Unbekannte Aquarelle von Otto Dix entdeckt

Dix-Schatz gehoben

Henrike von Spesshardt
25. August 2011

„Dix in Düsseldorf - Otto Dix und die Düsseldorfer Künstlerszene 1920-1925“ – Galerie Remmert und Barth. Vom 4. September bis 2. Dezember 2011

Wer einmal vor ihnen stand, der wird ihre den Sehsinn fast raubende Farbenpracht nie vergessen: Die großformatigen Aquarelle von Otto Dix gehören zum Sinnlichsten, was die Neue Sachlichkeit hervorgebracht hat. Bloße Abbildungen sind nicht in der Lage, die Kraft ihrer Schönheit wiederzugeben. Nun sind bisher unbekannte Arbeiten aufgetaucht. Die Düsseldorfer Galeristen Peter Barth und Herbert Remmert stießen bei Recherchen zu einer Ausstellung in jahrzehntelang ungeöffneten Mappen auf nie zuvor gesehene Aquarelle. Eine kleine kunsthistorische Sensation.

Mit meisterhaft nass-in-nass gemalten, veristischen Abbildungen von Dirnen, Matrosen, Versehrten und anderen Randfiguren der zeitgenössischen Gesellschaft begründete der Künstler in den 1920er-Jahren seinen Ruf als Bürgerschreck – und zugleich als Virtuoso der Aquarelltechnik. Ob ihrer Beliebtheit in intellektuellen Kreisen legten sie zudem das Fundament zum sehnlichst erwarteten wirtschaftlichen Erfolg Dix‘. Viele der Bilder entstanden während seiner Zeit in Düsseldorf. In die Rheinmetropole hatte es den Künstler 1922 nach dem Studium in Dresden verschlagen. Hier erhielt er ein Atelier, bewegte sich im Umfeld der Galeristin Johanna Ey und dem von Hans Koch, einem Arzt, der bald einer seiner größten Förderer werden sollte. Den störte es auch nicht, dass Dix ihm bereits im Jahr seiner Ankunft in Düsseldorf die Frau ausspannte. „Wenn Du sie mir wegnimmst, dann aber richtig“, so oder so ähnlich soll sein Ausspruch gewesen sein. Der Wunsch war Befehl, Dix heiratete Martha 1923 und blieb mit ihr bis zu seinem Tode 1969 liiert. Die Kinder aus erster Ehe Marthas, Martin und Hana Koch, wuchsen bei ihrem Vater auf.

artnet: Herr Remmert, Es klingt fast zu schön, um wahr zu sein: Bei den Vorbereitungen zu Ihrer am 4. September beginnenden Ausstellung zu Ehren des 120. Geburtstages von Otto Dix sind Sie auf bisher unbekannte Aquarelle des Künstlers gestoßen. Wie genau und wann kam es dazu?

Herbert Remmert: Gefunden haben wir die Aquarelle vor wenigen Wochen im Nachlass der Tochter von Martha Koch in Oberbayern. Zu ihr, Hana Koch, und ihrer Tochter hatten wir Kontakt, seitdem wir in unserer Galerie 1994 eine Ausstellung über den Arzt, Sammler und Kunsthändler Hans Koch durchgeführt haben. Er besaß eine der bedeutendsten Sammlungen mit Werken von Paul Klee und Ernst Ludwig Kirchner und führte ab 1917 - neben seiner Arztpraxis - in Düsseldorf Das Graphische Kabinett von Bergh & Co., in dem er Ausstellungen von Erich Heckel, Emil Nolde und vielen anderen Künstlern zeigte. Als wir Hana Koch und ihrer Tochter nun davon berichteten, dass wir eine Ausstellung zum 120. Geburtstag von Otto Dix zeigen wollen, kamen bei unseren Recherchen vor Ort bisher unbekannte oder verschollene Aquarelle, aber auch Zeichnungen zutage.

Um wie viele Aquarelle handelt es sich und wie lassen diese sich kunsthistorisch einordnen?

Genau gesagt handelt es sich um drei bedeutende Aquarelle aus Dix' Düsseldorfer Jahren 1922 und 1923 mit den Titeln Soubrette, Nächtens und Strich III. Diese Schaffenszeit gilt kunsthistorisch als die für Dix' Aquarelle wichtigste und auch produktivste Zeit. Zudem fand sich eine Vorarbeit, eine Aquarellstudie, zu dem wichtigen Gemälde Bildnis des Kunsthändlers Alfred Flechtheim von 1926, das sich heute in der Neuen Nationalgalerie in Berlin befindet.

Was geschieht nun mit den neuen, alten Arbeiten? Stehen sie zum Verkauf und falls ja: Was muss man dafür ausgeben, einen bisher unbekannten Dix zu erstehen?

Die wiedergefundenen Arbeiten, zu denen auch kleine Bleistiftzeichnungen gehören, die für den Bruder von Hana 1922 geschaffen wurden, sind nun erst einmal Teil unserer Ausstellung. Die Preise der Zeichnungen beginnen bei 3.800 Euro, die der Aquarelle bei 200.000 Euro.

Darf die Öffentlichkeit auf weitere Sensationsfunde hoffen oder sind nun alle Enkelinnen-Mappen geöffnet?

Entdeckungen gibt es immer wieder! Seit unserem letztjährigen Fund von George Grosz‘ Aquarell Deutschland ein Wintermärchen in besagtem Nachlass, wissen wir von einigen weiteren Arbeiten anderer Expressionisten, die dort ebenfalls noch vor sich hinschlummern.

Ihre Ausstellung widmet sich auch den Zeitgenossen von Dix. Was wird dort noch zu sehen sein?

Unsere Ausstellung wird anhand von 50 Werken von Otto Dix aus den 1920er-Jahren seine Bedeutung inmitten einer äußerst regen Künstlerschaft in Düsseldorf beleuchten. Wir können 30 grafische Arbeiten von Künstlern zeigen, die mit Dix befreundet waren, darunter Jankel Adler, Conrad Felixmüller, Otto Pankok, Karl Schwesig, Lasar Segall und Gert Heinrich Wollheim. Anschaulich und meist sehr humorvoll liest sich zudem über ein Dutzend illustrierter Briefe von Otto Dix, die er beispielsweise an Johanna Ey, Hans Koch oder Martha Koch schrieb und dem wir eine Wand unserer Galerie widmen werden.


Weitere Artikel von Henrike von Spesshardt


Feedback abgebenFeedback abgeben
Artikel druckenArtikel drucken