Venedig Biennale 2005

Im Eröffnungstrubel der 51. Biennale di Venezia wirkt die Kunstwelt wie ein Pilzbefall, der sich über die Stadt legt; in der kleinsten Gasse noch trifft sich, wer gesehen werden will. „How’s it going“ – und im Vorüberhuschen wirft man den Getroffenen noch kürzlich Erreichtes und großartig Geplantes hinterher. Dazwischen schaut man eilig auf die Kunst und lässt sich erzählen, auf welcher Party man hätte sein müssen, auf welcher Yacht, auf welchem Geburtstag. Drei Tage später ist der Spuk vorüber, die Stadt leert sich, der Blick auf die Kunst wird wieder freier. Den richtigen Geheimtipp jedoch gibt es nicht und die Künstler gaben sich insgesamt mäßig Mühe, aus dem Überangebot herauszuragen. Wie groß die metaphysische Misere ist, lässt sich an der massiven Produktion von Kunst ablesen und an der Stärke des Reizes, den sie glaubt, hervorrufen zu müssen – der Rausch überdeckt alle Fragen oder aber sie verpuffen in Zynismus.

Die strenge Form, die im Minimalismus der 1960er Jahre ihre Hochzeit erlebte, schlägt seit einiger Zeit Kapriolen. Kein Wunder, wird doch mit der Moderne auch gleich eines ihrer zentralen Gebote – die Autonomie des Kunstwerks – kritisch befragt, womit die Grenze zur Wirklichkeit porös wird. Besonders gern scheinen Künstler aus Großbritannien und Schottland nach Alternativen zum Formalismus zu suchen, die Form mit Inhaltsmöglichkeiten, Kunst mit der Außenwelt verbinden. Gary Webb, Cathy Wilkes und Alex Pollard zeigen mit spielerischem Witz, dass postkonzeptionelle Kunst an die Realität andockt. Augenfällig ist dies in der schottischen Präsentation auf der Biennale Venedig Selective Memory und in Gary Webbs Solo-Show Mirage of Loose Change im schweizerischen Glarus.

Venedig im August. Die großen Events und Partys der 51. Biennale von Venedig sind vorbei und die verschiedenen Ausstellungsorte wirken wie Inseln in der von Touristen überfüllten Stadt. Die Kunst und ihre Inszenierung stehen unabhängig vom gesellschaftlichen Großereignis für sich und müssen sich messen lassen an der ureigenen Kraft ihrer Intention. Viel ist schon berichtet und geschrieben worden über die Biennale der Biennalen mit ihrer 110jährigen Tradition – aber kaum jemand stellt die Frage, ob Großausstellungen angesichts der Komplexität und Vielschichtigkeit der zeitgenössischen Kunst überhaupt noch zu bewältigen sind. „The Experience of Art“ nennt María de Corral ihre Konzeption für die Gruppenausstellung im Italienischen Pavillon.

Mit Blick auf die Präsentation von Film- und Videoarbeiten bei der diesjährigen Biennale ist das niederländische Künstlerduo Jeroen de Rijke und Willem de Rooij auf der sicheren Seite. Ihr 36 Minuten langer 35-Millimeter-Film Mandarin Ducks wird nämlich im modernistisch coolen Pavillon des Architekten Gerrit Rietveld in gezielter Kino-Manier „vorgeführt“. Seit jeher machen de Rijke / de Rooij in ihrer zugleich reduzierten wie anspielungsreichen Arbeit auch Probleme der Präsentation und den Ort ihrer Kunst zum Thema. Mit seinem so sorgfältig wie klischiert-theatral in farbigem Sitcom-Style eingerichteten Setting unterscheidet sich Mandarin Ducks jedoch erheblich von den bisherigen Filmen der Künstler. Er basiert auf einem locker gestrickten Plot, bei dem eine illustre Nachmittags-Gesellschaft in kammerspielartigen Szenen typisiert soziale Beziehungen durchdekliniert.

Das Szenario könnte aus einer Folge der Science-Fiction-Serie „Time tunnel“ aus den 1960er Jahren stammen: Man betritt ein venezianisches Handelslagerhaus aus dem 16. Jahrhundert, kommt aber in einem Hongkonger Teehaus im 21. Jahrhundert an. Investigation of a journey to the west by micro + polo nennt die Kuratorin Sabrina M.Y. Fung Hongkongs Beitrag zur 51. Biennale Venedig, zu der neben dem Teepavillon ein raumgroßes Holzmodell von Venedig gehört. Die Erlebnisinstallationen der beiden Hongkong-Chinesen Stanley Wong und Chan Yuk-keung verweisen darauf, dass sich der westliche Mensch im globalisierten Dorf nicht mehr wohlig in der Exotik einrichten kann wie einst der venezianische Kaufmann Marco Polo. Der „ferne Osten“ ist in der mikrotechnologischen Ära unter uns; wir und das „Andere“ treffen uns in einem hybriden Raum, in dem sich die Kulturen vermischen.

Von der „Europäischen Influenza“ erfasst, ist der Rumänische Pavillon Patient und Ansteckungsherd zugleich: In dem leeren Gebäude, das nichts weiter als sich selbst und die Spuren vorangegangener Ausstellungen präsentiert, stehen die Türen sperrangelweit offen, auf dass die Grippe ausgetrieben, aber auch verbreitet werde. Daniel Knorr als Künstler und Marius Babias als Kurator verweigern jegliche materielle Repräsentationsform, offerieren stattdessen den leeren Raum als Ort der Reflektion und Infektion. Hierzu geben sie dem Besucher einen umfangreichen Reader an die Hand, in dem Kunstkritiker, Kunsthistoriker, Künstler und Philosophen Symptome und Historie der Pandemie Europa beleuchten und den Identifikationsprozess der Staaten des ehemaligen Ostblocks kritisch kommentieren.

Dieses Mal setzt die Venedig-Biennale auf Reduktion, personelle wie inszenatorische Beschränkung ist angesagt. Nach der an kaum einer Stelle sinnvollen Materialschlacht, die Francesco Bonami unter Einbeziehung großer Kontingente co- und parakuratorischer Hilfstruppen schlug, sowie nach den ausufernd erzählerischen Parcours des „Über-Kurators“ Harald Szeemann wurde es langsam überfällig, die großen Schauen der Biennale zu entschlacken. Wer allerdings gehofft hatte, dass mit den Rationalisierungsmaßnahmen zwangsläufig auch Qualitätssicherung, ja vielleicht sogar -steigerung einhergehen werden, der dürfte herb enttäuscht worden sein. Mit ihrer Schau always a little further gelang Kuratorin Rosa Martínez zwar ein eleganter und schick inszenierter Kulturspaziergang im weiträumigen Arsenale-Trakt, doch gibt es dabei trotz der ganz explizit vorangetragenen Fetische „Internationalität“ und „Jugendlichkeit“ in Sachen Kunst so gut wie nix zu holen.

Die Suche lohnt sich. Zwar ist der Beitrag Luxemburgs zur Biennale, kuratiert von Boris Kremer, nicht gerade leicht zu finden. Dafür nimmt sich Antoine Prums Mondo Veneziano. High Noon in the Sinking City sehr pointiert aus. Gerade vor den in kuratorischer Hinsicht teils belanglosen, teils indiskutablen Darbietungen in Venedig. Denn der Film zeigt eine höchst unterhaltsame und professionell in Szene gesetzte Kunstwelt-Parodie, ein filmisches Kammerspiel mit heftigen Splatter-Attacken. Schauplatz ist, der Titel legt’s nahe, Venedig. Natürlich nicht die Serenissima selbst, sondern ein marodes Miniatur-Venedig. Vier aus der World of Art nur zu bekannte Typen – ein deutsches Malergenie, eine engagierte Kuratorin, ein korrekt gescheitelter Theoretiker, dazu ein so genannter „convivial artist“ (Stichwort Partizipation) – treffen in der venezianischen Kulisse aufeinander, um über Kunst und ihre Vermittlung zu diskutieren. Was ein wenig platt klingt, geht aber, nicht nur weil’s gut gemacht ist. Denn tatsächlich funktioniert Mondo Veneziano auf vielerlei Ebenen.

Seit der Bekanntgabe, dass der französische Pavillon den Goldenen Löwen erhalten hatte, wuchs die Schlange der erwartungsvollen Besucher stündlich an. Zum Glück stellte ein besorgter Sponsor Klappstühle zur Verfügung, so dass einem wenigstens das Stehen erspart blieb. Denn was dem Betrachter im Innern des Pavillons zugemutet wurde, entschädigte kaum für die Wartezeit. Annette Messager, die erste Künstlerin, die die Grande Nation in diesem Jahr vertritt, ließ sich vom Ort der Ausstellung inspirieren und griff eine der wohl bekanntesten italienischen Erzählungen auf, die des Pinocchio. In der Geschichte der hölzernen Marionette sieht die Künstlerin eine Parallele zur conditio humana und schlachtet diese wahrlich nicht neue Interpretation in einer Installation aus, die den Besucher mit ihrer Symbolschwere geradezu erdrückt.

Auf der 51. Biennale in Venedig repräsentiert die Künstlergruppe Neuseeland mit einer neuen orts-spezifischen Installation, betitelt the fundamental practice. In ihrer Wirkung ähnelt diese einer grotesk-komischen Maschinerie, die von ihrem potentiellen Erdenker und Erbauer sich selbst überlassen wurde. Wie in vielen ihrer Installationen bezweifelt die Gruppe auch in the fundamental practice den Wahrheitsanspruch der vorgestellten Welterklärungsmodelle und steht den Versuchen des menschlichen Geistes, fundamentale Ordnungen und Strukturen aufzustellen, skeptisch gegenüber. Doch stellt sie dementsprechend keine Antithesen auf – die verschiedenen Systeme lassen sie in einer Kakophonie gegeneinander antreten und sich so ad absurdum führen.

Die Videoinstallation Homo sapiens sapiens von Pipilotti Rist in der Kirche San Staë am Canale Grande, als zweiter Teil des Auftritts der Schweiz in Venedig, war sicher die am meisten beeindruckende der gesamten Biennale. Nachdem die lange Schlange am Eingang überwunden war und man sich der Opulenz der Bilder hingegeben hatte, tauchte man ein und ab in eine Welt von Sinnlichkeit und scheinbarer Unschuld. In den mehrfach gewölbten Himmel der Basilika San Staë hat die Schweizer Künstlerin aus vier, hinter verspiegelten Halbkugeln versteckten Projektoren Filmsequenzen projiziert, die den Kirchenraum zum Ausschnitt eines riesigen Bilderkosmos werden lassen. Doch nicht als Gegenüber begegnet man dem Werk, sondern als Sub-jekt der Projektion. Die Videoinstallation zeigt einen Kosmos der Frau, ohne Anfang und Ende, ohne Rahmen und Raster, erlaubt keine Positionierung, keinen Ort. Alles löst sich in Sinnlichkeit auf. Die Spannung zwischen den Geschlechtern tritt scheinbar nicht ein. Ist das unsere Zukunft, die Befreiung vom Geschlechterkampf?

Das Experiment ist uns noch in guter, beziehungsweise schlechter Erinnerung, wenn auch in der gekonnten Version von Oliver Hirschbiegel im gleichnamigen Film von 2001 mit Justus von Dohnànyi und Moritz Bleibtreu in den Hauptrollen. In den USA 1971 an der Stanford University durch den Psychologieprofessor Philip Zimbardo tatsächlich durchgeführt, wurden 24 Freiwillige zu einem Experiment eingeladen, bei dem das menschliche Verhalten in sozialen Grenzsituationen erforscht werden sollte. Der polnische Künstler Artur Zmijewski stellte das Experiment nun erneut nach. Powtórzenie/Repetition heißt das Video, das dabei herausgekommen ist und das er derzeit auf der Venedig Biennale im zum Kino umgebauten polnischen Pavillon präsentiert. Ob inszeniert oder tatsächlich so stattgefunden – das erneute Vorzeigen des Experimentes präsentiert eine überraschende Wendung und erweist sich als wichtige Äußerung inmitten auf Zuspitzung von Konflikten beruhenden Vorzeichen unserer gegenwärtigen Zeit.

Wer sich angesichts des jüngsten Erfolges zeitgenössischer polnischer Kunst viel vom Pavillon des Landes erhoffte, der wurde nicht enttäuscht. Artur Zmijewskis Film Repetition ist eine der besten Arbeiten auf der diesjährigen Biennale in Venedig. In den Videos des Künstlers verfolgt die Dokumentarkamera Situationen, die Zmijewski initiiert und inszeniert, und die an gesellschaftliche Tabus rühren und Verdrängtes auf die Leinwand bannen. In seinem jüngsten, in Venedig ähnlich wie in einem Kino präsentierten Film wiederholt Żmijewski die Ausgangssituation des berühmten Prison Experiments von 1971.

Auf der 51. Biennale in Venedig verwandelte Hans Schabus jetzt den denkmalgeschützten Österreichischen Pavillon in einen Berg – eine Skulptur, die gleichermaßen unerwartet, monumental und humorvoll ist. „“ nennt Schabus seine Installation. Damit nimmt er Bezug auf die Geschichte des Ortes: Das Areal im hinteren Teil der Giardini wurde im späten 19. Jahrhundert aufgeschüttet und als Exerzierplatz der italienischen Armee genutzt. In den 1920ern entstand eine Arbeitersiedlung und ein kleiner Teil wurde an die 1895 gegründete Biennale abgetreten. Hier, ganz am Ende des Areals, sozusagen als letztes Stück Land, entstand 1934 Josef Hoffmanns Pavillon.

Im Eröffnungstrubel der 51. Biennale di Venezia wirkt die Kunstwelt wie ein Pilzbefall, der sich über die Stadt legt; in der kleinsten Gasse noch trifft sich, wer gesehen werden will. „How’s it going“ – und im Vorüberhuschen wirft man den Getroffenen noch kürzlich Erreichtes und großartig Geplantes hinterher. Dazwischen schaut man eilig auf die Kunst und lässt sich erzählen, auf welcher Party man hätte sein müssen, auf welcher Yacht, auf welchem Geburtstag. Drei Tage später ist der Spuk vorüber und die Stadt leert sich – die Kunstwelt bricht nach Basel auf. Der Blick auf die Kunst wird wieder freier. Was aber bleibt übrig zwischen Rausch und Zynismus?