Vorschau auf die skulptur projekte münster 07

Wie’s Münster gefällt

Kristina Diall
10. April 2007
„skulptur projekte münster 07“, 17. Juni bis 30. September 2007

In Münster ist der Startschuss für die heiße Endphase gefallen, denn nur noch rund sechzig Tage verbleiben bis zur Eröffnung der „skulptur projekte 07“. Für dreieinhalb Monate wird sich dann die westfälische Provinzstadt zu einem international frequentierten Schauplatz für zeitgenössische Kunst verwandeln. 1977 mit dem Ziel initiiert, den Münsteraner über die Geschichte der modernen Skulptur zu informieren – dieser hatte sich zuvor über die öffentliche Aufstellung einer Skulptur von George Rickey empört –, setzt sich die im zehnjährigen Rhythmus stattfindende Ausstellung in diesem Sommer zum vierten Mal mit Fragen nach dem Verhältnis von Kunst und öffentlichem Raum oder Öffentlichkeit auseinander. In der diesjährigen Auflage des Großprojektes, kuratiert von Kasper König, Brigitte Franzen und Carina Plath, werden 37 Künstlerinnen und Künstler den Stadtraum mit ihren eigens für diesen Ort konzipierten Beiträgen bespielen.

Mit dabei sind auch 2007 wieder bekannte Namen, zum Beispiel Michael Asher, der zum vierten Mal sein Wohnwagen-Projekt realisiert, in dem er einen Caravan an unterschiedliche Orte innerhalb der Stadt positioniert. Den heutigen Situationen stellt Asher dabei Fotografien gegenüber, die die räumlichen Gegebenheiten zum jeweiligen Zeitpunkt der drei vergangenen „skulptur projekte“ festhalten. Die urbanen Veränderungen, die das Stadtbild von Münster im Rhythmus einer Dekade erfährt, werden so evident. Auch Thomas Schütte realisiert nach 1987 und 1997 ein weiteres Projekt für die Skulpturen-Schau: Hierfür kehrt der dreimalige documenta-Teilnehmer an den Harsewinkelplatz zurück, also an den Ort, an dem er vor 20 Jahren seine Kirschsäule installierte. Die zwischenzeitliche Neugestaltung des Platzes sowie seine Funktionsverschiebung von einem Parkplatz zu einem Stück Fußgängerzone mit Brunnen stellen sicherlich den Reiz für Schütte dar, diese Fläche erneut zu bespielen.

Neben den schon an früheren Ausgaben der „skulptur projekte“ beteiligten Künstlerinnen und Künstlern wird aber auch eine Vielzahl an neuen Positionen vertreten sein. Gelegenheit, einige davon kennen zu lernen, bot sich dem interessierten Publikum in der Reihe „Vorspann“, die von Mai bis Dezember 2006 in Kooperation mit der Kunstakademie Münster ausgerichtet wurde und deren Ergebnis nun in gedruckter Form vorliegt. Zwölf Künstlerinnen und Künstler, darunter der in Litauen gebürtige Deimantas Narkevicius, die Französin Dominique Gonzalez-Foerster oder der documenta-Teilnehmer Andreas Siekmann, präsentieren in dieser ersten Publikation zur „skulptur projekte 07“ ihre Arbeiten und diskutieren das Verhältnis von Kunst und städtischem Raum.

In den Beiträgen der neuen Künstlerinnen und Künstler spielen besonders die Medien Film und Video eine große Rolle: Der Filmemacher Clemens von Wedemeyer nutzt für seine Arbeit das in Bahnhofsnähe gelegene, ehemalige Kino „Metropolis“, dessen Zwangsversteigerung so für die Zeit der „skulptur projekte“ stillgelegt ist. Guy Ben-Ner stattet Fahrräder mit Bildschirmen aus, auf denen durch den Tritt in die Pedale Filme abgespielt können, deren Geschwindigkeit wiederum durch die Schnelle der Trittbewegung beeinflusst wird. Durch Rückwärtstreten lassen sich die Filme zurückspulen.

Dass besonders viele Filmkünstler zur „skulptur projekte 07“ eingeladen wurden, begründet das Kuratorenteam damit, dass „bestimmte Diskussionen […] vielleicht im Film auf eine interessantere Weise geführt worden [sind] als im Medium der Skulptur selber.“ Besonders aufgrund des „teilnehmenden Beobachterstatus“ der Künstlerin oder des Künstlers könne im Medium Film das ambivalente Verhältnis zum Öffentlichen beschrieben werden. Deimantas Narkevicius spricht beim Filmemachen vom Anfertigen digitaler Skulpturen. Von Skulptur im traditionellen Sinne sind die wenigsten Arbeiten geprägt, aber deswegen kommt man in Münster nicht in Erklärungsnot. Der Skulpturenbegriff ist schließlich auch andernorts sehr weit gefasst. Und im Zweifelsfall kann man ja von Projekten reden.

In welcher künstlerischen Form auch immer – das Verhältnis zwischen Kunst und öffentlichem Raum soll im Rahmen der „skulptur projekte“diskutiert werden. Und dabei geht es nicht nur um einen Stadtraum, sondern auch ganz spezifisch um Münster: Guy Ben-Ner richtet sein Fahrrad-Projekt zum Beispiel ganz offensichtlich auf die westfälische Fahrradstadt aus. Oder auch Marko Lehanka, der auf dem Prinzipalmarkt eine Blume installieren wird, deren Blütenkelch einen Monitor und Lautsprecher birgt, durch die das Publikum Münsteraner Geschichten lesen bzw. hören kann. Die „skulptur projekte“ seien reines Stadtmarketing,  könnten Kritiker dem Kuratorenteam angesichts des dezidierten Münsterbezugs vorwerfen. Als solches wollen die drei Organisatoren die „skulpturen projekte“ natürlich nicht verstanden wissen – schließlich ist der lokalspezifische Bezug in anderen Arbeiten auch mal weniger evident. Einzuräumen ist jedoch, dass sich der Aspekt des Stadtmarketings nicht vollkommen ausblenden lässt. Die „skulptur projekte“ sind zu einem Teil Münsters geworden, über den sich die Stadt alle zehn Jahre auf internationaler Ebene präsentieren kann. Skulpturen aus alten Projekten prägen den Stadtraum und sind mittlerweile zu Wahrzeichen geworden. Dem Münsteraner gefällt’s – und Basisaufklärung über zeitgenössische Skulptur tut in Westfalen zum Glück nicht mehr Not.

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