Verhandlungssystem Kunstmarkt

Preis auf Anfrage –Teil I

Jürgen Kaube
26. September 2005
Das Gefühl, angesprochen zu sein, kommt bei Ökonomen immer dann auf, wenn sie hören, dass irgendwo Preise verlangt werden. In den Galerien und bei Kunstmessen stehen die Preise auf den Schildern neben den Werken oder sie können, dezenter, in der Preisliste nachgeschlagen werden. Wenn man mit der Formulierung „Preis auf Anfrage“ auch dort noch einmal weiter verwiesen wird, darf man sicher sein, dass der Preis stattlich ist. Waren hatten schon immer Preise. Aber nicht schon immer stehen diese Preise an den Waren, nicht überall gibt es Preisschilder oder Preislisten. In „Bazar-Ökonomien“ (Clifford Geertz) gibt es sie meistens nicht und wenn es sie gibt, bedeuten sie so gut wie nichts. Lange kannte auch der neuzeitliche Einzelhandel keine festgelegten Preise. Es war erst das Kaufhaus, das gegen Ende des 19. Jahrhunderts das Preisschild einführte und damit den nicht mehr verhandelbaren Preis. Das Preisschild ist, so gesehen, ein Kommunikationsunterbrecher.

Noch heute kann jeder, der sich in einem Warenhaus bewegt, diese Erfahrung machen: Man wird nicht oder jedenfalls kaum gestört, muss sich nicht erklären, kann ohne weitere Folgen die Ware in Augenschein nehmen und sich ohne Rechtfertigungszwang wieder entfernen, wenn sie nicht gefällt. Dafür gibt es aber auch keine Diskussion, wenn Kaufbereitschaft gezeigt wird. Der Preis, der draufsteht, gilt. Für das Kaufhaus hat ein solches System leicht erkennbare Vorzüge. Es kann nämlich die Entscheidung über den Preis einer Ware vom anwesenden Verkaufspersonal unabhängig machen. Die Kalkulation des betriebswirtschaftlich Erforderlichen wird gegenüber der Interaktion beim Einkaufen ausdifferenziert. Das erlaubt es, ganz geringe, aber unabdingbar fixe Gewinnspannen festzulegen. Man verkauft knapp oberhalb der Kosten, dafür jedoch mit absoluter Sicherheit in dieser Höhe, weil dem Verkaufspersonal keinerlei Spielraum gewährt wird. Die Menge macht's – doch sie macht es eben nur, wenn über die Preise nicht verhandelt werden kann.

Zurück zu den Galerien und zum Kunstmarkt. Ökonomisch gesehen weichen sie nämlich bemerkenswert von diesem Bild ab. Anders als im Warenhaus, sind die festgesetzten und ausgeschriebenen Preise auf dem Kunstmarkt aller Erfahrung nach keine Kommunikationsunterbrecher. Im Grunde gilt für alle Preise „auf Anfrage“. Denn wie viele Bilder – Hand aufs Herz – wechseln tatsächlich zu genau dem Preis den Besitzer, den die Galerie rechts unterhalb des Objekts angebracht hat? Überhaupt keine. Der Kunstkauf ist ein Verhandlungssystem und die Ökonomie des Kunstmarkts hat Züge einer Bazar-Ökonomie, die viel Reden, Ausweichen, Schmeicheln, Beleidigtsein und das Austesten fast moralischer Belastungsgrenzen der Beteiligten beansprucht. 15.000,- Euro bedeuten eben nicht 15.000,- Euro, sondern Ratenzahlung, Rückgaberecht, Umtausch, Rabatt und was nicht alles sonst noch.

Ein Grund dafür liegt in der Eigenschaft der gehandelten Güter. Zu Kunst fällt allen Beteiligten eben so unendlich viel mehr ein als etwa zu Toastern, Handschuhen oder Salami und das allein stimuliert die Kommunikation über das Objekt der Begierde – damit aber auch die Ungewissheit darüber, was ökonomisch der Fall ist. Der unmittelbare Nutzen des Werkes ist kein technischer. Das Bild, die Skulptur bewirken keine Not lindernden Wirkungen. Wer sie kauft, mag investiert haben, weil das Objekt zukünftig seinen Wert vermehren wird. Wer sie kauft, mag aber auch einfach nur konsumiert haben, weil es für sein Objekt gar keine rentablen Wiederverkaufschancen gibt, sondern eben nur die Möglichkeit, an der Wand dem Käufer zu gefallen. Damit ist das Zentrum einer Ökonomie des Kunstmarkts berührt: Die Unsicherheit nämlich, die den Käufer befallen kann, ob und in welchem Maß er seinen Kauf als Konsum oder als Investition betrachten sollte.

Wer eine Waschmaschine ersteht, gleicht insofern zwar zunächst durchaus dem, der eine Zeichnung von Richard Serra erwirbt. Er zahlt für etwas, was er nutzt. Aber die Waschmaschine wird von niemandem unter dem Gesichtspunkt ihrer Wiederverkäuflichkeit erworben. Das gilt unter den Konsumgütern allenfalls für Immobilien und für Automobile, die sich aber zumeist nur negativ verzinsen und schon in dem Moment, da der Neubesitzer den Zündschlüssel das erste Mal herumdreht, als Gebrauchtwagen drastisch an Wert verloren haben. Nur als antike Modelle, wenn sie also fast schon auf dem Kunstmarkt und jedenfalls auf dem für Sammler gelandet sind, verzinsen sie sich positiv. So geschieht es auch anderen Gegenständen des Sammelinteresses wie etwa Uhren, Weinen, Teddybären, Möbeln oder Schmuck. Sie alle verzinsen sich als Vermögen in dem Maße positiv, in dem sie als immer seltener werdende Stücke nachgefragt werden, die im Extremfall dann – wie Im­mobilien – Einzelstücke sind.

Das Kunstwerk hingegen ist schon von Anfang an ziemlich selten. Außerdem unterscheidet es sich von vielen anderen Sammelobjekten dadurch, dass es keine zusätzlichen technischen Bedingungen für seinen Konsum gibt. Die meisten Sammelobjekte diesseits der Kunst werden zunächst in Gebrauch genommen und erst später in die Vitrine gestellt. Die Uhr sollte also gehen, der Wein im Verdacht stehen zu schmecken, der Schrank schließen und wenn der Porsche fahren würde, wäre es auch für den Sammler doppelt schön. Die Kunstwahrnehmung kennt nur ganz minimale Voraussetzungen dieser Art: Die Statue muss stehen bleiben, die Fotografie sollte nicht sofort verblassen. Man kann sich darum – anders als bei Uhren, Weinen, aber auch Immobilien – beim Kunstkauf kaum über die Eigenschaften der Ware täuschen, nur über ihren Wert.

 

Jürgen Kaube ist Redakteur im Feuilleton der Frankfurter Allgemeinen Zeitung.

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