strenge der schwarzen Trachten ein und die puristische Schönheit einer archaischen Landwirtschaft, in der Esel, Sense und Karren regieren. Diese Reportage gehört zu seinen ästhetisch eindrucksvollsten: Die hockende Spinnerin, die Leinengarn zwirnt, das Holzbrett mit Brotfladen, das eine Frau in der glühenden Mittagshitze durchs Dorf trägt, sind Ikonen der Fotografiegeschichte geworden. Franco selbst rückt nur indirekt über Graffiti an den Mauern ins Bild, während Smith Männer der berüchtigten Guardia Civil im berühmtesten Foto der Serie absichtlich in die Sonne schauen lässt – durch ihre zusammengekniffenen Augen sehen Francos Gardisten in dem raffiniert komponierten Bild noch finsterer aus.
Gerade dieser Essay zeigt, wie gut Smith anfänglich in das Format des Magazins passte: Als der Artikel 1951 erschien, ließen sich die „Life“-Grafiker von Smiths Bildern zu Höchstform anspornen – beim Layout gingen sie virtuos und frei mit Satzspiegel und Bildarrangement um. Smiths kritischer Text wurde freilich geglättet und entschärft. Es war eine der vielen Niederlagen des Fotografen, der den Essay trotz seines durchschlagenden Erfolgs als Scheitern ansah.
Wirklich zufrieden war Smith in den langen Jahren seiner Zusammenarbeit mit „Life“ (1946-54) nur einmal. Nach seiner Rückkehr aus Spanien schlägt er dem Magazin einen Bericht über Hebammen vor. Wie bei seiner Reportage über den Landarzt („Country Doctor“, 1948), in der Smith durch eine neue Synthese von Dokumentation, Erzählung und unmittelbarer Anteilnahme mit gängigen Formeln des Bildjournalismus brach, betrat er auch mit dieser Reportage Neuland. Im Mittelpunkt des Essays „Nurse Midwife“ (1951) stand eine schwarze Hebamme aus South Carolina, Maud Callen war ihr Name. Zum ersten Mal wurde damit eine Afroamerikanerin zur Protagonistin einer Magazinstory, die Smith dazu benutzte, die Auswirkungen des Rassismus auf die schwarze Bevölkerung zu zeigen, ohne diesen direkt zum Thema zu machen. Smith folgte der Hebamme auf Schritt und Tritt in unverhohlener Bewunderung für ihren unermüdlichen Einsatz bei der Geburtshilfe, bei Impfungen und als Seelsorgerin in einer Umgebung, in der Elend allgegenwärtig war. Smiths Begeisterung kommt in emotionalen Bildern zum Ausdruck, die das Kunststück vollbringen, weder indiskret noch sentimental zu sein, sondern die von aufrichtiger Nähe und Anteilnahme zeugen. Smith macht Callen zu einer Heldin, seine Reportage verfehlte ihre Wirkung nicht. Das Echo war überwältigend und die Spendengelder, die in der Redaktion eintrafen, ermöglichten es Callen, ihren Traum von einer eigenen klinischen Einrichtung zu realisieren. Dass seine Fotos dazu beitrugen, soziale Verhältnisse zu verändern, erfüllte Smith mit Stolz. Doch der Einfluss auf die endgültige Gestalt dieser Reportage wurde dem Fotografen verwehrt, und die Konflikte mit dem Magazin nahmen in der Folge weiter zu. Anlässlich einer Reportage über Albert Schweitzer kam es dann 1954 zum endgültigen Bruch mit „Life“.
Smith, von seiner Berufung als „Revolutionär des Visuellen“ getrieben, war überzeugt, seine Ideen nur im Alleingang verwirklichen zu können. Als freier Reporter der Bildagentur Magnum Photos begann er 1955 mit einem fotografischen Porträt über die Industriestadt Pittsburgh, das ihn in den finanziellen Ruin treiben sollte. Smith schwebte ein enzyklopädisches Projekt vor, das alle Facetten der Stadt erfassen sollte. Fotografien von großen Holztafeln mit Bilderteppichen, die seine New Yorker Wohnung zeitweise in ein riesiges begehbares Layout verwandelten, Bleistiftskizzen und die schiere Anzahl von 17.000 Aufnahmen, die über einen Zeitraum von vier Jahren entstanden, zeugen von der Besessenheit und dem Größenwahn des Fotografen, der sein Projekt mit dem „Ulysses“ von James Joyce verglich. Durch exzessiven Alkohol- und Drogenkonsum befeuerte er seinen Schaffensrausch, doch schließlich musste er seine totale Niederlage eingestehen.
Erst am Ende seines Lebens gelang Smith noch einmal jene mitreißende Synthese aus Wort und Bild, die ihn zu einem der einflussreichsten Bildjournalisten seiner Zeit gemacht hatte. Mit seinem Fotoessay über die Auswirkungen der Quecksilbervergiftung durch Industrieabwässer auf die Bewohner im japanischen Minimata, der 1975 in Buchform erschien, realisierte er eine Umweltreportage von beklemmender Aktualität. Und im Bild einer Mutter, die mit grenzenloser Hingabe ihre behinderte Tochter badet, schuf er zum letzten Mal eine Ikone – eine moderne Pietà der Fotografie.