18. Mai 2007
„Something is happening that is not happening“, Valérie Kolakis im Berliner Projektraum program‚ Invalidenstraße 115, 10115 Berlin. Vom 10. Mai bis 9. Juni.Während des vergangenen Berliner Gallery Weekends Ende April setzte – wie zu erwarten –kaum einer der Wettbewerber auf formalistische Positionen. Umso bemerkenswerter erscheint der Umstand, dass nun ausgerechnet im unwirtlichen Quartier um den Nordbahnhof gleich zwei Minimalisten und eine Minimalistin in unmittelbarer Nachbarschaft voneinander zu finden sind. Während die Galerie Mehdi Chouakri in den Edison-Höfen neben einer seriellen Arbeit Jonathan Monks den 1968 früh verstorbenen Peter Roehr mit Arbeiten aus dem Nachlass vorstellt, ist an der dicht befahrenen Invalidenstraße die junge Valérie Kolakis im Projektraum program zu entdecken, der von Carson Chan und Fotini Lazaridou-Hatzigoga gegründeten „Initiative für Kunst und architektonische Zusammenarbeit“.
Von außen ist an den Eingangssituationen und schmiedeeisernen Laternen noch gut zu erkennen, dass das Gebäude zu DDR-Zeiten als Hotel gedient hat - ebenso wie ein zweiter Bau in der Nachbarschaft, der heute ein Altersheim beherbergt. Aus den Empfangs- und Speiseräumen des „Newa“, vormals „Nordland“ sind nun lichte Arbeits- und Ausstellungsräume geworden, die bis Anfang Juni von der in Athen geborenen Kanadierin Kolakis bespielt werden. „Something is happening that is not happening“ nennt sie paradox ihre faszinierende Präsentation. Und das Paradox ist Programm: Etwas, das nicht geschieht, geschieht, passiert, wird sichtbar, erscheint.
Beim Betreten der Projekträume wird man mit dem Straßenlärm im Ohr zuerst auf die auditive Wahrnehmungsebene gelenkt: Irgendwoher hört man dumpfe Schläge. Man folgt unmittelbar dem Geräusch. Die visuellen Reize sind bei Kolakis Arbeiten sparsam gesetzt. Die Schläge dringen aus einem Nebenraum, in dem vier Monitore vor einem Fenster die gleiche Szene in einem Loop versetzt zeigen. Junge Menschen steigen der Reihe nach in eine Parterrewohnung ein, die man nach Kurzem als den Ausstellungsraum identifiziert. Die Szene wiederholt dadurch die Situation des Ausstellungsraums und wie die Geräusche der springenden Eindringlinge die Ruhe der ausgestellten Arbeiten stört, wird sich der Besucher selbst kurzzeitig als Störenfried, als Eindringling empfinden.
Die Urszene der weiblichen List, sich ungebetener Gäste zu erwehren, spielt auf der griechischen Insel Ithaka. Penelope konnte den aufdringlichen Freiern drei Jahre lang vormachen, sie webe am Leichentuch des Schwiegervaters, was ihr dadurch gelang, dass sie das tagsüber Gewebte nachts wieder auflöste. „Irrationale Gedanken sollten streng und logisch verfolgt werden“ lautet das fünfte Statement Sol LeWitts „Sätze über konzeptuelle Kunst“ aus dem Jahr 1969. Damit ist nicht nur die Arbeit von Valérie Kolakis treffend charakterisiert, sondern ermöglicht zugleich, ihr Arbeitsprinzip mit der Tätigkeit, dem Gewebe der Penelope, ins Verhältnis zu setzen. Tatsächlich finden sich in den acht im großen Ausstellungsraum gezeigten Arbeiten weitere Analogien zum antiken Mythos: Zum einen in der Dialektik von Sicht- und Unsichtbarem, zum anderen im Sichtbarmachen verbrachter Zeit.
Kolakis zweiteilige Arbeit Untitled 2 steht in Berlin hinter dem Pfeiler einfach auf dem Boden; als die Künstlerin sie zum ersten Mal präsentierte, stand das Werk in ihrer Ausstellung „Something is Missing“ in der Glyptothek der „Skulpturenhalle Basel“ zwischen antiken Skulpturen auf einem grauen Sockel: zwei Marmorkopien einer Styroporverpackung. Dem Wegwerfdesign wird bleibender Wert beigemessen. Aus der Styroporform mutiert ein minimalistisches Objekt. In seiner Form verweist es jedoch wiederum auf etwas, das nicht mehr vorhanden aber in seiner Negativform ablesbar ist. Im Auge des Betrachtes bleibt es sichtbar: ein Radio, ein Toaster, irgendein Elektrogerät, das noch in Gebrauch oder längst auf dem Schrott gelandet ist. In den aufrechten, 30 cm hohen Styroporform-Marmor-Sarkophaghälften bleibt es für die Ewigkeit präsent.
Die Wertschätzung des Ephemeren kann bei Kolakis auch obsessive, ja groteske Züge annehmen: So hat sie auf zwei Sockeln unter Glas jeweils ca. 50 DIN A4 Blätter gestapelt, auf denen die dünnen Bleiminenreste einer Zeichnung lagern. In die Wand hat die Künstlerin eine Marmorplatte stabil eingelassen, auf der sie die Radiergummireste und Wandabsplitterungen für die Arbeit Untitled 7 zu einem grau-weißen Häufchen zusammengekehrt hat. Verweisungszusammenhänge also auch hier, das Sichtbarmachen der Tätigkeit, Arbeit und Zeit. Dabei schlägt Kolakis Minimalismus ins Expressive um. Gerade da, wo scheinbar am wenigsten passiert, geschieht plötzlich am meisten. Untitled 1 füllt die größte Wandfläche des weißen Raums, nahezu sieben auf drei Meter dreißig. In stunden- und wochenlanger Arbeit befestigte die Künstlerin dort eng aneinander und in Reih und Glied Stecknadeln, an denen Wachsabdrücke ihres Daumens befestigt sind – über 28.000 Mal.
So sehr Kolakis auch in dem seriellen Aneinanderreihen, die die Wand hinter einer transparenten Wachshülle verschwinden lässt, hinter der stupiden Arbeit verschwindet, so sehr ist sie wieder in jedem der 28.000 Fingerabdrücke präsent. Keiner davon ist gleich und jeder einzelne bewahrt als Zeichen die unverwechselbare „Handschrift“ der Künstlerin. Nicht nur, dass damit auch jeder Zeitpunkt seiner Entstehung markiert ist - jeder Wachsabdruck verändert zudem täglich seine Form und Farbe. Der wächserne Vorhang „lebt“ und wird nach Beendigung der Ausstellung unwiederbringlich verschwinden.
Als „Akkumulation von Zeit“ charakterisiert Valérie Kolakis ihre Arbeit, „Zeit, wie sie beim Warten hervortritt und sichtbar wird.“ Penelope hat angeblich auf Odysseus gewartet. Kolakis wartet sicher nicht mehr auf irgendeinen Gatten. Vielmehr lässt sie die Betrachter, die „Freier“ an ihrem Weben und Lösen der Fäden Anteil nehmen.