Über die Entwicklung politischer Kunst in China abseits des Phänomens Ai Weiwei

Der eine und die anderen

Andreas Schmid
22. Juli 2011

Je prägnanter die Art der Kritik Ai Weiweis in den letzten Jahren am chinesischen Staat und seinen Versäumnissen ausfiel, desto stärker wurde über ihn geschrieben und umso weniger konnte man über andere, ebenfalls politisch aktive Künstler aus China lesen. Eine Tatsache, die schon während der Teilnahme des Künstlers an der documenta 12 im Jahr 2007 zu beobachten war. Die Medien beschränkten sich damals in ihren Berichten über Teilnehmer aus Asien weitgehend auf diesen einen Künstler und seine spektakulären Aktionen. Die Präsenz anderer chinesischer Künstler schien dagegen gar nicht wahrgenommen worden zu sein. Vielen Medien und Kunstkritikern scheint Ai Weiwei bis heute als der Repräsentant chinesischer Gegenwartskunst für eine Auseinandersetzung mit dieser auszureichen, zumal der Künstler überdies unsere eigene, die westlich-kritische Position in Bezug auf Menschen- und Bürgerrechte, formuliert und sich in seinem an Joseph Beuys erinnernden Künstlersein ohnehin gut zur Heldenstilisierung eignet. Dass Ai Weiwei ein in seiner komplexen Weise außergewöhnlicher Künstler ist, steht außer Frage und auch, dass er nach seiner Verhaftung unserer Solidarität bedurfte. Die vornehmliche Fokussierung auf Ai Weiwei wird der Situation der Kunstausübung in China jedoch nicht gerecht, sondern verkennt die seit Jahrzehnten geübte Kunstpraxis engagierter Künstlerinnen und Künstler, die sich mit Aktionen, Artikeln, Performances und Installationen ebenfalls gesellschaftspolitisch äußern. Ai Weiwei haben sie damit erst den Boden bereitet, auf dem der Künstler sich seit 1994 bewegt.

Chinesische politische Kunst in den 1980er-Jahren

In den 1980er-Jahren fiel der Großteil der künstlerischen Äußerungen in China politisch aus. Es ging um die Erkämpfung selbstbestimmter künstlerischer Aussage in einer sehr autoritären und parteidominierten Gesellschaft generell. Die Gruppe der experimentellen Künstler war damals jedoch überschaubar und noch gut durch offizielle Stellen zu kontrollieren. Der Künstler Yan Li etwa, 1954 geboren und wie Ai Weiwei Mitglied der „Sterne – Gruppe“, wurde allein aufgrund abstrakter Bilder drangsaliert und 1984, kurz vor dem Besuch des damaligen amerikanischen Präsidenten Ronald Reagan, präventiv für 10 Tage ins Gefängnis gesteckt. Allein die Art der bildnerischen Formulierung künstlerischer Möglichkeiten konnte damals bereits gefährlich sein. Die humorvoll-radikalen Aktionen Huang Yong Pings und seiner Gruppe Xiamen Dada, darunter die Verbrennung von Malereien oder eine Ausstellung von vermeintlichem Müll im Museum in den Jahren 1986 und 1987, provozierten durch die ihnen innewohnende Freiheit und aufleuchtende Erweiterung des Kunstbegriffs gängige Denkgewohnheiten und mithin die Partei. Die Mehrzahl der in den 1980er-Jahren entstandenen Arbeiten behandelte gesellschaftspolitische Themen überwiegend in einer verklausulierten Weise, die für viele Chinesen zwischen den Zeilen lesbar war.

Die 1990er-Jahre

Die wachsenden und rasanten Veränderungen in China sowie zunehmendes internationales Interesse führten in den 1990er-Jahren zu einem immer stärkeren Anwachsen der Künstlerschaft, zu einer explosionsartigen Verbreiterung der künstlerischen Medien sowie zu erweiterten Arbeits- und Ausstellungsmöglichkeiten. Vor allem die großen Zentren im Osten und Süden des Landes profitierten von dieser Entwicklung. Der internationale Boom chinesischer Zeitgenossen führte auch dazu, dass sich der chinesische Staat seit Ende der 1990er-Jahre nicht mehr generell gegen seine experimentellen Künstler stellte, sondern sie gewähren lies und gegebenenfalls an diesen mitverdiente. Alles konnte man jedoch auch nicht dulden. Anfang der 1990er-Jahre produzierte der 1957 geborene Künstler Zhang Peili Malereien und Videos, die kritisch mit den Slogans der Partei umgingen und diese konterkarierten. Nach dem Massaker auf dem Platz des Himmlischen Friedens im Juni 1989 riskierten Zhang Peili und sein Freund Geng Jianyi, geboren 1962, in mutigster Weise unabsehbare persönliche Folgen, als sie ein Protestbanner mit Darstellung toter Menschen an einer zentralen Kreuzung der Stadt Hangzhou gut sichtbar aufhängten. Sie kamen erstaunlicherweise mit nur einigen Tagen Gefängnis davon. Nicht alles muss so relativ glimpflich ablaufen, doch wenn man von eindeutig massiv kritischen politischen Stellungnahmen und pornografischen Arbeiten absieht, ist seit den 1990er-Jahren künstlerisch in China manchmal mehr möglich als in Deutschland.

Ais Weg der Konfrontation

Seit dem rasanten Aufstieg des Kunstmarktes in den 1990er-Jahren wagen weitere chinesische Künstler den Schritt, sich pointiert mit gesellschaftspolitischen Fragen zu beschäftigen. Dabei geht man höchst unterschiedlich und zumeist sehr chinesisch vor: Probleme werden selten direkt ausgesprochen, sondern vielmehr multidimensional verpackt – hierin liegt auch der Unterschied zu einem Künstler wie Ai Weiwei, der gezielt Skandale aufgreift und unter Nutzung neuester Medien ständig direkt benennt. Keines der Vorgehen ist richtiger oder weniger richtig, doch die unterschiedlichen Herangehensweisen erreichen die Gesellschaften national wie international auf andere Art und Weise, bzw. überhaupt. In China befremdet viele der Weg der ständigen, direkten Konfrontation, da er nicht dem üblichen chinesischen Vorgehen entspricht und als westlich gilt. Dass dieser Weg zudem gefährlich sein kann, beweist die Festnahme Ai Weiweis trotz des Schutzes durch ständige Präsenz und Bekanntheit auf internationaler Bühne. Das Vorgehen der chinesischen Behörden in diesem Fall ist seit Jahrzehnten unverändert: Zunächst lässt man die Künstler einige Zeit gewähren, dann greift man sich exemplarisch einen heraus, der anschließend beispielhaft und abschreckend behandelt wird. So meinen viele Künstlerfreunde Ai Weiweis, dass jedem, einschließlich seiner eigenen Person, klar war, dass es nur eine Frage der Zeit sein könne, bis er festgenommen würde. Eben diese Freunde führen die in chinesischen Kreisen als schnelle Freilassung Ai Weiweis empfundene Gefängnisentlassung auf Richtungskämpfe innerhalb der Partei selbst zurück und sind der Überzeugung, der Künstler werde in einigen Jahren sogar offiziell angesehen sein.

Heutige politische Künstler

Dass zurzeit in China wieder einmal ein eher rauer kultureller Wind herrscht, darf nicht darüber hinwegtäuschen, dass viele Künstler, Kuratoren, Galeristen und Vermittler weiterhin ausgezeichnete und offene Arbeit leisten. Als Künstlerbeispiele seien stellvertretend für andere die Künstlerin Yin Xiuzhen, sowie die Künstler Song Dong, Wang Jianwei und Qiu Zhijie genannt. Mit ihren Arbeiten und ihren kritischen künstlerischen Kommentaren eröffnen sie ein ganzes Spektrum von Möglichkeiten, die auf kreative Veränderungen in der chinesischen Gesellschaft zielen. Alle diese Künstler unterschiedlicher Generationen bewegen sich auf nationalem wie internationalem Parkett: Sie entwickeln ihre Arbeiten in China und stellen auch dort unter anderem bei Biennalen und in einheimischen Häusern wie dem Ullen Center for Contemporary Art in Peking oder dem Shanghai Zendai Museum of Modern Art aus. Gleichzeitig waren und sind sie mit ihren Arbeiten und Aktionen auch international eingebunden. Doch wird sind die Genannten und was zeichnet ihr Schaffen aus?

Yin Xiuzhen

Yin Xiuzhen ist eine der international wie national wichtigsten Künstlerinnen Chinas. Sie hat zu Mitte der 1990er-Jahre als eine der dortigen ersten Künstler Geschlechter- und Umweltfragen zum Gegenstand ihrer künstlerischen Auseinandersetzung gemacht: So ließ sie in Chengdu im Jahr 1995 aus dem Fluss entnommenes Dreckwasser einfrieren und zu einem großen Eisstoß aufstapeln. Danach forderte sie Passanten dazu auf, diesen Block mit bereit gestellten Feudeln zu reinigen. Kurze Zeit später entwickelte sie mehrere Arbeiten mit Dachziegeln aus Resten zerstörter traditioneller chinesischer Wohnhäuser der Pekinger Hutongs. Das zunehmende Verschwinden traditioneller Musiker aus dem öffentlichen Leben Pekings machte sie zum Gegenstand ihrer Arbeit Pekingoper von 2000, die sie mit Original-Audioaufnahmen unterlegte. Die Betrachter des Werks setzte sie auf traditionelle Hocker, die heute ebenfalls aus dem Stadtbild verschwunden sind. Yin Xiuzhen trat und tritt stets als aufmerksame kritische Beobachterin des gesellschaftlichen Wandels auf und betrieb so beharrlich Erinnerungsarbeit. Für die Fertigung der jüngst in der Galerie Alexander Ochs in Berlin präsentierten Arbeit One Sentence sprach sie 108 Personen an, die ihr ein eigenes Kleidungsset, von der Unterwäsche bis hin zu Jacke oder Mantel, als eine Identität überließen. Diese Identitäten wurden anschließend von der Künstlerin jeweils in große Filmrollenbehälter von innen nach aussen eingerollt. Danach setzte diese die entstandenen, flottierenden Inseln menschlicher Identitäten auf dem Galerieboden als Erinnerungsbilder aus.

Song Dong

Yin Xiuzhens Mann, der Künstler Song Dong, hat sich ebenfalls mit einer ganzen Reihe von Performances, Videos und Installationen einen Namen in der nationalen wie internationalen Kunstwelt gemacht. 2008 war ihm eine eindrucksvolle Retrospektive im Shanghai Zendai Museum of Modern Art gewidmet. Seine künstlerische Grundhaltung basiert auf dem Respekt vor der Natur und speist sich aus der taoistischen Tradition des nicht angepassten Lebens, welches er in seine Kunstwerke und in die chinesische Gesellschaft einbringt. Breathing von 1996 beispielsweise besteht aus zwei Fotografien, die den Künstler während Performances an zwei bekannten Orten in Beijing zeigen: Auf dem berühmten Tiananmen-Platz liegend, auf dem er bei winterlichen Temperaturen um minus neun Grad Celsius 40 Minuten lang den Boden beatmete und damit eine Eisschicht schuf; die zweite Aufnahme zeigt den Künstler beim gleichen Versuch bei ähnlichen Konditionen auf dem Hou Hai-See, nicht weit vom Tiananmen-Platz entfernt. Trotz 40-minütigem Anhauchens blieb der Boden so vereist wie zuvor. Diese Entmystifizierung eines politisch sehr aufgeladenen Platzes, der vom Staat allein für seine Machtdemonstrationen beansprucht wird, stellte ein Wagnis bei der Durchführung und im Ergebnis dar. Der Künstler selbst interpretiert das unterschiedliche Ergebnis mit seinem Verhältnis zu diesen Orten: Zum See harmonisch, zum Tiananmen-Platz angespannt.

Wang Jianwei

Wang Jianwei betreibt seit Mitte der 1990er-Jahre gesellschaftliche Forschungsarbeit, deren Ergebnisse sich dann in Filmen oder Videoinstallationen wiederfinden. Seine Arbeit lässt sich ganz umfassend als gesellschaftliche wie kulturelle Recherche verstehen, die teilweise Jahre in Anspruch nimmt und sich in komplexen Arbeiten widerspiegelt. So recherchierte der Künstler über ein Jahr lang die Situation und den Alltag in einem Teehaus in Sichuan, den er anschließend fast wie in einem Dokumentarfilm in einem Video präsentierte. Die Arbeit wurde 1997 auf der documenta X gezeigt. Ende der 1990er-Jahre drehte er Living Elsewhere: In einer Art Sozialrecherche zeigt er dort die schwierige Situation von vier Bauern, die ihr Dorf verlassen haben und sich in verlassenen Bauruinen am Rand einer Schnellstraße nach Chengdu um ein neues Leben bemühen. Seit einigen Jahren werden die Videos Wang Jianweis, der nun mit Laiendarstellern arbeitet, immer mehr zu einer Art gesellschaftlichen Theaters. In stark stilisierten und grell beleuchteten Szenerien führt er Alltagsituationen der chinesischen Gesellschaft auf, darunter Szenen auf dem Bau, in Arbeiterunterkünften, dem Sport oder bei politischen Kadern, stellt diese hochstilisiert nach und verändert sie langsam. Nicht selten enden die Filme in einer Katastrophe. Fast zeitgleich mit Ai Weiweis Verhaftung Anfang April 2011 zeigte Wang Jianwei im Ullens Center for the Arts in Beijing in einer Riesenhalle seine neueste Videoarbeit Yellow Signal. Die Arbeit, die ebenfalls mit Szenen aus unterschiedlichen Alltagssituationen arbeitet, so beim Tischtennisspielen, vor Gericht, bei der Reihenuntersuchung oder im Schlafsaal, ist auch von Seiten der Klanggestaltung her in ihrer Ambivalenz und untergründigen Gesellschaftskritik äußerst präzise und gelungen. Wangs Beobachtungen der Ohnmacht des Einzelnen gegenüber der Kontrolle durch Staat und Spitzel verfremdet sich hier künstlerisch überzeugend ins Theatralische. Die Szenen verändern sich ruhig und werden gleichzeitig beunruhigender. Gerade durch die Stilisierung und Abgehobenheit kommt jedoch die Gefährdung umso deutlicher zum Vorschein und entfaltet beim Betrachter ihre starke Wirkung. Dass die Eröffnung der Installation in Beijing zeitgleich mit der Verhaftung Ai Weiweis stattfand und durchgeführt werden konnte, zeigt auch die Vielschichtigkeit der zeitgleich existierenden Realitäten in der heutigen chinesischen Gesellschaft.

Qiu Zhijie

Die Methode einer umfassenden gesellschaftlichen Recherche nutzt ebenfalls der Künstler Qiu Zhijie, der 1969 geboren wurde. Er unterrichtet in der renommierten Nationalakademie in Hangzhou „Total Art/ Experimentelle Kunst“ und ist in China seit Mitte der 1990er-Jahre als Künstler wie auch als Kurator an die Öffentlichkeit getreten. In den letzten Jahren umfassen seine künstlerischen Projekte alle möglichen Spielarten künstlerischer Ausdrucksformen. Sie sind das Ergebnis mehrjähriger, teils wissenschaftlicher Forschungen. Die Recherchen zu der längsten Brücke Chinas in Nanjing, die einerseits die Vorzeigebrücke par exellence ist, gleichzeitig aber die höchste Suizidrate der Welt aufweist, führt seit mehreren Jahren zu einer unglaublich reichen und komplexen Arbeit. Sie ist historisch, soziologisch, sozial engagiert und künstlerisch mit Zeichnungen, Postern, Archiven, skulpturalen Objekten, Aktionen und Installationen weit gefächert. Ein Teil der Ergebnisse dieses anspruchsvollen Projektes war in Deutschland im Oktober 2009 unter dem Titel Twilight of the Idols im Haus der Kulturen der Welt in Berlin zu sehen. Pech für den Künstler, dass gleichzeitig Ai Weiweis‘ Ausstellung „So Sorry“ im Haus der Kunst München sämtliches mediales Interesse an chinesischer Kunst absorbierte, sodass diese hervorragende Ausstellung kaum beachtet, geschweige denn ausreichend besprochen wurde.

Jüngste Generation

Leicht könnte man noch etliche Künstler nennen, die sich in ihren künstlerischen Arbeiten zu gesellschaftlichen Themen äußern, wie etwa den Filmemacher Yang Fudong (Jg. 1971), der in seinem Film Out of Que Village 2008 die hoffnungslose Situation vieler Menschen in Dörfern im Norden Chinas an einem Beispiel ergreifend schildert oder Ou Ning (Jg. 1969), der mit der Künstlerin Cao Fei (Jg. 1978) und deren Filmcrew den wunderbar leichten und gleichzeitig tiefgründigen Film San Yuanli gedreht hat. In ihm werden die teilweise grotesken baulichen Veränderungen entlang des Perlflusses deutlich. Im Mittelpunkt des Films steht das Dorf San Yuanli, das sich erfolgreich gegen die Übernahme durch Investoren gestemmt hat. Der Film wurde 2003 auf der Biennale von Venedig mit großem Erfolg gezeigt. Alle aufgeführten Beispiele verdeutlichen, dass das Spektrum der politisch agierenden Künstler in China wesentlich größer und vielfältiger ist, als es manchmal den Anschein hat. Es bedarf nur der Bereitschaft, einmal genauer hinzusehen. Das Ergebnis ist in jedem Fall lohnend!


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