Urheberrecht und Kulturindustrie

Bilderkritik

Mercedes Bunz
2. Februar 2006
Die Kunst befinde sich im Übergang von einer überschaubaren Kunstwelt in eine Kulturindustrie – so der Kunstkritiker Thomas W. Eller. Diese Veränderungen haben Auswirkungen auf die künstlerische Arbeit, die sich immer mehr mit dem Urheberrecht konfrontiert sieht. Was sich in unserer Ökonomie verändert hat, hinterlässt seine Spur in der bildenden Kunst: In der Informationsgesellschaft beginnt – anders als im Industriezeitalter – eine Investition nicht mehr nur einfach mit den Produktionsmitteln. Die Voraussetzung für jede Produktion wird immer mehr vom Verfügen über Lizenzen, Patente und Urheberrechtsansprüche abhängig.

Geistiges Eigentum ist natürlich seit langem ein Thema, im digitalen Zeitalter rückt dieses Thema jedoch durch die Möglichkeit der identischen Kopie in den Mittelpunkt. Auch das trägt dazu bei, aus der Kunstwelt eine Kulturindustrie zu machen, denn ein Effekt dieser Verschiebung auf die bildende Kunst bleibt nicht aus. Damit stehen wir vor folgendem Dilemma: Das Urheberrecht schützt zwar den Künstler, in gewisser Weise behindert es ihn aber auch in der Wahl seiner Mittel. Weil in den letzten vierzig Jahren die Wiederholung bestehender Bilder zu einer wichtigen Praxis der bildnerischen Kritik geworden ist, soll im Folgenden an einigen Beispielen aufgezeigt werden, was auf dem Spiel stehen könnte, wenn ein allzu strenges Urheberrecht juridische Praxis werden sollte.

Fotografie, Werbung, Medien: Während im 19. Jahrhundert Bilder noch den Status des Besonderen hatten, werden sie im 20. Jahrhundert von der Ausnahme zur Regel. Denn als sich nach dem Zweiten Weltkrieg im Westen eine Welt des Konsums etabliert, wird sie von neuen medialen Bildern begleitet. Mitte der 1950er Jahre entsteht in England und den USA mit der Pop Art eine künstlerische Ausdrucksform, die diese Bilder wieder aufnimmt und sich mit ihrer Faszination auseinandersetzt. Exemplarisch dafür ist etwa die 1956 entstandene Collage des britischen Künstlers Richard Hamilton Just What Is It That Makes Today's Home So Different, So Appealing?. Hamilton arbeitet hier mit Elementen, die aus Illustrierten ausgeschnitten und zu einem modernen Wohnzimmer zusammengesetzt sind. Er kopiert also bestehende Bilder und fügt sie zu einem neuen Bild zusammen. Immerhin ist hier noch jedes kopierte Element Teil einer größeren Anordnung; noch steht die Dose mit Schinkenwerbung eher versteckt als Beiwerk auf dem Tisch, noch ist nur an der Stehlampe das wappenartige Logo von Ford-General-Motors angebracht.

Erst David Hockney beginnt 1960 mit Typhoo Tea eine der ersten Bilderserien, die ein eingetragenes Warenzeichen direkt in den Mittelpunkt stellt. Auch in den USA, in der sich parallel und unabhängig von London eine eigene Variante der Pop Art entwickelt, wird zunächst nur auf die Waren angespielt. James Rosenquist zeigt ausschnitthaft in seinen Bildern Coca-Cola-Flaschen (Vestigial Appendage, 1962) oder Oxi-Reinigungsmittel, bevor Andy Warhol schließlich einige Jahre später die Ware selbst in den Mittelpunkt rückt, etwa mit Brillo Box (1964) oder der berühmten Campbell-Suppendose (1968).

Mit diesem Kopieren und Transferieren von bestehenden Motiven stellt sich die bildende Kunst einer Welt, in deren Alltag Bilder immer wichtiger werden. Die Wiederholung im Kunstkontext seziert diese Bilder. Sie ist in der Pop Art noch zugleich Hinterfragung wie Zugeständnis an ihre Faszination. Bei der Situationistischen Internationale ist die Wiederholung bestehender Bilder als „Détournement“ – also als Zweckentfremdung – explizit kritische Praxis. Über die Wiederholung sollen hier die Regeln des Systems ausgestellt und aufgezeigt werden. Die Wiederholung bestehender Bilder ist damit zum festen Bestandteil einer kritischen Praxis innerhalb der bildenden Kunst geworden. Doch genau dieses Wiederholen ist in einer medialen Gesellschaft wie der unseren immer schwerer denkbar.

Schon das Abmalen eines Telekom-Logos oder eines Microsoft-Windows ohne Erlaubnis zöge heute mit hoher Wahrscheinlichkeit umgehend eine Unterlassungsklage nach sich. Eine Macht der Bilder, wie sie Eberhard Ortland aufzeigt, eine solche Macht soll beschnitten werden. Damit steht durchaus auch eine kritische Praxis der bildenden Kunst auf dem Spiel. Pop Art etwa könnte ohne vorherige Klärung durch Anwälte heute nicht noch einmal entstehen.

Gerade weil Kunst heutzutage nicht mehr in einer tendenziell geschlossenen Kunstwelt produziert wird, wird sie mehr beachtet – sie wird aber auch mehr beobachtet und damit mehr kontrolliert. Bei der Aneignung der Bilder muss sich die Kunst deshalb mitunter Auseinandersetzungen auf einem finanziellen Level stellen, das in dieser Höhe neu ist. Ein Beispiel ist der Fall der Frankfurter Künstlerin Silke Wagner, die Anfang 2001 einen Kleinbus dem Aussehen von offiziellen Lufthansa-Shuttle-Fahrzeugen angepasst hatte. Das Projekt erforschte die Zusammenführung von künstlerischen und aktivistischen Projekten. In Zusammenarbeit mit einer politischen Gruppe informierte man über Abschiebeflüge, die mit Lufthansa-Maschinen durchgeführt werden.

Gegen die Nutzung des Busses, der mit dem Schriftzug „Lufttransa Deportation Class“ versehen wurde, erwirkte die Lufthansa AG umgehend per gerichtlichem Eilbeschluss eine einstweilige Verfügung. Jede weitere Nutzung wurde durch die Androhung einer Geldstrafe in Höhe von 255 000,- Euro mit dem Verweis auf das eingetragene Markenrecht untersagt. Das Landgericht in Frankfurt folgte jedoch den Argumenten von Wagners Anwältin, die für künstlerische und politische Meinungsfreiheit plädiert hatte, und urteilte darüber hinaus: „...es ist unstreitig, dass die Klägerin für staatlich angeordnete Abschiebungen ihre Transportkapazität zur Verfügung stellt“.

An Fällen wie diesen zeigt sich, dass das Feld der Kunst heute Teil einer Ökonomie geworden ist, in der die Verteilung von Bildern sorgsam beobachtet wird. Diese vermehrte Aufmerksamkeit auf das Urheberrecht und das Markenrecht könnte das kritische Potential der Kunst empfindlich treffen. Im Zweifelsfall müsste man als Künstler bereit sein, sich einschüchternden gerichtlichen Drohungen mit hohen finanziellen Summen zu stellen – das könnte man als Zensur der Kunst bezeichnen. Vielleicht ruht gerade darin aber auch ein neues kritisches Potential.


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