Villa-Grisebach-Frühjahsauktionen in Berlin, ab 26. Mai 2006

Die Mao-Amnesie

Henrike von Spesshardt
24. Mai 2006
Frühjahrsauktionen, Villa Grisebach, Berlin. Ab 26. Mai 2006

Für Sigmund Freud, dessen Theorien anlässlich seines 150. Geburtstages wieder allgegenwärtig durch die Feuilletons spuken, wäre der folgende Umstand ein gar zu schönes Paradebeispiel gewesen. Vergessen sei unmöglich, so Freud 1930, denn nichts, was einmal im Seelenleben gebildet werde, könne untergehen. Alles bleibe irgendwie erhalten und komme unter geeigneten Umständen wieder zum Vorschein.

Die sind nun offenbar eingetreten, denn ein von Gerhard Richter geschaffenes und von ihm selber vergessenes Ölgemälde des chinesischen Diktators Mao Tse-Tung mit Tropenhelm aus dem 1971 entstandenen Zyklus Studie zu 48 Köpfen ist wieder aufgetaucht. Die Villa Grisebach in Berlin bietet es am 26. Mai als eines der Highlights an. 250.000,- bis 350.000,- Euro soll der grinsende Alleinherrscher kosten, dessen Abbild noch heute Chinas Fassaden schmückt und zu dessen Beurteilung sich das offizielle China die schöne 70/30- Regelung ausgedacht hat: 70 Prozent von Maos Taten seien gut gewesen, 30 Prozent schlecht, lautet diese. Punkt. Weitere Beschäftigung mit dem Thema unerwünscht.

Dass es anlässlich der Versteigerung des Bildes zu ähnlichen Tumulten kommen könnte, wie sie derzeit von der Ankündigung der Versteigerung eines der bekanntesten Mao-Porträts durch das Pekinger Auktionshaus Huachen hervorgerufen werden (FAZ vom 24. Mai), ist wohl auszuschließen. Denn Mao-Pop wird von Chinas Offiziellen nicht als Kritik am „großen Führer“ verstanden, sondern vergeht wie die Wolke am Himmel. Die ist im Übrigen das Spitzenlos der Auktion bei Grisebach und ebenfalls eine Arbeit von Gerhard Richter (Schätzpreis 800.000,- bis 1,2 Mio. Euro).


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