Birgit S. Bauer
8. Juli 2010
Oder sind wir schon mittendrin in der Utopie? Etwa mit dem World Wide Web? „Digital Folklore“, herausgegeben von Olia Lialina und Dragan Espenschied, dokumentiert das Internet und dessen kreatives Potenzial für den „Amateur“. Die Utopie, das wird hier deutlich, ist oft banaler, als wir uns das vielleicht wünschen. Die Folklore des Webs besteht aus wiederkehrenden Motiven wie putzige Katzen, Comicschriften, YouTube-Videos, die zu weltweiter Bekanntheit gelangen, Avataren in sozialen Netzwerken und jeder Menge Kitsch, der beim Heimwerken mit dem digitalen Code entsteht. Wer sich jedoch von dem Einband mit Glitter-Einhorn, dem bunten Papier und dem beiliegenden Katzen-Poster dazu verleitet fühlt, das Buch als reine Dokumentation niederer kultureller Genres zu verstehen, hat nur eine seiner vielen Ebenen begriffen. Denn hier geht es auch um die Machtverhältnisse im Web, um die technischen Meilensteine und die Spuren, die die Nutzer hinterlassen. Gleichzeitig wird der amateurhafte Umgang mit Grafik-Design und Kommunikation zwar exemplarisch vorgeführt, aber immer wertgeschätzt. Das selbstironische folkloristische Design des 288 Seiten starken Buchs zeigt damit auch, wie sich die Adressaten von Systemen diese zu eigen machen können. Und dieser Ausblick hat dem Design eigentlich noch nie geschadet.
Holde Ideale hingegen lässt der Titel „Die Essenz der Dinge“ vermuten, doch der 132-seitige Katalog zu der aktuell im Vitra Design Museum stattfindenden gleichnamigen Ausstellung vermeidet elitäre Posen. Im Gegensatz zu ihrer Aufmachung – ihres hochvolumigen Papiers beispielsweise – lotet die Publikation in vier Textbeiträgen ausgerechnet das Thema Reduktion und Minimalismus im Design aus. Zwar ist in diesem Kontext oft von ethischen Motiven die Rede, doch die Leere so manchen Wohnzimmers, stellt die Einleitung von Mathias Schwartz-Clauss fest, entpuppt sich oft genug als reine Überlegenheitsgeste, der demonstrative Verzicht als eine Variante des Überflusses. Diese Erkenntnis ist ein gelungener Ausgangspunkt für die Texte von Wiebke Lang, Dirk Baecker und Martin Hartung, die zwischen Rationalität und Emotion das Wesen der Reduktion untersuchen. Nicht neu, in diesem Kontext aber erfrischend ist Wiebke Langs Vergleich der analogen mit der digitalen Designkultur samt ihrem unterschiedlichen semantischen Potenzial. Gut gegliedert ist die Bebilderung des Buches, die 160 Objekte nach unterschiedlichen Aspekten von Reduktion ordnet. Effektiver als in einer Ausstellung setzt sich das Buch über eine mystifizierende Sichtweise ihres Themas hinweg, weil die Gegenstände hier als gleichförmige Freisteller in übersichtlichen Grüppchen wie in einem Warenhauskatalog auftauchen. Es kommt selten genug vor, aber hier erspart der Katalog den Besuch der Schau.
Doch zurück in die Zukunft. Hatten wir das nicht schon einmal – Utopien in Kapseln? Oder gleich auf anderen Planeten? Es ist wieder so weit. „Other Space Odyseeys“ von Greg Lynn, Michael Maltzan und Alessandro Poli wie auch „Klimakapseln“ von Friedrich von Borries entwerfen Bewältigungsszenarien. Und zwar per Rückgriff auf die Vergangenheit. Das 159-seitige Paperback „Other Space Odyseeys“ ist der Reader zur gleichnamigen Ausstellung im Canadian Centre for Architecture. Alessandro Poli (Jg. 1941), Mitglied der radikalen italienischen Architektengruppe Superstudio, erzählt, was seine Identität als Gestalter prägte: vor allem die Mondlandung 1969. In den Zeichnungen, Plänen und Souvenirs aus jener Zeit wird deutlich, dass es in den Superstudio-Forschungsprojekten aber nicht bloß um extraterrestrische Baukörper ging, sondern um das Denken auf der Erde. Heute haben Space-Themen wieder Konjunktur. Lassen sich, so fragt Poli, aus diesem Enthusiasmus Modelle für irdische Formen ableiten – eventuell sogar Überlebens-Formen? Zumindest bei dem Architekten Greg Lynn und seiner weltumspannenden „New City“ sowie Michael Maltzans irdischen Gebäuden für die NASA schwingt der optimistische Formalismus der 1970er-Jahre wieder mit. Ein Denken im größeren Maßstab würde helfen, die derzeitige Ideenkrise im Design zu überwinden – so die Quintessenz dieses Taschenbuchs. Der man sich nach der Lektüre durchaus anschließen mag.
„Klimakapseln“ von Friedrich von Borries wagt einen eher unorthodoxen Ansatz: In zeitgemäßer Mashup-Prosa textet von Borries hier neun utopisch-klimakatastrophale Szenarien, die sich bei Wissenschaft, Pop und Hollywoodfilm bedienen. Sämtliche Geschichten kreisen, aus verschiedenen Erzählperspektiven, um eine schwimmende Kapsel-City. Nun ist von Borries ein besserer Designtheoretiker als Literat, doch die Qualität seiner Erzählungen ist eigentlich Nebensache. Wichtig ist, was hier verhandelt wird, dass von Borries die Designer-Zielgruppe für eine Denk-Methodik in Szenarien, und nicht im Kleinteiligen, sensibilisiert – und das auch noch bei einem großen Verlag wie Suhrkamp unterbringt (und daraus auch eine Ausstellung im Hamburger Museum für Kunst und Gewerbe macht). Highlight dieses Buchs aber ist sein Glossar. Hier werden Utopien zu Wirklichkeit, wenn zwischen Designern, Architekten, Denkern und Modellen auch der Terminator verzeichnet steht. Dessen Vita sagt aus, dass er als Botschafter und Zeitreisender für eine bessere Zukunft deshalb seinen Dienst quittieren musste, weil er als Gouverneur von Kalifornien abberufen wurde – und sich zum Hardliner in Sachen Umweltpolitik entwickelte! Ein wichtiges Buch für das Design und alle anderen Interessierten, ein engagierter Recall des utopischen Denkens.
Dragan Espenschied/Olia Lialina (Hg.): „Digital Folklore“, Merz Akademie, Stuttgart 2009, 286 Seiten, Englisch/Deutsch, ISBN 978-3-93798-2250, EUR 34,50
Mathias Schwartz-Clauss/ Alexander von Vegesack (Hg.): „Die Essenz der Dinge - The Essence of Things: Design und die Kunst der Reduktion - Design and the Art of Reduction“, Vitra Museum, Weil am Rhein 2010, 132 Seiten, mit mehr als 200 meist farbigen Abbildungen, Englisch/Deutsch, EUR 41,--
Greg Lynn/Michael Maltzan/Alessandro Poli: „Other Space Odysseys“, Lars Müller Publishers, Baden 2010, 160 Seiten, Englisch oder Französisch, ISBN 978-3-03778-193-7 oder ISBN 978-3-03778-194-4, EUR 24,90
Friedrich von Borries: „Klimakapseln - Überlebensbedingungen in der Katastrophe“, edition suhrkamp, Berlin 2010, 160 Seiten, Deutsch, ISBN 978-3-518-12615-8, EUR 14,--