Virtuelle Begehung der Kunsthalle Berlin

Ein Abend für zwei Dias

Gerrit Gohlke
2. Mai 2007
Es ist ein Feldherrenblick, den man aus der Vorhalle des Berliner Alten Museums auf die urbane Trümmerwüste des brachliegenden Schlossplatzes hat. Dass die Verfechter einer temporären Berliner Kunsthalle sich diese erhabene Perspektive für die „virtuelle Begehung“ ihres geplanten Ausstellungsbauwerks wählten, darf man deshalb durchaus als Demonstration ihres Eroberungswillens vorstellen. „Die Idee ist da“, ließen die Organisatoren von „White Cube Berlin“ als Power-Point-Präsentation zwischen die monumentalen Säulen projizieren, „das Konzept ist da, der Entwurf ist da, die Kunst ist da“. Und man schloss die wichtigste Pointe an: Auch „das Geld“ für die Baumaßnahmen sei schon vorhanden. Man müsse nur noch zur Tat schreiten und die 11 Meter hohe und 600 Quadratmeter weite Ausstellungsfläche bauen.

Danach, das war die eigentliche Botschaft der emphatischen Festreden vor Schinkels klassizistischer Monumentalkulisse, würde Berlin endlich von seinem kuratorischen Vakuum geheilt. Umschlossen von wetterfesten Gewebemembranen und gestützt auf Holz- und Stahlpaneele könnten endlich all jene Produkte des Berliner Kunstschaffens vor dem Publikum ausgebreitet werden, die im gegenwartsfernen Ausstellungsbetrieb der Hauptstadt bislang nicht zu sehen seien.Gerald Matt, Leiter der Wiener Kunsthalle, und die lokalen Organisatoren Constanze Kleiner und Coco Kühn stellten die künftige Kunsthalle als Schaufenster der etablierten, aber in ihrer Wahlheimat unsichtbaren Berliner Szene dar. Außen auf die Gebäudehülle projiziert und innen auf demontierbaren Platten platziert würden vor allem jene Werke, die jetzt noch der Ignoranz der Berliner Verhältnisse zum Opfer fielen. Die vollmundig als „virtuelle Begehung“ angekündigte Projektion zweier Ansichten des geplanten Raumes zeigten dann auch eine Fassadenprojektion Franz Ackermanns und eine bis dato nur jenseits der Stadtgrenzen präsentierte Arbeit aus der „Working Class Hero“-Serie von Candice Breitz, um jene unbegrenzten Möglichkeiten zu illustrieren, die mit Adolf Krischanitz’ leuchtendem Gewebekubus den Berlinern als Geschenk zufallen würden.

Dieses Geschenk freilich, das inmitten der preußischen Tempelsäulen durch einen rot beschleiften Geschenkkarton symbolisiert wurde, bleibt bloß ein Köder, mit dem sich eine an Entbehrungen gewöhnte Kunstszene gut locken lässt. Zwar war der prominent besetzte künstlerische Beirat angetreten. Zwar wurde ein kecker 32-Seiten-Katalog verteilt, auf dessen Besetzungszettel Gerald Matt als Kurator der auf Second Life installierten virtuellen Ausstellung fungiert. Weder aber bekam das Publikum wesentlich mehr als die vereinzelte Simulation einer schüchternen Ausstellungswand und ein wenig Fassadendekoration zu sehen, noch ließ sich dem Pathos der Eröffnungsreden irgendein weiteres Detail zum kuratorischen Masterplan der künftigen Kunsthalle entnehmen.

Geht es um ein Galeriefenster der Platzhirsche des Berliner Kunstbetriebs? Soll die Kunsthalle das Gewebemembran gewordene schlechte Gewissen des verschlafenen Hamburger Bahnhofs sein? Gibt es einen weitergehenden Plan, der die Idee der Kunsthalle mit der pluralen Landschaft der lokalen Szene vernetzt? Auf Dauer wird es nicht genügen, das Publikum auf Pantheon-Freitreppen in Champagnerlaune zu versetzen. Berlin braucht mehr denn je tragfähige Konzepte. Die Konzepte aber brauchen eine öffentliche Diskussion. Die gebeutelte Berliner Künstlerschaft wartet nun darauf, dass „White Cube Berlin“ beim nächsten Mal in einen Hörsaal bittet. Etwas mehr Agora statt Pantheon dürfte schon sein.


Mehr im Dossier  Temporäre Kunsthalle Berlin

Weitere Artikel von Gerrit Gohlke


Feedback abgebenFeedback abgeben
Artikel druckenArtikel drucken