Sabine B. Vogel
18. Dezember 2009
„Videorama. Kunstclips aus Österreich“ – Kunsthalle Wien, Ursula Blickle Videoarchiv, Wien. Vom 4. November 2009 bis 10. Januar 2010„Videorama: Subversion, Absurdity and Form in Austrian Video Art“ – Austrian Cultural Forum, New York. Vom 1. Dezember 2009 bis 23. Januar 2010Vor grünlichem Hintergrund flackert eine Kerze. Ein banales Bild, eine kurze Videosequenz, aber die Referenzen drängen sich sofort auf: Gerhard Richters Kerzen-Bild von 1982, das „Sonic-Youth“ Plattencover zu „Daydream Nation“ mit identem Motiv sechs Jahre später, Nam June Paiks Projektion einer Kerzenflamme im Frankfurter Portikus im selben Jahr, sein Buddha vor einer Kerze im ausgehöhlten Fernseher und fast zwanzig Jahre später die Kerze als Meditationsspiel in der letzten Station bei WII-Sports. Im simplen Bild der Kerze spiegelt sich Mediengeschichte – und damit ist Franz Schuberts Animationsfilm von 2008 der perfekte Auftakt zu „Videorama. Kunstclips aus Österreich“. Die 50 Videos von 31 Künstlern erzählen uns allerdings keine Entwicklungsgeschichte, sondern zeigen die Konsequenz: Diese Kerze erhellt keinen Raum für Ruhe und Besinnlichkeit, sondern wird zum Inbegriff für das permanente Flackern der Bilder.
Dicht an dicht auf Monitoren plus Kopfhörer präsentiert, unterbrochen von wenigen, wandgroßen Projektionen, überwältigt uns in der Kunsthalle Wien die schiere Menge und Lautstärke der bewegten Bilder. Animationen und Found Footage, Dokumentationen und gefilmte Interventionen – hier findet sich jede Methode, inklusive aller erdenklichen Verweise, von Politik bis Pop. Ohne thematischen roten Faden werden wir in diese kunterbunte Videowelt geworfen, die uns eines „wieder sehen“ lassen will: „den Kunstwert des Laufbildes“. Ja, ist der denn verloren gegangen? Bewegte Bilder sind fixer Bestandteil jeder zeitgenössischen Gruppenausstellung, Video das führende Medium vieler Biennalen. Einzig auf Kunstmärkten gerät die zeitbasierte Kunst gerade ins Abseits, was aber weniger die Frage nach einem „Kunstwert“ als die nach den Sammlerkriterien betrifft – Videos, speziell ältere Bänder, haben ein technisches Verfallsdatum und lassen sich nicht permanent und so gängig präsentieren wie ein Gemälde. Doch diese Schau beweist das Gegenteil: Sämtliche Werke stammen aus dem Ursula Blickle Videoarchiv, das als permanente „Videolounge“ in der Kunsthalle derzeit 1479 Bänder österreichischer Videokunst seit 1995 für Recherchen bereithält. Eine dreiköpfige Jury (Massimiliano Gioni, Sabine Himmelsbach und Ian White) hat daraus einen Video-Pool ausgewählt, teils einstimmig, teils als Werkempfehlungen der einzelnen Juroren. Kriterium war dabei keine „historische Wurzelsuche“, wie es Gerald Matt nennt, sondern die Position von Videokunst in der zeitgenössischen Kunst.
Als bei zeitgenössischen Künstlern weniger beliebt – weil weniger sammlungstauglich? – erweisen sich hier die Videoskulptur und -installation. Das Medium wird vor allem als Tafelbild in Bewegung betrachtet. Manche der hiesigen Beiträge überraschen, andere verstören in ihrer Oberflächlichkeit, wenn etwa Thomas Draschan tragfähige Bildideen durch längst unerträglich gewordene Techniken wie schnelles Aneinanderreihen von Found Footage ersetzt. Absolutes Neuland betritt dagegen die Ausstellung mit einem Präsentationssystem, das die offene Konfrontation der einzelnen Beiträge ohne dunkle Kammern sucht und als Trostpflaster für diesen schonungslosen Umgang einige Videos mit digitalen Anzeigen ausstattet, die uns über die abgelaufene Filmzeit informieren. Damit ist es endlich möglich, exakt zum Filmbeginn zurückzukehren.
Leise Themen und subtile Techniken haben dabei allerdings kaum eine Chance, und so verwundert es nicht, dass hier keine experimentellen, sondern unterhaltsame Bildfolgen dominieren. Symptomatisch dafür ist Stermann & Grissemanns Kochsendung im Sprachgestus der Nazis, Die deutsche Kochschau. Die digitale Aufzeichnung hat auf YouTube fast 2 Millionen Aufrufe – zweifellos eine großartige kabarettistische Leistung, aber im „Kunstwert“ als Videokunst deutlich nachrangig. Der Humor der Kabarettisten basiert auf der Methode von ernsthafter Absurdität – ein Ansatz, der sich bald als gemeinsamer Nenner vieler Werke erweist. In den besten Werken kommen außergewöhnliche Bildideen, unerwartete Zusammenhänge und überhöhte Beobachtungen zusammen, wie im Falle von Sabine Maier: Sie filmt Synchrontänzerinnen im Badeanzug, die in einer alten Halle mit ihrer Choreographie die glorifizierende Ästhetik der offiziellen Sowjetkunst tänzerisch nachempfinden und damit an die kommunistischen Spartakiaden erinnern; oder bei Heimo Zobernigs Dokumentation (s)eines unerträglich schreienden Kleinkinds.
In einer zweiten, nahezu parallel eröffneten Ausstellung kommt all dies noch gezielter in den Blick. „Videorama“ wird rund um den Globus in 13 Städten von Tel Aviv über Neu-Delhi bis Hongkong gezeigt; begonnen hat die Tournee bereits im New Yorker Austrian Cultural Forum. Unter dem Titel „Videorama: Subversion and Absurdity in Austrian Video Art“ wird eine Auswahl der Auswahl gezeigt, 16 Videos von 13 Künstlern. Nur acht Meter breit sind die 24 Stockwerke des seltsamen Gebäudes vom Architekten Raimund Abraham in Manhattan. Pro Stockwerk ein Raum – hier ist „Videorama“ gerade wegen der linearen Abfolge der kleinen Räume entschieden stringenter als in der Wiener flackernden Gleichzeitigkeit. Direkt zu Beginn versetzt uns Tomas EllersElectricnight in irritiertes Staunen. Schneeraupen führen in einer winterlichen Nacht eine konspirativ wirkende Choreographie auf – Spielzeugautos oder echte Pistenfahrzeuge, gezielte Schneeplanierung oder außerirdische Tänze? Irritierend auch Anna Jermolaewas Video über Ratten in einem Glaskasten, die an den glatten Glasscheiben zu entkommen suchen. The way up zeigt einen Verkaufsstand auf einem Markt, als 3:14-Sequenz verdichtet wird das Werk zum symbolischen Bild für Kunst im Glaskäfig einer Ausstellung, für Karrierewege, für Massenware. Jermolaewa lässt die Deutung offen, die Assoziationen rennen je nach Kontext die Wände hoch. Großartig auch Paul Divjaks Video Die letzten Bilder der Nacht. Früher, als es noch kein Privatfernsehen aber einen Sendeschluss gab, wehte die österreichische Flagge als Abschlussbild im Nationalfernsehen. In Divjaks Bildfolge scheint der Adler seinen Arbeitsplatz als nationales Wappentier zu verlassen – die rot-weiß-roten Farben bleiben als abstrakte Flächen ohne Bildmotiv zurück, der Adler verschwindet in den Falten. Subversiv, intelligent, filmisch faszinierend, funktioniert dieses starke Bild auf allen Ebenen: Das Ende des Programms ist das Ende der Bilder, selbst die Symbole verlieren sich in ihrem Rahmen. Schade, dass dieser Beitrag nicht als Signetwerk von „Videorama“ ausgewählt wurde. Er hätte zusammen mit Franz Schuberts Kerze dieser Ausstellung, die eine Suche nach den technischen und konzeptuellen Wurzeln völlig ausblendet, eine überzeugende kuratorische Klammer gebildet. So bleibt der Betrachter angesichts der bunten Vielfalt etwas ratlos zurück. Nur die absurde Frage nach dem „Kunstwert“ beantwortet sich sowieso von selbst.
Mit Klaus Auderer, Renate Bertlmann, BitteBitteJaJa, Paul Divjak, Thomas Draschan, Tomas Eller, Tina Frank/Peter Rehberg, Rainer Ganahl, Granular Synthesis / Kurt Hentschläger & Ulf Langheinrich, Johannes Hammel, Nicolas Jasmin, Anna Jermolaewa, Susanne Jirkuff, Leopold Kessler, Dariusz Kowalski, Stephan Lugbauer, Sabine Maier, Mara Mattuschka & Gabriele Szekatsch, Josh Müller, Rudolf Polanszky, Gerwald Rockenschaub, Markus Schinwald, Franz Schubert, Veronika Schubert, Walter Seidl / Stefan Geissler, Hubert Sielecki / A.S.K., Station Rose, Stermann & Grissemann, Axel Stockburger, Erwin Wurm, Heimo Zobernig