28. Oktober 2010
„Untitled (Ohne Titel)“ mit Trisha Donnelly, Famed, Friederike Feldmann, Andrea Fraser, Peter Friedl, Ull Hohn, Karl Holmqvist, Louise Lawler, Kirsten Pieroth, Karin Sander – NGBK, Neue Gesellschaft für Bildende Kunst, Berlin. Vom 23. Oktober bis 12. Dezember 2010
Seien wir ehrlich: Der allerheißeste Tipp für Kunsttouristen ist (West-)Berlins altgedienter Kunstverein, die Neue Gesellschaft für Bildende Kunst, nicht. Zumindest nicht für diejenigen, die gute zeitgenössische Kunst noch dazu gut, also kuratorisch schneidig und attraktiv präsentiert sehen wollen. In dieser Hinsicht wird man hier im kommerziellen Sektor fast schon traditionell weit besser bedient als hinter institutionellen Mauern. Wenn aber eine so schöne, tiefenscharfe und nicht unbedingt naheliegende Künstlerliste wie für die aktuelle, kokett „Untitled (Ohne Titel)“ titulierte Gruppenschau der NGBK ins Haus flattert, möchte man vor Freude schier aufjauchzen. Hier sind Klassiker und Newcomer, ewige Stars und notorische Geheimtipps bunt gemischt. Da treffen die kanonischen Institutionskritikerinnen Louise Lawler und Andrea Fraser auf Jungspunde des Metiers, wie das Leipziger Trio Famed. Da gerät das um möglichst passgenau austarierte Sperrigkeit bemühte Projekt Peter Friedls in die Nähe der ebenso bedeutungsschwanger auftretenden wie beiläufigen Gestenproduktion von Trisha Donnelly. Verkantet sich die fast vergessene, konzeptuell superkonzise Malerei des früh verstorbenen Ull Hohn mit den mal mehr, mal weniger am Kitsch vorbeischrammenden Konzept-Plattitüden von Karin Sander und Kirsten Pieroth. Und dann runden auch noch die Malerin Friederike Feldmann und der Sprach-, Sprech- und Inszenierungskünstler Karl Holmqvist diesen an Arbeitsweisen, ästhetischen Einzelqualitäten und künstlerischen Erfolgsaussichten ohnehin bereits ziemlich vielstimmigen Chor ab. So viel Chance war selten.
Aber sagen wir auch gleich: So toll diese Teilnehmerliste, so knackig auch die Mehrzahl der ausgewählten Arbeiten, es will aus „Untitled (ohne Titel)“ nicht so recht eine Ausstellung werden. Viel zu sehr gefällt sich diese Schau nämlich darin, ein – immerhin geistreiches, pfiffig gesetztes – Aperçu zu sein. Zu wenig ergänzen und befeuern sich die einzelnen Arbeiten; sie bleiben im launigen Konversationston miteinander verknüpft, aus dem viel zu selten spitze Bemerkungen herauszuhören sind. Ein argumentativ zwingender Schlagabtausch über Gründe und Perspektiven dieser thematischen Setzung wird nicht daraus.
Dabei ist der von Christin Lahr beigesteuerte (und von ihr zusammen mit Lena Ziese und Frank Wagner ausgearbeitete) Ausstellungsaufhänger für sich besehen recht interessant. Denn das Ausstellungskonzept beruht auf der Tatsache, dass der Werktitel „Untitled“ oder seine deutsche Übersetzung „ohne Titel“ – ein Gespann, das sich in zweisprachigen Publikationen immer besonders beckmesserisch, besonders redundant ausnimmt – in der gegenwärtigen Kunst zahlenmäßig am häufigsten vorkommt. Lahr hat dies in den Werkbeständen Berliner Sammlungen recherchiert und ihre Funde zu einem stattlichen Stück Fließtext-Wandtapete als didaktische Einführung in die Ausstellung zusammengestellt. Doch reicht diese Beobachtung tatsächlich, um daran eine, bzw. im konkreten Fall, diese Ausstellung anzuknüpfen? Ist sich „Untitled (ohne Titel)“ selbst, sozusagen als Grund und Perspektive, schon genug?
Der Rundgang lässt uns ein wenig ratlos zurück. Sicher machen wir in all diesen unbetitelten Arbeiten einen gemeinsamen Nenner, einen irgendwie konzeptuell begründeten Kern aus. Gerade die Maler aber fallen aus dieser Zusammenschau heraus. Ull Hohns Auseinandersetzung mit der professionellen Hobbykunst eines Bob Ross, mit dem eigenen Frühwerk, mit dem Objekt „Tafelbild“ etwa adressiert immer auch Grundfragen des Malerischen, die sich letztlich visuell einzulösen haben. Und auch Friederike Feldmanns Wandmalerei erschließt sich in ihrer Inversion von Grund und Figur bestens aus sich selbst heraus, auch wenn sie darüber hinaus noch Fragen weniger des Mediums Malerei als der Institution Kunst anschneidet. Bei den meisten anderen Arbeiten aber liegt der Fall anders. Wir ahnen, dass es bei Trisha Donnellys Ohne Titel (2007) – zwei auf dünnen Metallfüßchen stehenden Mahagonipaneelen, auf deren Innenseiten etwa bauchhoch merkwürdige Kratzspuren eingefräst sind – oder Peter Friedls blauer Neonleuchtschrift Ohne Titel (20 Years of Resistance) (2000) nicht um die Werke an sich geht, sondern um etwas über sie Hinausführendes. Um aber jenem Horizont möglicher Bedeutung näherzukommen, diesem vielleicht sogar imaginären Potenzial, wenden wir uns beinah instinktiv ratsuchend an den Titel. Und genau hier setzt die Verweigerungshaltung von Donnelly und Friedl an – der Titel hilft uns nicht. Damit beziehen sich beide auf die Errungenschaften der 1960er-Jahre, als sich die Grenzen und Kompetenzen der Kunst verschoben, sie als Zeichensystem zwischen Sicht- und Sagbarkeit neu formatiert wurde. Seit jenem Zeitpunkt müssen wir uns viel grundsätzlicher fragen, was wir da eigentlich sehen, wenn wir uns eine künstlerische Arbeit anschauen, und wo darin bitte schön die Kunst liegt.
Damals formierte sich, in rigider Abgrenzung zur abstrakten Malerei, die Minimal Art. In ihr gründet auch der Boom, Arbeiten willentlich und ganz dezidiert unbetitelt und den Betrachter mit dem Werk allein zu lassen. Diese fürs Fundament der Ausstellung unabdingbare Geschichte erzählt uns Tobias Voigts Katalogbeitrag mit beflissen akademischer Gründlichkeit. Daraus aber folgt die Konsequenz, eine künstlerische Praxis des unbetitelten Titulierens aus historischer Perspektive mit dem gegenwärtigen Stand der Dinge zu verschneiden. Allein, ihr mag sich die Schau nicht recht stellen. Sie begnügt sich mit dieser Versammlung recht verschiedener Werke, die sich allein im Titel – bzw. dessen Verweigerung – treffen, ohne die jeweiligen Gründe für diese Haltung näher zu beleuchten. Dabei macht die Ausstellung wenigstens deutlich, dass die gerade in dieser Titelproblematik nach wie vor aufscheinende Grenzziehung zwischen Sicht- und Sagbarkeit als Problem der Gegenwartskunst noch längst nicht ausgereizt ist. Betrachten wir die Schau also als Materialsammlung, aus der die Aufforderung zu weiteren, fundierteren Untersuchungen dieses eigentlich so originellen Themas erwächst.