Vienna Gallery Weekend, 2011

Wiener Momentaufnahme

Michaela Nolte
2. Dezember 2011

Etwas spät, aber dennoch: Seit 2010 gibt es auch ein Vienna Gallery Weekend, dessen zweite Ausgabe nun parallel zur Vienna Art Week Ende November stattfand. Der Synergieeffekt mit dem vom Auktionshaus Dorotheum initiierten Groß-Event überzeugte jedoch nicht jede der rund 40 Galerien der österreichischen Hauptstadt. Mit 25 Teilnehmern war die Tendenz zum Vorjahr gar rückläufig und auch die Experimentierfreude hielt sich in Grenzen.

Grita Insam fehlte ebenso beim offiziellen Kunstspektakel wie Georg Kargl, die Galerie Meyer Kainer verlängerte kurzerhand Franz Wests Epiphanien. Eine sichere Nummer wurde der 64-Jährige doch jüngst mit dem Goldenen Löwen der Biennale von Venedig geehrt – als überhaupt erster Künstler Österreichs. Das dürfte den stets ums Unheroische kreisenden West nun doch noch zum nationalen Monument herauf katapultieren. Daran muss die österreichische Künstlerin Eva Grubinger derweil arbeiten. Sie hat in der Kerstin Engholm Galerie Lockvögel ausgelegt: Auf dem Boden glänzen drei überdimensionale Angelhaken in Silber, Gold und Kupfer. Ein bisschen wie der sprichwörtliche Fisch auf dem Trockenen wirkt das Ganze, doch flankiert von einem rauen Holzpfahl und dem Rettungsring hoch oben an der Wand, entfalten sie eine reizvoll bissige Geschichte um verführerische Mordwerkzeuge und Halt vorgaukelnde Chimären.

Nebenan in der Christine König Galerie versperrt Sislej Xhafa mit einem schwarzen, elf Meter langen Schaukelfragment den Weg. Wer das Werk mit dem Titel oblique motionless (schräge Bewegungslosigkeit) zum Thema Migration trotzdem kriechend oder springend überwindet, steht vor einer Schubkarre, die derjenigen aus Stephan Hubers Serie „Arbeiten im Reichtum“ zum Verwechseln ähnelt. Nur den Kronleuchter hat der 1970 im Kosovo geborene Wahl-New Yorker gegen eine Lichterkette ausgetauscht. Die Umdeutung auf religiöse Versprechen und deren heutige Konsumbedingtheit bleibt bei so viel Eklektizismus allerdings dürftig.

Konzeptkunst mit Fluxus-Wurzeln bei Jarosław Kozłowski (Galerie Steinek) oder als Post(-er)production von Michael Riedel bei Gabriele Senn und Interventionen (Clemens Hollerer bei Karol Winiarzyk) scheint die Wiener Szene zu dominieren. Malerei kommt nur marginal vor und mit Otto Zitkos Farbexpressionen (Krobath) überdies schwach. Einen starken Auftritt haben Julie Haywards Großskulpturen im Projektraum Viktor Bucher. Mit „I wanna go home II“ verwandelt die gebürtige Salzburgerin das Heim ins Unheimliche, die Wiener Gemütlichkeit ins Ungemütliche.

Ebenfalls mit einer neuen Ausstellung, allerdings nicht im Rahmen des Vienna Gallery Weekends, hat Mladen Stilinović die Galerie Martin Janda in ein raffiniertes Environment umgebaut. Mit Collagen aus Propaganda- und Heiligenbildchen, aus Wortfetzen und Sinnschnipseln versprüht der 1947 in Belgrad geborene Autodidakt einen erfrischend schwarzen Humor. Dada in Bestform: Ob seine Arbeit nun modern, postmodern oder postmortem ist, sei ihm egal, so Stilinović. Auch Georg Kargl lädt unabhängig vom Galerienwochenende zur Eröffnung ein. Der wunderbare William Engelen bespielt einen Teil der Galerie mit Kilts und Partituren zum „Faltenrock“; in den Haupträumen wird die Schau „This is happening II“ gezeigt. Hier brilliert Manuel Knapp mit einem schwarzen Raum, in dem sich animierte, weiße Linien kongenial zwischen dynamischem Bild, Installation und flüchtiger Architektur bewegen. Theoriebedürftiges kommt von Martin Vesely – Mitbetreiber des angesagten Wiener Off-Spaces Ve.Sch – und vom Leipziger Künstlerkollektiv Famed. Während Liddy Scheffknechts installative Fotos die Ästhetik des Film noir sinnlich weiterentwickeln.

„This is happening II“ – ein lapidarer Titel für eine Schau, die sich mit dem künstlerischen Multitasking der jüngeren Generation auseinandersetzt. Dies ist kein fixes Statement, sondern eine blanke Momentaufnahme. Eine Zusammenfassung, die auch auf das Vienna Gallery Weekend zutrifft. Ob sich dieses zur festen Größe etablieren wird, bleibt abzuwarten.

Eva Grubinger – Kerstin Engholm Galerie, Wien. Vom 18. November 2011 bis 10. Januar 2012

Sislej Xhafa: „oblique motionless“ – Christine König Galerie, Wien. Vom 13. November 2011 bis 14. Januar 2012

Jarosław Kozłowski: „Recycled News II“ – Galerie Steinek, Wien. Vom 9. November bis 22. Dezember 2011

Michael Riedel: „The quick brown fox jumps over the lazy dog“ – Gabriele Senn Galerie, Wien. Vom 15. November 2011 bis 14. Januar 2012

Clemens Hollerer: „One minute silence“ – Galerie Karol Winiarzyk, Wien. Vom 9. November 2011 bis 7. Januar 2012

Otto Zitko – Krobath, Wien. Vom 14. September bis 22. Dezember 2011

Julie Hayward: „I wanna go home II“ – Projektraum Viktor Bucher, Wien. Vom 10. November 2011 bis 14. Januar 2012

Mladen Stilinović: „Insulting Anarchy“ – Galerie Martin Janda, Wien. Vom 9. November 2011 bis 7. Januar 2012

„This is happening II“ mit Manuel Knapp, Björn Kämmerer, Liddy Scheffknecht, Martin Vesely, Mathias Pöschl, FAMED, Wolfgang Plöger, Philip Patkowitsch, Tina Schulz und Mladen Bizumic – Georg Kargl Fine Arts, Wien. Vom 18. November 2011 bis 14. Januar 2012

William Engelen: „Faltenrock“ Georg Kargl Box, Wien. Vom 18. November 2011 bis 14. Januar 2012


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