Villa Reykjavík, Island

Das fliegende Galerienviertel

Dominikus Müller
16. Juli 2010

Villa Reykjavík – mit den Galerien Croy Nielsen, Foksal Gallery Foundation, Galerie Jocelyn Wolff, Hollybush Gardens, Hunt Kastner, i8, IBID Projects, Jan Mot, Johann König, Kling & Bang, RASTER, Rodeo, Tulips & Roses, Zero. An verschiedenen Orten in Reykjavík. Vom 9. bis 31. Juli 2010

Ortstermin in Reykjavík, Island – zum Glück im Sommer: Zu dieser Zeit des Jahres geht die Sonne so gut wie gar nicht unter, der Vulkan hat sich wieder beruhigt, und die Rezession hat das Bier in Europas ehemals teuerstem Land zwar billiger gemacht, doch teuer ist es immer noch. Im Hafen entsteht ein Hybrid zwischen Berliner O2-Arena und Hamburger Elbphilharmonie, eine neue Konzert- und Multifunktionshalle mit einer Fassade von Olafur Eliasson. Ihre Metallblättchen glänzen im strahlenden Licht des kalten Sommers wie die Schuppen eines Fisches. Signature-Architektur am Polarkreis, dort, wo sich Fischschwärme und Finanzströme kreuzen und gegenseitig gute Nacht sagen. Im Schatten dieser Konzerthalle, einen Kai weiter sozusagen, findet im Sommer 2010 und an der Peripherie von Europa noch etwas ganz anderes statt: eine Kunstveranstaltung.

Villa Reykjavík heißt die konzertierte Aktion von 14 Galerien aus ganz Europa, die von der Warschauer Galerie RASTER initiiert wurde. Sie alle haben sich einen Monat lang in der isländischen Hauptstadt in temporären, rezessionsversehrten, Ausstellungsräumen eingerichtet – in einer unglaublich stinkenden ehemaligen Fischhalle mitten im Hafen oder einem nie vermieteten Luxus-Apartment-Block, aber auch in einem normalen Wohnhaus oder, wie Tulips & Roses aus Vilnius, in einer alteingesessenen Bar. Das Ausstellungsspektrum reicht von Einzelpräsentationen – wie etwa im Falle von Johanna Billing bei Hollybush Gardens aus London – über lose Schauen, die ausgewählte Segmente aus dem Galerieprogramm präsentieren, bis hin zu strenger kuratierten Gruppenausstellungen. So spielt Rodeo aus Istanbul unter dem Titel „Tropical Iceland“ mit den touristischen Erwartungen an die Insel. Der eindrucksvollste Beitrag ist dabei sicherlich Gülsün Karamustafas Fotoserie Bosphorus 1954 (2007) mit Bildern des kalten Winters 1954, als auf der gleichnamigen Meerenge Eisschollen trieben. Verkehrte Welt und Verdrehung der Erwartungshaltung, ein Kurzschluss zwischen dem Polarkreis und dem „Tor zum Orient“.

Johann König hat in diesem Sinn Michael Sailstorfers T 72 (2008) mitgebracht. Die aufblasbare, originalgroße Attrappe eines russischen Panzers, normalerweise zu Übungszwecken verwendet, ist inzwischen zu einem spaßigen Exportschlager des europäischen Kunstbetriebs geworden. Zuletzt etwa war sie in Istanbul zu sehen. Immer wieder wird sie aufgeblasen und abgelassen, das Kanonenrohr hebt und senkt sich: die Dialektik von Erektion und Erschlaffung, alles klar. Das sieht in der riesigen leeren Fischhalle natürlich zusätzlich absurd aus und wirkt nach der Finanzkrise fast schon wie eine Konjunkturzyklus-Metapher. Auf Island immerhin ist dies der erste Panzer überhaupt.

So weit, so gut. Blickt man aber auf das große Ganze der Veranstaltung, macht sich Ratlosigkeit breit. Was das hier soll? Keine Ahnung. Die Frage kann auch während der großangelegten Eröffnungswoche niemand beantworten. Ist es ein smarter Werbeschachzug der darbenden isländischen Tourismusindustrie, die damit Kunstpublikum auf die abgelegene Insel locken will und nach Rezession und Vulkandesaster die eigene Kredibilität wieder aufbessern möchte? Nein, ist es nicht, denn das gesamte Projekt steht unter der Ägide von Raster aus Warschau. Ist es eine Messe? Nein, auch nicht, denn dafür hat Island schlicht zu wenige Sammler zu bieten, und auch nur wenige internationale Käufer fanden den Weg auf das ferne Eiland. Eine offiziell-institutionelle Veranstaltung ist es aber – trotz staatlicher Förderung aus diversen europäischen Töpfen – ebenfalls nicht. Dafür bleibt „die Galerie“ als kleinste Organisationseinheit zu deutlich erkennbar.

Vielleicht muss man auf die Vorläufer-Aktion von Villa Reykjavík blicken, die 2006 in Warschau stattfand. Villa Warschau, wie es damals hieß, war – anders als jetzt in Reykjavík – tatsächlich eine Ausstellung verschiedener Galerien unter dem gemeinsamen Dach einer alten Villa. Damals, so hört man von den Organisatoren Łukasz Gorczyca und Michał Kaczyński von Raster, wurde das Projekt zu einer funktionierenden Plattform, auf der sich die umtriebige Warschauer Kunstszene mit Galerien und Künstlern von außerhalb traf. Es ging also um die Peripherie und darum, sie an andere Regionen und Kontexte anzuschließen.

Vier Jahre später und am anderen Ende von Europa ist die Ausgangslage natürlich eine andere. Zwar geht es nach wie vor um die Peripherie – doch es macht einen Unterschied, dass die Organisatoren diesmal keine heimischen Akteure sind und der Vernetzungsgrad damit auch ein anderer ist. Natürlich profitiert Reykjavík von der eher seltenen Gelegenheit, derart viel zeitgenössische Kunst zu sehen – doch profitieren die Teilnehmer nicht ebenso vom Coolness-Faktor dieser Veranstaltung? Den Ruch eines quer durch Europa transplantierten Galerienviertels jedenfalls wird die Veranstaltung nicht los. Da hilft es auch nicht, dass mit Kling & Bang und i8 zwei isländische Galerien mit an Bord sind. Am Ende bleibt das Event im selbstgewählten luftleeren Raum hängen, irgendwo zwischen Galerie-Basisarbeit, potenziellem Organisations-Modell für ein Post-Messezeitalter und Klassenfahrt für Galeristen. Den Fischen dürfte es reichlich egal sein.


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