Überblick Kunstszene Syrien

Die Million liegt in der Luft

Mona Sarkis
29. September 2010

Khaled Sammaoui sitzt hinter seinen Telefonen. Es gilt, die neueste Vernissage in seiner im teuersten Viertel von Damaskus situierten Galerie Ayyam zu organisieren. Die Kunstaffinität unter den Syrern sei unterentwickelt, legt er zwischen zwei Anrufen dar. Doch den rosigen Kunsthändler, der an die fleischgewordene Globalisierung gemahnt, stört dies wenig: Sein Kundenkreis sei groß genug und reiche von Los Angeles über Basel bis Hongkong – Grund genug für den Mittvierziger, Filialen in Beirut und Dubai zu eröffnen.

Syriens Kunstszene gerät nach beschaulicher Isolation plötzlich ins internationale Rampenlicht, seit Christie’s Interesse an moderner Malerei im Mittleren Osten bekundete. 2005 eröffnete das Auktionshaus ein Büro in Dubai, gefolgt von Bonhams und Sotheby’s, das sich im vergangenen Jahr in Doha, Katar, niederließ. Die Folgen: Der vor nicht allzu langer Zeit noch unbekannte Iraner Farhad Moshiri erzielt Preise bis zu 600.000 US-Dollar, der Ägypter Ahmed Moustafa über 650.000 US-Dollar und Syriens Stars „verkauften früher eineinhalb Meter Leinwand für 3.000 und heute für 15.000 Dollar“, lacht Sammaoui. Längst wittert die Nase des Mannes, der früher Bankier in der Schweiz war, den Eine-Million-Dollarduft – innerhalb der kommenden fünf Jahre soll es so weit sein. Unbegründet ist das nicht, immerhin erzielte Christie’s im Jahr 2008 rund 300.000 US-Dollar für ein Gemälde von Fateh Al-Moudarres (1922-1999). Der Altmeister des syrischen Surrealismus zählt indes, ebenso wie Louay Kayyali (1934-1978) mit seinem beklemmenden Realismus und der Abstraktionspionier Mahmoud Hammad (1923-1988), zu den Lichtgestalten, obendrein zu den verstorbenen. Noch lebende Künstler backen, selbst so gefragte wie der 48-jährige Sammaoui-Protégé Safwan Dahoul, mit 10.00 bis 40.000 US-Dollar doch kleinere Brötchen.

Dies ist eine Entwicklung, über die nicht alle glücklich sind. Von Aus- und Abverkauf ist die Rede. Gerade Sammaoui, der, was internationale Händler losbrachen, erst so recht befördert, steht im Mittelpunkt der Kritik. Es sei ein offenes Geheimnis, dass er Kunst von Kommerz ableite, heißt es, was letztlich zu seiner Einmischung in Themenwahl und Stilistik geführt habe. „Er versucht die Werke quasi auf die Saloneinrichtung der Käufer abzustimmen“, erklärt Nazir Nabaa unumwunden.

Der 70-jährige Nabaa zählt zu den Altmeistern der „syrischen Kunst“ und resümiert, was diese eigentlich ist. Offiziell begann sie 1960 mit der Eröffnung der Damaszener Kunstakademie. Damals blühte jener figurative Surrealismus-Expressionismus auf, der das eigene Erbe visuell transzendieren will. Alles findet hier Eingang: das arabische Schattentheater und die flächige islamische Kunst, die weder Licht noch Schatten kennt. Die kanaanitischen Dämonen, die palmyrenischen Flügelwesen – und der das einstige wie jetzige Syrien prägende Sufismus. Im Unterschied zu anderen Regierungen verbannte der laizistische Staat diesen mystischen Islam, der auf Kriegsfuß mit dem buchstabenverhafteten Sunnismus steht, nie in den Untergrund. So strahlt auch er unter Syriens Sonne, die zu Komplementärfarbkompositionen anregt, die für eine europäische Netzhaut zumindest gewöhnungsbedürftig sind.

Es sind diese Figurationen von Nabaa und seiner Generation sowie die minder melodramatischen Werke eines Eduard Shahda, Asaad Arabi oder Fadi Yazji seit den 1980er-Jahren, die bis dato den Nachwuchs prägen. Feine Abstraktionen à la Abdullah Murad steckten indes nur wenige an. Das überrascht – tabuisiert doch die gängige Islaminterpretation menschliche Abbilder. Trotzdem ist nichts angesagter als Figuratives. Die Antwort liegt wohl darin: Der strenge Islam hat sich in Syrien nie flächendeckend durchgesetzt.

Von der Diktatur lässt sich dies hingegen nicht behaupten. So wundert es kaum, dass all das Abgebildete so recht unverfänglich wirkt. Gerade bei den Arbeiten des talentierten 26-jährigen Abdel Karim Majdal Al-Beik, der sich mit dem Thema Zeit und daher konkret mit alten Häusermauern befasst, könnte sich die Frage aufdrängen, warum das fehlt, was – nicht nur, aber eben auch – hinter diesen Mauern passiert. Etwa Ehrenmorde. Doch ganz abgesehen davon, dass dieses Verlangen nach einer politischen und sozialkritischen Kunst vielleicht nur ein sehr westliches Bedürfnis ist, muss man sich vergegenwärtigen, wo man sich befindet: in einem Staat, der seit 1963 mit eisernem Griff via Notstandsgesetze regiert wird.

Dennoch ist Syriens moderne Malerei keineswegs nur eine schöne und neuerdings lukrative Welle. Denn was zugleich in Gang gesetzt wurde, ist ein neues künstlerisches Selbstverständnis unter jungen Menschen. Das zeigt Hiba Al-Aqad. Fern aller hippen Szeneorte sitzt die 27-Jährige allein auf einem großen Haufen verschiedener Stoffe, die sie miteinander verklebt. Geradezu besessen will sie der flächig-toten Stofflichkeit Dimensionalität verleihen. Dies, so sagt sie, sei ihre Auseinandersetzung mit ihrem Erbe als Frau: Immer schon hätten nähende Frauen sie umgeben. Überhaupt ist Hiba mit den Frida Kahlo-Augenbrauen eine einzige Auseinandersetzung. Auf ihre streng konservative Familie, die Bilder für tabu und den Schleier zum Muss erklärt, redete sie so lange ein, bis diese ihren Gang zur Kunstakademie absegnete. Von den Professoren ließ sie sich in ihre Stoffcollagen ebenso wenig hineinreden wie von ihrem Angetrauten in ihr Leben. Nach siebenmonatiger Ehe legte sie ihn mitsamt ihrem Kopftuch ab.

Über das „Künstlerische“ besagt dies vorderhand noch nichts. So scheint es zumindest. Doch man sollte nicht unterschätzen, wie motivierend die rührige Galerie Ayyam trotz allem auf Händler wie Künstler wirkte. Immer mehr Ausstellungsforen eröffnen und bringen Jungtalente wenn schon nicht hervor, so doch zumindest zur Geltung. Ob es im Zuge dessen zu einer tiefgreifenden Bilderlust in der syrischen Gesellschaft kommt und damit zu einer langfristigen Entwicklung jenseits der Sammaouischen Kommerzparameter, bleibt abzuwarten. Das Potenzial jedenfalls existiert, wie das Beispiel Hibas zeigt.


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