23. November 2011
Eröffnung 21er Haus: „Schöne Aussichten!“ – Belvedere, Wien. Von 15. November 2011 bis 08. Januar 2012
Ein Band im leuchtenden „Belvedere-Rot“ umschlingt den Schwanzer-Pavillon, im Innern ist der rote Teppich ausgerollt. Kein Einweihungskitsch für die weit mehr als 1.000 Eröffnungsgäste, sondern die frech-hintersinnige Installation des Schweizers Marcus Geiger. Die Kunst-Flagge mäandert mehr schlaff als straff, die Teppichbahnen winden sich von der Galerie in die luzide Halle herab. Repräsentieren lässt sich darauf nicht.
Karl Schwanzers schwebende Glas-Stahl-Konstruktion, 1958 für die Brüsseler Weltausstellung entworfen und 1962 als Museum des 20. Jahrhunderts wieder aufgebaut, stand zehn Jahre leer. Zwischendrin war gar die Rede von Abriss. Umso glücklicher präsentiert Belvedere-Direktorin Agnes Husslein-Arco nun ihre neue Dependance für Gegenwartskunst, und Adolf Krischanitz hat das Baudenkmal seines Lehrers erfreulich behutsam restauriert und um zwei Untergeschosse sowie einen Büroturm erweitert. Kostenpunkt: rund 32 Millionen Euro. Auffallend reduziert gibt sich die Eröffnungsschau „Schöne Aussichten!“. „Wir verstehen es mehr als Projekt“, sagt Bettina Steinbrügge, eine der Kuratorinnen, und erklärt, dass sie mit Werken wie Lois Weinbergers Wilde Cube oder Peter Koglers zusammen mit dem museum in progress entworfenen KünstlerInnenportraits Fragen stellen wollen: an die Kunst im internationalen Kontext – und an die österreichische Identität.
Zwar herrscht in Wien kein Mangel an Orten für zeitgenössische Kunst, doch Schwanzers Architekturjuwel eignet sich gerade für Experimentelles. So gesehen bietet der programmatische Auftakt mit Installationen wie Christian Philipp Müllers bissiger Family of Austrians oder Franz Wests dämmrig schimmerndem Moonlight tatsächlich vortreffliche Aussichten. In die bisherige Zeitgenossen-Dependance im Augarten zieht übrigens Francesca von Habsburgs Thyssen-Bornemisza Art Contemporary. Ihr Plan, Krischanitz’ Temporäre Kunsthalle Berlin neben dem 21er Haus zu installieren, werde bis auf Weiteres verschoben, verkündete Habsburg just zur Vienna Art Week.
Deren künstlerischer Leiter Robert Punkenhofer hatte mit Ursula Maria Probst die Sonderausstellung ausgerichtet. „Reflecting Reality“ sollte die Beziehungen zwischen Kunst und Psychoanalyse ausloten, geriet aber mit einem infantilen
Jonathan Meese-Aufguss, der Performance
HYPNO HIPPO SCHIZO HOCH ZEIT von
Elisabeth von Samsonow oder
Ständerfoto-Nudes (sic!) von
Gelitin zur heiklen Affäre. Solch künstlerischen Fehlleistungen half auch der Genius Loci im
Sigmund Freud Museum nicht. Dafür ist die hauseigene Konzeptkunst-Sammlung absolut sehenswert – auch außerhalb des einwöchigen Kunstszenenauftriebs. Der hat Wien nicht nur den Glanz, sondern vor allem die Quirligkeit einer Kunstmetropole beschert – von der Hochkultur mit Eröffnung im
Dorotheum und Fundraising-Dinner in der
Secession bis zu den Ecken und Kanten der Off-Szene, die im
Künstlerhaus mit „MetaMart“ ein erfrischend anderes Messeformat ausprobiert hat: Kunst mit flexibler Preisgestaltung, im Austausch gegen eine gute Begründung oder zum Fixum bis zu 100.000 Euro. Eine lustvoll offensive Inszenierung um Kunst und Kapital mit rund 200 Künstlern.