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„Urbane Realitäten: Fokus Istanbul“ im Berliner Martin-Gropius-Bau

Ein Muezzin flog übers Kuckucksnest

Isgard Kracht
8. August 2005
Was als ein Akt der Völkerverständigung beginnen sollte, endete zunächst in einem Desaster. Ein türkischer Künstler nach dem anderen warf wütend das Handtuch, zwischen Spree und Bosporus sprühten die Zornesfunken. Doch Vorwürfe prallten an Christoph Tannert, dem Leiter des Berliner Künstlerhaus Bethanien und Chefkuratoren, ab. Stattdessen hielt er an seinem ambitionierten Projekt Urbane Realitäten: Fokus Istanbul wacker fest und setzte es durch – mit viel Ach und Krach und kaum türkischer Beteiligung.

Die Ausstellung, die sich nun im Erdgeschoss des Martin-Gropius-Baus auf weitläufigen 2000 Quadratmetern erstreckt, will, so kündigt es zumindest der Katalogtext an, künstlerische „Tiefenforschung“ betreiben. Ziel sei es, den Blick für eine inzwischen fast 12-Millionen-Metropole zu schärfen, die uns so fern wie nah zugleich ist. Istanbul, wuchernder Großstadtmoloch und geschichtsträchtiges Erbe von Konstantinopel und Byzanz, wo nicht nur Okzident auf Orient trifft, sondern auch westliche Moderne auf traditionellen Islam.

Die Stadt am Bosporus sei, da ist sich der Ausstellungsmacher sicher, ein ideales wie lehrreiches „Fallbeispiel globaler Prozesse“. Nur, welche Lehren die aus 20 Ländern eingeladenen Künstler aus ihrer Untersuchung schließlich gezogen haben, bleibt dem Besucher am Ende genauso verborgen wie die Arbeiten jener Türken, die bereits im Vorfeld die Schau boykottierten – wie sich nun zeigt, vermutlich sogar zu ihrem eigenen Glück.

Die Entrüstung der zehn Künstler sowie zweier Kuratoren, darunter Vasif Kortun, der die diesjährige – themengleiche – Biennale Istanbul mit ausrichtet, war groß: In einem offenen Brief warfen sie Christoph Tannert neben parteiischer Mittelvergabe und fragwürdiger Einladungskriterien vor allem ein fehlendes Konzept vor. Schließlich wehrten sie sich dagegen, im Namen des türkischen EU-Kandidaten womöglich Botschafter des guten Willens spielen zu müssen. Überhaupt seien sie Ausstellungen leid, die sich lediglich auf ihre nationale Herkunft beriefen (die ausführliche Dokumentation ist nachzulesen im Ausstellungskatalog sowie unter www.kunst-blog.com).

Letzteres freilich war wohl gerade nicht das Anliegen von Christoph Tannert, der vor allem auf Internationalität gesetzt hat, um so zum interkulturellen Klima einer Stadt wie Istanbul einen kuratorischen Bezug herzustellen. Und nur so ließe es sich gerade noch rechtfertigen, dass von den rund 60 beteiligten Künstlern neben 15 Filmemachern allein sechs aus der Türkei stammen, ja noch nicht einmal jeder von ihnen dort auch arbeitet.

Der Feldversuch ist kläglich gescheitert. Weder verfügt die Schau über eine klare, sinnvoll strukturierte Ordnung, noch kann sie mit einem bemerkenswerten künstlerischen Niveau glänzen. Ob Robert Scheipners Fliegender Teppich oder Via Lewandowskys Muezzin, der aus einer Kuckucksuhr heraus zum Gebet ruft, von Damien Deroubaixs DDR-Grenzturm mit leuchtenden Dönerspießen bis zu dem als „Türkenmobil“ aufgemotzten Mercedes des Dänen Jens Haaning – eine Plattitüde reiht sich an die nächste und bestätigt zu unserem Leidwesen eher altbekannte, westliche Klischees, als dass sie sie aufbräche oder hinterfragte.

Nur die wenigsten Beiträge wirken nachdrücklicher, gleichwohl sie von einer inhaltlich bündigeren wie gestutzten Gliederung gewiss profitiert hätten. So etwa Christine de la Garennes Videoarbeit, in der sie das islamisch-christliche Motiv der Gebetsschnur in ein überdimensionales, aggressives Bewegungs- und Rhythmusspiel katapultiert. Oder Ali Kepeneks abgelichtete Transsexuelle aus dem Nachtschwärmermilieu Istanbuls, die – hätte man sie anders gehängt – einen zeitnahen Kontrast zu den ganz anderen, geradezu poetisch-nostalgischen Istanbuleinblicken des 77jährigen Ara Güler herstellen würden. Doch so stolpert man von nebelverhangenen Bosporusbrücken, vorbei an virtuellen Waschungsszenen, geradewegs zu auf ein „Musterhaus“ aus Sperrmüll – und hat damit in nur wenigen Schritten die Themen Städtebau, Heimatgefühle, Religion und wohl noch vieles mehr abgelaufen.

Das Projekt Fokus Istanbul, der Auftakt einer Ausstellungstrilogie, die sich in ähnlicher Form mit Kairo und Mexiko City auseinandersetzen will, blickt also alles andere als scharf. Diffus ausgesucht, willkürlich aneinandergereiht und dann auch noch mit Klischees überladen, beschert die Schau uns vielmehr chaotische als irgendwelche urbanen Realitäten. Wer mehr wissen will, dem hilft nur noch eines: Auf nach Istanbul!


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