Ute Haug und Wolfgang Henze im Interview

Zentrale Provenienzforschung

Stefan Kobel
22. November 2007
Das Institut für Museumsforschung der Staatlichen Museen zu Berlin wird eine Arbeitsstelle für Provenienzrecherche und -forschung einrichten. Es sind zunächst vier Stellen für die nächsten sechs Jahre geplant sowie der Aufbau einer bundesweiten Datenbank zur Provenienzforschung. Die Arbeitsstelle soll mit einer Million Euro jährlich ausgestattet werden, „der überwiegende Teil davon für die dezentrale Datenerhebung“, wie es in einer Pressemitteilung der Stiftung Preußischer Kulturbesitz heißt. Leiter der Arbeitsstelle wird Prof. Dr. Bernhard Graf, Direktor des Instituts für Museumsforschung der Staatlichen Museen zu Berlin. Basis für die Provenienzrecherche seien bestehende Datenbanken wie LostArt der Koordinierungsstelle für Kulturgutverluste in Magdeburg sowie Museumsarchive und Forschungsbibliotheken. Museen, die auf aktuelle Probleme stoßen, aber über keine eigenen Kapazitäten verfügen, sollen finanziell und fachlich beratend unterstützt werden.

Das klingt zunächst gut. Allerdings drängen sich in diesem Zusammenhang einige Fragen auf, die auch Hortensia Völckers in ihrer Funktion als Künstlerische Direktorin der weitgehend unbeteiligten Kulturstiftung des Bundes in einem Interview zum Thema mit der Frankfurter Allgemeinen Zeitung nicht hinreichend klären konnte. Das artnet Magazin befragte zwei Experten. Wolfgang Henze von der Galerie Henze & Ketterer in Wichtrach/Bern, die das Ernst Ludwig Kirchner-Archiv betreut, und die Provenienzforscherin Ute Haug von der Hamburger Kunsthalle.

artnet Magazin: Ist eine bundeseigene Einrichtung zur Provenienzforschung das geeignete Instrument?

Ute Haug: Warum sollte eine bundeseigene Einrichtung nicht das geeignete Instrument sein? Schließlich geht es um eine Problematik, die sich aus der deutschen Vergangenheit ergeben hat und hier steht die Bundesrepublik in einer historischen Verpflichtung. Allerdings ist auch klar, dass die Einrichtung eine wissenschaftliche sein muss und hieraus eine gewisse inhaltliche Unabhängigkeit abzuleiten ist. Da die Einrichtung einen Themenbereich bearbeiten wird, der jahrelang stiefmütterlich behandelt worden ist, ist abzusehen, dass sie über Jahre hinweg nachhaltig tätig sein muss, denn in kurzer Zeit ist das nicht aufzuholen, was über Jahrzehnte nicht erforscht worden ist.

Wolfgang Henze: Meiner Meinung nach ist nicht die Provenienzforschung das Problem, sondern die Frage, was nach einer Abklärung oder im Falle einer nicht möglichen Abklärung mit den betreffenden Kunstwerken geschieht. Bezüglich der „Berliner Straßenszene“ gab es keine offene Provenienzfrage. Die ehemalige Eigentümer-Familie wusste immer, wo sich das Gemälde befand. Es war ihr zugänglich und es war nie in irgendeiner Form von einem Verlust die Rede. Die Frage war nur, wie extensiv mit den Empfehlungen der „Washington Principles“ durch Politik und Verwaltung umzugehen ist.

artnet Magazin: Die meisten Museen haben sich in die Provenienzforschung der eigenen Bestände nicht gerade mit besonderem Elan gestürzt. Könnten die Museen die Einrichtung einer übergeordneten Koordinierungsstelle als administrativen Eingriff verstehen?

Ute Haug: Die geplante Arbeitsstelle wird – so verstehe ich es jedenfalls – nicht in die Abläufe der Museen eingreifen. Es ist geplant, den Museen die Hilfestellungen zu geben – finanzieller und inhaltlicher Natur – die diese beantragen und abfragen können, sofern sie dies wollen. Es gibt also ein Angebot, das die Museen wahrnehmen können und das sie lange gefordert haben. Ob allerdings der finanzielle Rahmen hierfür ausreichen wird, sei dahingestellt.

Wolfgang Henze: Solange die „Washington Principles“ durch opportunistische Politiker einerseits und das große Geld suchende Anwälte und Auktionshäuser andererseits stillschweigend von der „Empfehlung“, welche doch in jedem Fall ein ruhiges Abklären ermöglicht, in ein juristisch bindendes und rasch auszuführendes Muss gehoben werden, solange wird auch in den deutschen Museen der Wille zu genauer Provenienzforschung gering sein. Zu Recht, wie ich meine, denn in der derzeitigen Situation müssen die Museumsleute fürchten, dass aus rein politischem Kalkül oder vordergründiger Moral leichtfertig oder gar widerrechtlich restituiert wird. Das aber darf eine Museumsleitung nicht zulassen.

artnet Magazin: Vier Stellen für die Koordination von wahrscheinlich mehreren hundert Institutionen sowie die Qualifizierung von deren Mitarbeitern klingt eher nach Feigenblatt denn ernsthaftem Engagement.

Ute Haug: Es wird sicher schwierig sein, mit nur vier Stellen die sehr große Aufgabe zu meistern. Allerdings scheint es eine lösbare Aufgabe, vorausgesetzt die Definition, die Organisation und die Kommunikation der Arbeitsstelle ist so angelegt, dass sie flexibel und unabhängig agieren kann und sich als Teil eines wissenschaftlichen Netzwerkes versteht, das sich eine professionalisierte Provenienzforschung zum Ziel gesetzt hat. Viele der zu erledigenden Aufgaben können auch in Projekten an andere Personen vergeben werden. Das A und O wird sein, dass von Beginn an eine klare Aufgabenstellung definiert wird. Zu dieser ist eine exakte Analyse der augenblicklichen Situation der Provenienzforschung und ihrer Bedürfnisse unabdingbar.

Wolfgang Henze: Feigenblatt insofern, als effiziente Provenienzforschung auch mit den bisherigen Mitteln betrieben werden könnte. Es dürfte keine große Arbeit sein, in einer Museumssammlung festzustellen, welche Werke für eine eventuelle Restitution tatsächlich in Frage kämen. Nur bei diesen müsste man zunächst Provenienzforschung betreiben. Eine solche liefe dann über die Quelle. Ich bin fast täglich in der Situation, solche Einzelfälle aufklären zu müssen. Auch in dieser zweiten Stufe wird man recht bald die Spreu vom Weizen trennen können. Diese Spreu schließlich abzuklären dauert länger, in vielen Fällen wird die Klärung offen bleiben.

artnet Magazin: Wie könnte ein effizientes Engagement des Bundes im Bereich der Provenienzforschung aussehen?

Wolfgang Henze: Es erhebt sich wieder die Frage, wie die Politik und die Verwaltung mit solchen Fällen umgehen. Ein tatsächlich „effizientes Engagement“ der Bundesrepublik Deutschland bestünde meiner Meinung nach in einer Abklärung dieser Frage, damit alle Beteiligten wissen, auf welchem Terrain sie sich eigentlich bewegen. Die jetzt vorgeschlagenen Lösungen bleiben tatsächlich Feigenblatt. Dies auch insofern, als sie das noch größere Problem der Frage, wie denn mit den zur Restitution angeforderten Kunstwerken in Privatbesitz umzugehen sei, wieder außen vor lassen. Das hat natürlich einen triftigen Grund, weil sich mit dieser Frage zugleich die der tatsächlichen Verantwortung und Haftung für das gesamte Phänomen stellen würde.

Ute Haug: Dringend notwendig sind in erster Linie kontinuierliche und langfristige Stellen für eine systematische Provenienzforschung an den Museen, denn dort muss die werkorientierte Forschung geleistet werden. Die Verknüpfung dieser an den Museen tätigen Wissenschaftler/innen z. B. über die Arbeitsstelle kann zu vielen Synergieeffekten führen, die die Provenienzforschung maßgeblich vorwärts bringen kann. So zum Beispiel wird dringend eine Datenbank benötigt, in der die Ergebnisse der bisher geleisteten Grundlagenforschung über Sammler, Sammlerinnen, Sammlungen, Kunsthändler/innen, Auktionshäuser, Galerien, Museumspersonal, Quellenbestände, Auktionskataloge, Rückseitenbefunde und Entwicklung der Kunstpreise erfasst werden und durch die noch zu leistende Forschung – sei sie nun werk- oder kontextorientiert – einfließt. Damit entstünde ein einschlägiges Arbeitsinstrument, das die Provenienzforschung effizienter gestalten würde. Zudem ist es wünschenswert, dass die bereits bestehende nationale Verknüpfung der in Deutschland tätigen Fachkräfte in Form des „Arbeitskreises Provenienzforschung“ und deren Erfahrungen berücksichtigt werden. Darüber hinaus ist die internationale Verknüpfung, die bislang nur über persönliche Kontakte einzelner Wissenschaftler/innen besteht, von der Arbeitsstelle für alle zu verbessern und zugänglich zu machen. Wichtig für die Museen ist auch, einen geschützten Raum zu erhalten, wo sich die mit der Thematik befassten Wissenschaftler/innen offen über problematische Fälle austauschen können. Entscheidend bleibt die Stärkung der Forschung, die durch die Arbeitsstelle zu leisten ist. Eine weitere Verwaltungseinrichtung wäre kontraproduktiv und dann tatsächlich nur ein Feigenblatt.


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