15. April 2010
Auf manche Bücher hat die Welt gewartet. Im wahrsten Sinne des Wortes. So dauerte es sage und schreibe ein halbes Jahrhundert, bis W. Eugene Smiths legendäres „The Jazz Loft Project“ publiziert werden konnte. Denn erst 1998 entdeckte sein Herausgeber Sam Stephenson das Material dazu eher zufällig in Smiths Nachlass, um es dann in zwölfjähriger Arbeit zu sichten, auszuwerten und erste Ergebnisse in einem wunderbaren Buch zu publizieren. Schließlich war Stephenson auf gut 40.000 Schwarz-Weiß-Fotografien und rund 4.000 Stunden Tonaufnahmen gestoßen. W. Eugene Smith war 38 Jahre alt, Familienvater und einer der renommiertesten Fotojournalisten der Welt, als er 1957 alles hinter sich ließ und die folgenden acht Jahre in einem schäbigen Loft an der Sixth Avenue im New Yorker Flower District Quartier bezog. Wegen der geringen Mieten war das heruntergekommene Gebäude der Hangout der amerikanischen Jazzszene schlechthin. Smith verkabelte und verwanzte das fünfstöckige Haus und zeichnete zumeist heimlich in Bild und Ton auf, was und wer kam. „Die ehrgeizigste Feldstudie zum Thema Modern Jazz“, nennt Stephenson das Projekt. Und das gilt nicht nur für die schiere Quantität. Es entstehen Schnappschüsse genauso wie atmosphärisch dichte Momentaufnahmen von Jam-Sessions aller Couleur und ausdrucksstarke Porträts solcher Jazzgrößen wie Thelonious Monk, Charles Mingus und Miles Davis. Smith soll das Loft in den acht Jahren manischen Aufnehmens kaum einmal verlassen haben; sein fotografischer Zugang nach draußen war vornehmlich der Blick aus dem zersplitterten Fenster im vierten Stock, wie viele meist lakonisch-melancholische Aufnahmen von Straßenszenen zeigen. Dieses Buch hat nur ein Manko: Es gibt zu wenige Transkriptionen der pointierten Gespräche zwischen Musikern, Bewohnern und anderen Nachtgestalten. Abgesehen davon ist „The Jazz Loft Project“ ein einzigartiges Porträt dieses Ortes und dieser Ära.
Nicht um Jazztitanen, sondern um die Helden des Alltags geht es in Irving Penns „Small Trades“, dem Katalog zur gleichnamigen Ausstellung. Der exzellent gedruckte Band versammelt über 200 Aufnahmen, zwischen 1950 und 1951 entstanden, an deren Abzügen in Silbergelatine oder dem höchst aufwendigen Platin-Palladium Penn selbst über Jahrzehnte arbeitete. Penn, der sich zunächst einen Namen als Modefotograf gemacht hatte, holte auch immer wieder Arbeiter, Handwerker und Kleinunternehmer per Inserat oder gleich von der Straße weg ins Studio und bildete sie vor dem immer gleichen neutralen Hintergrund in ihrer Arbeitskluft ab. Anders als etwa August Sander in seiner wegweisenden Typologie „Menschen des 20. Jahrhunderts“ löste Penn seine „Modelle“ aus ihrem beruflichen Umfeld heraus. Ein besonders eindrückliches Moment der Serie ergibt sich im typologischen Vergleich von amerikanischen, französischen und britischen Vertretern desselben Berufstands. Ist man womöglich allein qua Physiognomie vorgeprägt für einen Beruf? Hier wäre es sinnvoll gewesen – wie in der Schau im Getty Museum kuratorisch praktiziert –, wenn auch im Katalog mitunter Dreiergruppen zueinandergestellt worden wären. Dennoch dürfte dieser hervorragend gestaltete Band bald zum Klassiker eines der großen Porträtisten des 20. Jahrhunderts avancieren.
Die Dynamik von Einzelnem und Gruppe, von Individualität und sozialer Zugehörigkeit steht auch im Zentrum von Charles Frégers Werk. Nach Sumoringern, Schwimmern oder auch buddhistischen Mönchen geht es dem französischen Fotografen in seiner neuesten Publikation „Empire“, deren Aufnahmen in den Jahren 2004 bis 2007 entstanden, um Fremdenlegionäre, Schweizergardisten und andere Elitesoldaten in ganz Europa, die sich durch ihre historischen und besonders prunkvollen Uniformen auszeichnen. Fréger interessiert sich dabei vor allem für die Frage, wie sich das Kollektiv auf oder in den Körper einschreibt und in welchem Maß zugleich einzelne Soldaten zu einem Kollektiv, mithin zu einem „corps d’armée“, zusammenwachsen können. Das Spannende an Frégers Porträtkunst ist, dass er für dieses Spannungsverhältnis bildnerische Antworten findet, die nicht in moralinsaure Kommentare umkippen. Dieser Balanceakt gelingt sogar, wenn man sich solch schreiend komischen Waffenbrüdern gegenübersieht wie den vollbärtigen, französischen Tom-of-Finland-Fremdenlegionären in Lederschürze und mit schwer geschulterter Axt. Es ist dies übrigens bereits die 13. Publikation dieses jungen Fotografen und seine bislang eindrücklichste. Die Anschaffung lohnt also.
Im Vergleich hierzu scheinen die Porträtierten in Boris Beckers „Fake“ zunächst reichlich unglamourös. Sein Buch versammelt Aufnahmen von Gegenständen aus der Asservatenkammer des Kölner Zollkriminalamtes. Alles folgt dabei der strengen Bildsprache nüchterner Sachfotografie. Was könnte langweiliger sein? Tatsächlich aber sind die Bilder und der hinter ihnen stehende Ansatz so klug wie unterhaltsam. Einerseits spielen sie mit der fotografischen Urbedingung des verbergenden Zeigens oder zeigenden Verbergens und führen den Betrachter über ihr Sujet leichtfüßig zur Frage nach der Authentizität auch des fotografischen Bildes. Andererseits provozieren sie gepaart mit simplen Bildunterschriften wie „Waveboard Kokain Costa Rica, 1999“ oder „Schnittbohnen Haschisch Niederlande, 2000“ geradezu ein gedankliches Sperrfeuer an Assoziationen und verlangen nach ergänzenden Geschichten. Und obwohl keine der hier abgebildeten Fälschungen aus China stammt – Honi soit qui mal y pense – werden die deutsch-englische Einleitung samt Künstlerinterview auch von einer chinesischen Übersetzung begleitet. Sofern es sich dabei wirklich um die entsprechenden Schriftzeichen handelt. Denn worauf kann man sich bei einem Buch über Schein und Sein überhaupt verlassen? Zumal die Publikation das Vexierspiel der abgebildeten Objekte, die alle etwas anderes sein wollen, als sie sind, durchgängig aufgreift. Und so entpuppt sich auch der feine Edelholzeinband als schnöder Pappdeckel. Selten durchdringen sich Form und Inhalt bei einem Fotoband derart. „Fakes“ gehört damit eigentlich schon in die Kategorie Künstlerbuch.
Sam Stephenson, The Jazz Loft Project: Photographs and Tapes of W. Eugene Smith from 821 Sixth Avenue, 1957-1965, Alfred A. Knopf, New York, 2009, 288 Seiten, ISBN: 978-0307267092. EUR 32,80
Ausschnitte aus den Bändern und die begleitenden Radiosendungen finden sich im Internet unter: beta.wnyc.org/shows/jazz-loft/
Irving Penn, Small Trades, Getty Publications, Los Angeles 2009, 269 Seiten, ISBN: 978-0-89236-996-6. EUR 49,80
Charles Fréger, Empire, Kehrer Verlag, Heidelberg, 2010, 164 Seiten, ISBN: 978-3868280975. EUR 39,90
Boris Becker, Fakes, Darling Publications, Köln 2010, 223 Seiten, ISBN 978-3-941765-26-9. EUR 54,00