Vier neue Bücher zum Thema Film- und Videokunst

Die Angriffslust der Roten Berta

Dominikus Müller
4. März 2010

Es scheint, als bräuchte die Künstlerkarriere in regelmäßigen Abständen einen Moment des Innehaltens und der Rückschau. Dann werden gerne Retrospektiven veranstaltet – im White Cube oder auf dem Papier. Diesem Phänomen verdankt sich wohl auch der schlicht „Nasan Tur“ betitelte Band über besagten Künstler. Und tatsächlich: Die von Réne Block herausgegebene Publikation versammelt Arbeiten aus den letzten zehn Jahren, akkurat aufgelistet vom Neuen aus rückwärts zum Alten. Präsentiert sind die Werke jeweils auf mehreren Bildseiten, versehen mit kleinen Texten, die in groben Zügen exemplarisch Konzept und Inhalt dieser oft auf Partizipation angelegten und sich an der Grenze von öffentlichem Raum und Galerieraum situierenden Kunst nachzeichnet. Dass die üblichen biografischen Anhänge hier erfreulicherweise noch durch eine ausführliche Bibliografie ergänzt sind, macht das Buch zu einem properen Inventar einer letztlich noch jungen Künstlerkarriere. Leider aber versäumen sowohl die kurze Einleitung von René Block als auch der längere Textbeitrag von Barbara Heinrich, das nicht spannungslose und unproblematische Werk Nasan Turs kritisch zu kontextualisieren – besonders vor dem Hintergrund einer allgemeinen Erschöpfung allzu direkter Ideen der Partizipation oder einer Auflösung der Kunst im Leben. Denn gerade die als Versuchsanordnungen konzipierten Arbeiten Turs wissen sehr wohl um diese Problematik und stellen mit ironischem Achselzucken das Scheitern dieser Ideale aus.

Das Überblicks-Prinzip liegt auch dem Katalog zu Guy Ben-Ners Ausstellung „Flying Lessons“ im Edith-Ruß-Haus für Medienkunst in Oldenburg zugrunde. Denn hier sind alle elf im Lauf der letzten zehn Jahre entstandenen Videoarbeiten chronologisch geordnet versammelt, wodurch dieses Buch zum Inventar einer Künstlerkarriere der Nuller-Jahre wie auch zu einem manchmal recht befremdlichen, aber immer interessanten Familienalbum eines Künstlers wird, dessen Werk von der Arbeit mit den nächsten Angehörigen geprägt ist. So spielt er in seiner Küche mit seinen noch kleinen Kindern Robinson Crusoe oder Moby Dick nach, steckt seine Familie inklusive der frühpubertären Tochter in alberne Straußenkostüme oder besetzt mit Sack und Pack und Kind und Kegel Ikea-Filialen rund um die Welt, um dort vor aller Augen Themen wie Ausbeutung, Ökonomie und Hierarchie am konkreten Beispiel und buchstäblich öffentlichen Küchentisch auszudiskutieren. Da Ben-Ners Videos inzwischen ohne seine Kinder auskommen müssen (ab einem bestimmten Alter hat man eben keine Lust mehr, sich zusammen mit Papa vor der Kamera zum Affen zu machen), kann man „Flying Lessons“ getrost auch im Sinne eines „flügge Werdens“ verstehen. Doch so harmlos-familiär, wie dieses Werk zunächst wirkt, ist das alles nicht – stehen im Zentrum von Ben-Ners Werk doch Fragen nach Machtstrukturen und Verwertungszyklen, die er an seiner Familie als klassisch-bürgerlicher Minimaleinheit der Gesellschaft mit Humor, aber auch immer mit gehöriger Härte und der nötigen Ernsthaftigkeit durchbuchstabiert. Diesen wesentlichen Aspekt in Ben-Ners Schaffen nehmen die Textbeiträge von Susanne Hinrichs und Ingmar Lähnemann leider nur ansatzweise auf und widmen sich stattdessen lieber Fragen der Inszenierung oder des dichten literarischen und kinematografischen Verweissystems. Dem hätte man mit der Transkription der Texte einiger Videos entgegenwirken können. So bleibt „Flying Lessons“ eine solide aber oberflächliche Faktensammlung, die zudem stellenweise etwas dröge wirkt – und das bei Arbeiten, die trotz ihrer Komplexität stets so locker und gewitzt wie die „Sendung mit der Maus“ daherkommen.

Wirklich gut gelungen ist die Übersetzung von Werk in Katalog im Falle Harun Farockis, der auf kaum mehr Jahre im Kunstbetrieb zurückblicken kann als Ben-Ner oder Tur, dafür aber auf fast fünfzig Jahre engagierter Filmproduktion. Der Londoner Ausstellungskatalog „Against What? Against Whom?“ trägt die Angriffslust ebenso wie die fragende Grundhaltung von Farockis Œuvre bereits im Titel. Hier wird – neben einer Filmografie, einem Verzeichnis der Arbeiten im Kunstkontext sowie illustrierendem Bildmaterial – ganz auf Text gesetzt: Sage und schreibe 27 Beiträge versammelt die Publikation. Neben den Herausgebern Antje Ehmann und Kodwo Eshun kommen dabei, Farockis Zwitterstellung zwischen Essay-Film und Videoinstallation analog, sowohl Filmwissenschaftler wie Raymond Bellour, Thomas Elsaesser oder Christa Blümlinger als auch Kunstbetriebsangehörige wie Sabeth Buchmann, Andreas Siekmann oder Florian Zeyfang zu Wort. Dazwischen tummeln sich noch Diedrich Diederichsen, Georges Didi-Huberman und das Raqs Media Collective. Eine illustre Runde also. Da ist dann auch alles dabei, von der knallharten Mikroanalyse einzelner Filmszenen über persönliche Erinnerungen bis hin zu grafischen Annäherungen im Stile von Piktogrammen. Das wahre Highlight dieses Buches aber versteckt sich an dessen Ende: ein langer Text aus der Feder Farockis, der sich auf Deutsch auch in „Rote Berta Geht Ohne Liebe Wandern“ wiederfindet, einer Autobiografie in Form eines Produktionstagebuchs.

Das sind pralle 66 Jahre (west-)deutsches Linkssein im Kulturbetrieb, die unter dem Datum 1944 mit dem Satz beginnen: „Ich sollte im Virchow-Krankenhaus in Berlin zur Welt kommen, aber wegen des Bombenkriegs verließen wir die Stadt“. Von hier aus entsteht ein sehr persönliches Dokument gelebter Geschichte, zeigt sich Farocki in jeder Beziehung schonungslos offen. So werden hier mehr als einmal Fördersummen konkret beziffert, aber auch das Verhältnis zur eigenen Ideologie und die lieben Kollegen werden beleuchtet. Und doch klingt Farocki niemals zynisch oder verbittert. Trotz oder vielleicht gerade wegen seiner nüchternen, aufrechten Schilderung entwirft dieser Text so etwas wie ein historisches Sittengemälde der (deutschen) Kulturlandschaft, erzählt er ohne Pathos und Lamento wie nebenbei vom Abstieg redaktionell betreuten Qualitätsfernsehens, vom Niedergang des Programmkinos und vom Aufstieg des Kunstbetriebs. Kulturgeschichte und Lebensbeichte in einem. Das muss man erst einmal hinbekommen.

René Block (Hg.): Nasan Tur, Revolver Books, Berlin 2009. 127 Seiten, ca. 70 Abb., broschiert, Deutsch/Englisch, ISBN 978-3-86895-049-6. EUR 22,00

Sabine Himmelsbach (Hg.): Guy Ben-Ner – Flying Lessons, Katalog Edith-Ruß-Haus für Medienkunst, Kehrerverlag, Heidelberg 2010. 96 Seiten, ca. 70 Farbabb., Deutsch/Englisch, ISBN 978-3-86828-117-0. EUR 19,80

Antje Ehmann & Kodwo Eshun (Hg.): Harun Farocki – Against What? Against Whom?, Verlag der Buchhandlung Walther König, Köln 2009. 256 Seiten, 570 (300 farb.) Abb., Filmografie, Englisch, ISBN 978-3-86560-587-0. EUR 29,80

Harun Farocki: Rote Berta Geht Ohne Liebe Wandern, Strzelecki Books, Köln 2009. 48 Seiten, ohne Abb., Deutsch, ISBN 978-3-9812714-8-5, EUR 12,80


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