13. April 2010
„Und vor | und zurück, nach | rechts und zurück, schwing | weit vor, zurück“, Halil Akdeniz, Erdag Aksel, Raphael Danke, Manuel Graf, Rita McBride, Carlo Mollino – Galerie Joanna Kamm, Berlin. Vom 13. März bis 24. April 2010
Manchmal sieht eine Ausstellung derart toll aus, dass man das Konzept dahinter glatt vergisst. Den Künstlern Raphael Danke und Manuel Graf ist dieses seltene Kunststück fast geglückt. Ich sage „fast“, weil die kuratorische Idee hinter den Rändern dieser äußerst raffinierten, in höchstem Grade artifiziellen und dabei ausgesprochen „künstlerischen“ Präsentation doch noch hervorlugt. Und vor allem, weil dieses gedanken- und referenzschwere Konzept um einiges bemühter ist, als es der souverän seltsame Chic der Schau vermuten ließe. Spätestens hier wird dann die ausgesuchte Schrägheit des episch langen Ausstellungstitels – „Und vor | und zurück, nach | rechts und zurück, schwing | weit vor, zurück“ – zur Drohung.
Es sieht toll aus, wenn die beiden Ausstellungsräume von Joanna Kamm mittels weißer Vorhänge – luftige, beinahe immaterielle Raumteiler – zu einzelnen „Compartements“ getrennt werden. Wenn sich in jedem dieser Abteile eine Anordnung aus einem Tischsockelchen samt sensationell aparter, teils archaisch, teils frivol anmutender Töpfereien findet, hinter denen Fotografien und Zeichnungen hängen. Wenn dann noch ein jedes dieser hoch erratischen Ensembles um einen nicht minder unergründlichen Titel – etwa Und | tief und vor, und | tief und rück. – ergänzt ist, der als feines Text-Layout auf cremefarbene Pappkärtchen gedruckt ist. Die Eleganz und Einheitlichkeit dieses Displays überrascht umso mehr, da es sich bei dieser Schau ja eigentlich um eine Gruppenausstellung handelt – „organisiert“ von Raphael Danke und Manuel Graf, wie die Presseankündigung dezidiert versichert.
Spätestens jetzt werden wir natürlich hellhörig. Skeptisch. Denn was trotz der heterogenen Elemente, von der großen, installativ-ortsspezifischen Geste bis in die letzten Spuren der handgetöpferten und selbst-glasierten Tongefäße hinein wie aus einem Guss, als ein großzügig komponierter Wurf erscheint, müsste sich dann doch aus verschiedenen Anteilen unterschiedlicher Autoren zusammensetzen. Anteile, die sich bei genauerem Studium der Exponate vielleicht auch entziffern ließen. Doch ganz so einfach ist das Ding nicht gestrickt. Was Danke und Graf als, im besten Sinne, Künstler-Kuratoren in Zusammenarbeit mit Halil Akdeniz, Erdag Aksel, Rita McBride und Carlo Mollino realisiert haben, lässt sich tatsächlich kaum unter der Rubrik kuratierter Gruppenausstellung einordnen. Vielmehr dreht es sich bei diesem Projekt um ein kollaboratives Produktionsmodell, ein mit seinen vielfältigen Implikationen sehr interessantes Capriccio über Autorschaft.
Tatsächlich beruhen jene von Danke und Graf gemeinschaftlich nicht nur konzipierten sondern sogar getöpferten Gefäße auf Zeichnungen und Fotografien, die sie sich von ihren Künstlerkollegen erbaten. Es sind also diese Vorlagen, die zusammen mit den paraphrasierenden Töpfereien oder, wenn man so möchte, geradezu künstlerischen Weiterentwicklungen jener Vorschläge von Akdeniz, Akel und McBride gezeigt werden. Mit einer Ausnahme: Springt her-um und, ruht euch aus-., kombiniert ein kleines, an der Wand befestigtes Tonobjekt mit einem Originalstuhl sowie einer Fotografie des 1973 verstorbenen, aber derzeit wieder recht massiv gehypten italienischen Designers, Architekten und passionierten (Erotik-) Fotografen Carlo Mollino.
So verführerisch gerade Mollinos Ensemble eines auf falschem Pelz besonders präzis in Szene gesetzten, handgemachten Design-Sonderlings samt der Vintage-Eleganz seiner Fotografie Woman on Chair (1950) aussieht: Spätestens hier fragen wir uns aber doch, ob der konzeptuelle Bogen dieser Schau nicht ein wenig zu überspannt ist, zumal das künstlerisch-kuratorische Prinzip dieser Schau bei Mollino ja aufgegeben werden muss. (Mit der Referenz Carlo Mollino hatte zudem erst 2009 Nairy Baghramian, die ja auch eine raffinierte Strippenzieherin ist, in der Staatlichen Kunsthalle Baden-Baden gepunktet.) Dass sich diese Ausstellung zudem im Grenzbereich von bildender und angewandter Kunst bewegt, hätte man auch so verstanden. Graf bemüht sich in seinem Text zur Ausstellung redlich, das Thema des (Ton-)Gefäßes gleichsam zur Grundsatzfrage nach der Anwendbarkeit, ja der Nützlichkeit von Kunst auszubauen. Allerdings zahlt er hierfür einen hohen Preis. Denn dieses Projekt, das so gekonnt – weil beiläufig – Fragen der Autorschaft, Produktion, Verwertung aber auch der Originalität triggert, das auf formaler Ebene mit Registern des Fetischhaften wuchert sowie implizit das Ambivalente zumal der Ware Kunst offenbart und das außerdem nach cutting edge fürs Hier und Heute aussieht – dieses Projekt erfährt durch die Analogiesetzung von Kunst und Körper plötzlich einen Twist in Richtung eines ziemlich flachen Symbolismus.
Vor diesem Hintergrund hilft dann auch der Hinweis nicht, dass die vier zugezogenen Künstler allesamt als Lehrer tätig sind bzw. waren. Dass die merkwürdigen Titel Zitate einer Gymnastikschule aus den 1920er-Jahren sind. Da hilft es auch nicht, wenn man unter der formenden Hand von Danke und Graf doch nach und nach die individuellen, teilweise aus der Biografie herrührenden Eigenheiten der einzelnen Künstler und ihrer Werke entziffern kann. Nun sackt diese wunderbare Ausstellung plötzlich zum überambitionierten Anliegen zusammen. Wiegen die einzelnen, konzeptionell überfrachteten Teile gegenüber ihrer ästhetischen Summe allzu schwer. Was wirklich schade ist. Denn ließe man die Ausgangsthese beiseite, hätte man eine wundervoll leichthändige Schau, die – wie gesagt – toll aussieht und in ihrem Umgang mit Entwurf und Ausführung, mit Kunst- und Gebrauchsobjekt genügend spannende und relevante Fragen aufwirft. Ihren kuratorischen Überbau hat diese Schau gar nicht nötig, nein, den hätte sie sich besser verkniffen.