VIENNAFAIR 2010

Anschub Ost

Astrid Mania
7. Mai 2010

Man kann über die VIENNAFAIR sagen, was man will – eines steht fest: Sie kennt und vermarktet offensiv ihr Alleinstellungsmerkmal – globalisierte Betriebswirte sprechen auch gern vom Unique Selling Point, was noch ein wenig mehr nach Ladentheke klingt. Der Wiener Messe jedenfalls ist es in ihrem jungen Leben gelungen, sich zum Knotenpunkt von Ost und West, zum Marktplatz und Vermittlungsort für die Kunst aus Zentral- und Osteuropa zu entwickeln. Es ist ein Argument, das Sammler und – in gegenseitigem Gefolge – Galeristen gleichermaßen überzeugt. So ist der geografische Schwerpunkt der Messe auch der Hauptgrund für die Berliner Galerie Hamish Morrison, regelmäßig teilzunehmen. Morrison, der eine Einzelpräsentation der Österreicherin Viktoria Tremmel zeigt, hält die VIENNAFAIR für „eine der wenigen Messen, die einen ganz eigenen Charakter hat“. Und für manche Galerie, die am massiv gesponserten CEE-Schwerpunkt (Central Eastern Europe) partizipiert hat, waren die günstigen Konditionen auch der Beginn einer wunderbaren Karriere. An Tulips & Roses aus Vilnius etwa, die sich dieses Jahr einen ausgesprochen großzügigen Stand mit der Wiener Galerie Andreas Huber teilen, kommt mittlerweile niemand vorbei, der sich für die junge, hippe Szene des Ostens interessiert. Und lokal_30 aus Warschau, die im Jahr 2006 einen Preis für ihren Stand gewonnen haben, nutzten den finanziellen Segen, um davon die Teilnahme am art forum berlin zu bezahlen. Der Schritt Richtung Internationalität war getan. Der Wiener Messe aber sind sie wegen ihrer Ausrichtung auf Zentraleuropa treu geblieben.

Ganz unbekannt ist auch die Bukarester Galerie Andreiana Mihail nicht mehr, deren Stand pure Nostalgie verströmt. Hier hängt ein Gemälde von Ion Grigorescu, das den Geist altmodischer Gesellschaftsvergnügungen atmet, ein Werk der Berlin Biennale-Teilnehmer von 2008 Mona Vatamanu & Florin Tudor, das die rumänische Revolution zum Thema hat, und die wunderbare Storyboard-Zeichnung von Ciprian Muresan, die sich formal an alten rumänischen Schulbuchcartoons orientiert und voll kindlicher Subversion ist. Überhaupt fällt auf, dass viele Galerien aus dem ehemaligen Ostblock Geschichtsaufarbeitung betreiben. Bei Škuc aus Ljubljana etwa lässt Nemanja Cvijanovic Karl Marx per Videoanimation eine große, langsame Träne weinen (was einen Besucher prompt dazu verleitete, den Bildschirm einfach auszuschalten), und bei der Riga Gallery wird der lettische Künstler Leonards Laganovskis gefeatured, dessen Gemälde Adidasnaya (2007-2009) kapitalistische Trademarks in die Bildsprache des Konstruktivismus übertragen – oder umgekehrt. Jedenfalls scheint es, als hätten sich die Bildstrategien der Soz Art mit ihren „Mesalliancen“ von Pop Art und Sozialismus noch nicht ganz überlebt. Überraschend ruhig – aber auch nur in Hinblick auf die Bildsprache – geht es am Stand der einzigen Teilnehmerin aus Moskau zu, der pop/off/art gallery, die nicht dem Grellmodischen vieler russischer Erfolgskünstler erliegt und im Westen bessere Absatzchancen haben dürfte als auf dem weitgehend hermetischen Moskauer Markt. Eine Wand ist den seltsamen Fotografien Gregory Maiofis gewidmet, die sich wie durch einen Vergangenheitsschleier auf den Betrachter zuzubewegen scheinen und sämtlich Sprichwörter illustrieren. Die so Fin-de-Siècle-mäßig daherkommenden Werke sind auch ganz und gar „altmodisch“ entstanden – die Begegnungen zwischen Mensch und unglücklichem Tanzbär oder dressiertem Äffchen sind tatsächlich fotografiert und nicht digital zusammenmontiert.

Überhaupt bemüht sich die Messe – dem fördernden Bankhaus Erste Bank sei Dank – sichtlich um Internationalisierung, selbst wenn dies bisher noch eher punktuell zu beobachten ist. Immerhin ließen sich gleich zwei Galerien aus Istanbul nach Wien locken, Galerist mit einer sehr braven Einzelpräsentation von Ayse Erkmen, und NEV, die Inci Eviners Projekt „Fluxes of Girls on Europe“ (2010) zeigen, eine Videoinstallation zum Thema weiblicher Immigration innerhalb Europas. Zum ersten Mal dabei sind auch CARBON 12 aus Dubai mit ihrem international ausgerichteten Programm, deren Leiter Kourosh Nouri und Nadine Knotzer lange Jahre in Wien gelebt haben und sich damit auf vertrautem Terrain bewegen. Etwas näher, von der Themse, kommen der treue Anthony Wilkinson sowie die junge Galerie Waterside Project Space, die einen sehr schönen Stand mit preisgünstigen Arbeiten installiert hat. Hier kann man beispielsweise hinreißende Collagen von Kama Sokolnicka für wenige hundert Euro erwerben. Zu den ferneren Gästen gehören Nina Menocal aus Mexico City und Sommer Contemporary Art aus Tel Aviv, die Eliezer Sonnenschein zeigen. Sonnenschein hatte zuvor im Rahmen der Krinzinger Projekte ein dreimonatiges Stipendium in Wien absolviert und präsentiert nun die dort entstandenen sehr gestischen, rot eingetönten Apokalypsen und, im Verhältnis dazu, erstaunlich kühl-konstruktivistische Skulpturen, die gleichermaßen den Verfall dieser Welt zum Thema haben.

Sommer Contemporary Arts stellen in der Sektion „Zone 1“ aus, die jungen Galerien Sonderkonditionen für eine Einzelpräsentation gewährt. Hier findet sich auch die New Yorker Brownstone Gallery, die mit Szabolcs Veres einen rumänischen Maler ins Rennen schickt, der seltsam-klumpige, fleischliche Köpfe malt, oder die Berliner Koch Oberhuber Wolff. Die Erstteilnehmer haben dem Künstlerduo Frédéric Moser & Philippe Schwinger eine Art architektonischen Essay zum Gesamtwerk aus aktuellem Video und älteren Filmstills gebaut – wofür sie denn auch mit dem Emerging Gallery Prize der Wirtschaftskammer Wien ausgezeichnet wurden. Die Wiener Galerie nächst St. Stephan Rosemarie Schwarzwälder wiederum wurde für die Präsentation von konsequent Sperrigem mit dem Established Gallery Prize geehrt. Bei ihr zu entdecken sind die ebenso trocken-konzeptuellen wie physisch-präsenten Quader von Heinrich Dunst, die fröhlich lapidar zur Reflexion über die Verweismacht von Wort und Bild einladen (C, 2010).

Überhaupt herrscht in Wien ja Frauenpower. Besonders geballt am Gemeinschaftsstand von Miryam Charim, Gabriele Senn und Christine König, die ihre Künstler vor einer Fototapete von Elfie Semotan arrangieren, wild durcheinander, ohne Rücksicht auf galeristische Zugehörigkeit. An so viel visuelles Flirren muss man sich ein wenig gewöhnen, doch Spaß macht der Stand. Vor allem spricht er für ein gesund-kollegiales Miteinander. Miryam Charim hat denn auch gleich noch ein kleines Kirchenmodell von Christoph Schlingensief aufgebaut – schließlich wird er ja nächstes Jahr den deutschen Pavillon in Venedig bespielen. Da muss Platzhirsch Georg Kargl schon mächtig dagegenhalten. Was er auch tut. Sein Stand direkt am Eingang der Messe ist wegen des Hochsitzes von Mark Dion nicht zu übersehen (Hunting Blind – The Librarian, 2008). Geschlossen der Messe ferngeblieben sind jedoch die Galerien aus der Wiener Eschenbachgasse (Meyer Kainer, Martin Janda, Mezzanin, Steinek). Auch in Wien scheint das Verhältnis von Messe und lokaler Szene nicht ganz so einfach zu sein.

Der Hang zum Gemeinschaftsstand aber ist eines der Wiener Spezifika, und er trägt auch sehr zur freundschaftlichen Verbindung wenigstens zwischen Wien und Berlin bei. So teilen sich etwa Antje Wachs (Berlin) und Krobath (Wien/Berlin) eine Ausstellerfläche, wie auch traditionell carlier | gebauer, Guido W. Baudach und Krinzinger. Es gibt Überschneidungen im Programm, und überhaupt, das passt schon. Berlin und Köln sind dieses Jahr ohnehin recht gut vertreten und stellen die stärkste Fraktion, nach den zahlreichen österreichischen Teilnehmern natürlich (die es sich dieses Jahr erfreulicherweise verkniffen, mit zahlreichen Hermann-Nitsch-Werken zu erschrecken. Aber vielleicht ist der Markt momentan ja auch ausgeblutet.) Neben ZAK | Branicka, die große Namen wie Zofia Kulik oder Katarzyna Kozyra zu jungen Künstlerinnen wie Agnieszka Polska gesellen, sind auch Wagner + Partner von der Spree angereist. Köln präsentiert sich – was im Grunde für die gesamte Wiener Messe gilt – als ausgesprochen disparate Szene. Mit dabei sind unter anderem Klaus Benden, der wie schon auf der ART COLOGNE eine kleine Pop-Art-Schau installiert (aus der eine diskret-hölzerne Arbeit von Ed Ruscha im besten Sinne herausfällt), Erstteilnehmer Teapot, die einen recht deftigen Auftritt mit den in Wien sicher nicht völlig deplazierten drastischen Zeichnungen von „Künstlerhuren“ hinlegen, der nur noch durch die anal-humoristische Performance ihres Autors Thomas Palme gesteigert wurde, sowie Sebastian Brandl, der wegen der guten Verkäufe im letzten Jahr gerne und erwartungsvoll wiedergekommen ist.

Noch ist es zu früh, über den kommerziellen Erfolg der Messe zu spekulieren. Am Vernissagetag jedenfalls wurde das eine oder andere Geschäft abgewickelt. Es scheint aber, als habe die Messe insgesamt unter den Folgen der Krise zu leiden – auffällig groß sind etwa die Stände der Institutionen und Medien. Auch konzeptuell hat die Messe noch einige Probleme zu lösen. Denn noch immer teilt sie sich in drei Teile – einen hochanregenden Bereich mit junger Kunst aus Osteuropa, einen Teil mit international etablierten oder ambitionierten Galerien sowie ein breites Teilnehmerfeld, das eher den regionalen Markt und Geschmack bedient. Die Interessen all dieser Aussteller unter einen Hut zu bringen, dürfte auf Dauer schwierig werden, ist andererseits aber die marktentscheidende Frage für eine Messe mit fester regionaler Verankerung. Dabei hat die Messe ja erkannt, was ihre Stärke ist: „The International Contemporary Art Fair – Focused on CEE“ steht auf dem Cover des Katalogs, und nicht nur dort. Wenn die VIENNAFAIR aus dieser wirklich einzigartigen Konstellation verstärkt Kapital (und Glaubwürdigkeit) zu schlagen vermag, folgt sie dem richtigen Weg.


Ein klein wenig Völlerei von Astrid Mania
Curated by_vienna ist ein wunderbares Projekt, das Wiens Galerien zusammenbindet. Doch die kuratorische Aufgabe ist dieses Jahr kaum zu lösen.


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