19. Dezember 2007
Uta Grosenick, Caspar H. Schübbe (Hg.): "China Artbook", DuMont: Köln 2007. engl./dt./chin., 669 Seiten mit 800 Farbabbildungen, 39,90 Euro Mit einem so verheißungsvollen Titel wie China Artbook – The 80 most renowned artists wurde die im DuMont Buchverlag von Uta Grosenick und Caspar H. Schübbe herausgegebene „Chinesische Kunst-Bibel“ in der Fachwelt mit Ungeduld erwartet. Jetzt ist sie im Handel erhältlich und präsentiert eine weite Auswahl von Künstlerinnen und Künstlern aus China. Unter den Spezialisten scheiden sich die Geister: Einige sind froh, dass es die Gegenwartskunst aus China endlich dazu gebracht hat, dass sich ein renommierter Verlag wie DuMont mit dem Thema befasst. Auch wird der nicht kleine Anteil an vorgestellten Künstlerinnen applaudiert. Andere wiederum sind kritisch und denken, dass eine Sanktifizierung gewisser Künstlerinnen und Künstler gefährlich sei und die Publikation zudem eine Reihe mindestens ebenso wichtiger Kunstschaffender außer Acht lässt.
Das China Artbook umfasst knapp 700 Seiten an Text und reichem Bildmaterial und ist in anmutigem Design verpackt. Neben einer Einführung der Herausgeber und einem kurzen Interview mit dem gefeierten Künstlerstar Ai Weiwei beinhaltet die Publikation auch eine tiefgründige und doch von Spezialistenjargon unbeschwerte Einführung von Birgit Hopfener in die Gegenwartskunstszene Chinas. Die einzelnen Einträge zu den Künstlerinnen und Künstlern, von einer Reihe verschiedener Akteure der chinesischen Kunstwelt verfasst, sind kurz, informativ und von großzügigem Bildmaterial unterstützt. Trotz des Umfangs eignet sich die Publikation jedoch nicht als Nachschlagewerk für Spezialisten, sondern eher als Handbuch und Informationsquelle für neue Käufer und Sammler.
Wenn solche Bücher auch einen gewissen Nutzen haben, werfen sie doch einige grundlegende Fragen auf. So ist zum Beispiel nicht klar, warum gerade diese 80 chinesischen Künstlerinnen und Künstler als die „renommiertesten“ gelten sollen. Sind es denn genau diese, die – wie Uta Grosenick schreibt – „momentan in China selbst und weltweit in Ausstellungen und Publikationen sowie im Handel besonders gefragt sind“? Abgesehen davon, dass das Kriterium selbst schon unspezifisch ist, drängt sich auch die Frage auf, wer denn überhaupt befugt ist, eine solche Auswahl zu treffen?
In ihrer Einführung besteht Uta Grosenick eindeutig auf einem von allen äußeren, kommerziellen Einflüssen unabhängigen – also fast akademischen – Auswahlverfahren. Sie schreibt, dass es sich nicht um den „Fundus einzelner Galerien“ handelt. Amelie von Wedel wird als Kunstberaterin für das Buch vorgestellt, aber dass sie gleichfalls auch Galeristin ist (Allsopp Wedel in London), wird nicht erwähnt. Bis auf Zhang Peng (geb. 1981) haben alle 12 auf ihrer Website aufgeführten chinesischen Künstlerinnen und Künstler einen Platz in der Auswahl gefunden. Die Vergiftung des unabhängigen Diskurses durch kommerzielle Interessen ist nur ein Symptom der allgemeinen Malaise in der Gegenwartskunstszene Chinas, welche auch Birgit Hopfener in ihrem Text anspricht: das Fehlen von verlässlichen, marktunabhängigen Evaluierungsinstrumenten und nachhaltiger Kunstkritik. Schade und ironisch zugleich, dass das Buch unter eben diesem Phänomen leidet.
Problematisch bei dieser Art von Publikation ist auch, dass sie den Eindruck eines definitiven Bildes der Gegenwartskunst in China erweckt. In der Tat repräsentieren die im China Artbook vorgestellten Künstlerinnen und Künstler nur einen kleinen Teil des gegenwärtigen lokalen Kunstschaffens, welches noch immer stark von traditionalistischen Medien und Ausdrucksformen dominiert ist. Aber es ist eben jener Teil, der sich zum Ausdruck ihrer künstlerischen Konzepte einer westlichen visuellen Diktion bedient und somit den Sprung auf das internationale Kunstparkett viel leichter bewerkstelligen kann. Gerade weil China Artbook mit großem Aufwand und mit der Unterstützung vieler Spezialisten produziert wurde, ist bedauerlich, dass es die sich selbst auferlegten Erwartungen stellenweise nicht erfüllen kann.