Über das positive Image von Kunstfälschern

Die Gunst des Fälschens

Henrike von Spesshardt
3. Juni 2011

Die Anklage im Fall „Sammlung Jägers“, dem wohl größten aller jemals aufgedeckten Kunstfälschungsfälle der Nachkriegszeit, wurde in der vergangenen Woche in Köln erhoben.

Dem angeklagten, mutmaßlichen Fälscher Wolfgang B. drohen bis zu zehn Jahre Haft. Kein Pappenstiel, denn das Fälschen von Kunst ist nach § 107 UrhG (Unzulässiges Anbringen der Urheberbezeichnung), §§ 263 (Betrug) und 267 StGB (Urkundenfälschung) eine Straftat. In der öffentlichen Wahrnehmung fällt das Urteil gegenüber dem Fälscher dennoch oft milde aus. Vielen gilt das Kopieren und in Umlaufbringen gefälschter Kunstwerke als Kavaliersdelikt, wohl auch weil die Geschichte dieses Vorganges den Menschen schon so lange begleitet wie die Kunst selber.

Die Geisteshaltung, Fälschungen nicht alleine gut zu heißen, sondern sogar zu bewundern, ist nämlich nicht besonders neu. Schon Phedrus schrieb im 1. Jahrhundert n. Chr. anerkennende Verse über Kunstfälschungen, die zu Zeiten des Kaiser Augustus die Vorliebe für Antiquitäten befriedigen sollten. Gleich ein ganzer Abschnitt der Kunstgeschichte ist bekanntermaßen dem Ideenklau gewidmet. Die Renaissance, auf Deutsch „Wiedergeburt“, schuf Originale auf Basis der Wiederaufnahme bereits bestehender Ideen und Schöpfungen, die zum Teil ergänzt oder erweitert wurden. Den sich wohl vor allem selber so bezeichnenden „König der Fälscher“ Edgar Mrugalla, 1990 rechtskräftig wegen unerlaubter Verwertung urheberrechtlich geschützter Werke zu zwei Jahren auf Bewährung verurteilt, lud das Schleswig-Holsteinische Ministerium für Wissenschaft, Wirtschaft und Verkehr 2007 gar zum Vortrag mit anschließendem Sektempfang ein. Eine schöne kleine Ausstellung mit den Subtiteln „König der Fälscher“ und „Mehr Kunst. Mehr Wirtschaft“ hatte man dem Straftäter mit Steuermitteln ausgerichtet. Und das alles zu einer Zeit, als man sich laut über zunehmende Kopien guter deutscher Technologiekunst aus Asien echauffierte.

Kunstfälschen ist eben etwas anderes. Wohl nur raffinierten Bankräubern und akrobatischen Juwelendieben kommt ein ähnlich positives Image zu. Gleich ein ganzes Fälschermuseum gibt es in Wien. In der Gunst des Publikums ganz oben steht dabei der Nachahmer des Originals, bestenfalls eines Gemäldes. Fälscher von Signaturen, auch davon gibt es eine Menge, von Handwerkskunst oder Antiken sind weniger beliebt, vielleicht auch weniger bekannt, weil weniger aufsehenerregend enttarnt.

In Vladimir Nabokovs 1966 erschienen Novelle „Die Venezianerin“ ist der Fälscher Sohn reicher Eltern, der den eigenen, Kunst sammelnden Vater mit genialen Gemäldeschöpfungen hinters Licht führt, sein Können dabei jedoch als Last empfindet und einen wahren Gräuel hegt gegen „jene langhaarigen, ehrgeizigen Idioten in Samtjoppen, die, nervös und schwächlich, einzig und allein ihrer verschmierten Palette ergeben sind“. Der Fälscher als Verzweiflungstäter.

Ähnlichen Mustern folgt die öffentliche Wahrnehmung. Hier ist der Fälscher häufig ein eigentlich hochtalentierter Künstler, den sein Kunstumfeld, aus welchen Gründen auch immer, nicht versteht oder am Aufstieg hindert. Manch krimineller Kopist hat solche Klischees befördert. Auch Mrugalla, der sich in anmaßender Selbstüberhöhung auf der offenbar von seiner Tochter verwalteten Homepage als „verfemt“ bezeichnet, ist von der echten Kunstwelt angeblich immer nur betrogen worden. „Da er die Werte von Antiquitäten und Gemälden nicht einschätzen kann, luchsten ihm Berliner Kunsthändler Gemälde für wenig Geld ab“, heißt es über die Anfänge seiner Tätigkeit als Händler. Auch später ist Mrugalla selbstverständlich immer nur Opfer, nie aber Täter.

Am Fall Mrugalla lässt sich vieles von dem ablesen, was die vielbeschworene „Fälscherpersönlichkeit“ ausmacht. Eine gehörige Portion Eitelkeit gehört jedenfalls dazu, getreu dem Motto: Ich fälsche, also bin ich. Filme wie Orson Welles F wie Fälschung (1973), Die Thomas Crown Affäre (1999) oder Incognito (1997) befeuern das Bild vom kriminellen Gentleman. Wolfgang Lämmle, Edgar Mrugalla, Konrad Kujau oder Elmyr de Hory – sie alle haben sich auch in Form eigens oder von anderen geschriebener Biografien selbstverständlich längst verewigt. Und auch an Wolfgang B., den gerade aktuellen Meisterfälscher, sind die Verlage sicherlich schon herangetreten, auf dass ein möglichst spannendes und dabei noch wahres Gaunerstück dabei herauskomme.

Dabei droht das positive öffentliche Image zu überschatten, worum es wirklich geht: Schotter, Schmalz und jede Menge Bimbes. Der erste Anreiz des Kopisten ist nämlich selbstverständlich ein pekuniärer und erst durch die betrügerische Absicht, die sich in der Absicht äußert, Gewinn zu erzielen, wird der Fälscher überhaupt zum Straftäter. Das aber passt nicht ins Bild des edlen Wilden. Der Kopist als der bessere Künstler. Der Kriminelle als besserer Mensch?

Zur Schau getragener, hemmungsloser Besitzwille und die Entschlossenheit, astronomische Summen für Schmierereien auszugeben, schrecken all diejenigen ab, die mit der vermeintlich per se antibürgerlichen Kunstwelt sowieso noch nie etwas anfangen konnten. Irgendetwas sammelt wohl jeder, das Sammeln von Kunst jedoch ist vielen Menschen, trotz zunehmender Popularisierung des Prestigehobbies, völlig fremd. Ihre Entstehung erst recht, zumal, wenn es sich um andere Motive als Das Mädchen mit dem Perlohrring oder Die Toteninsel handelt. In der Schadenfreude über den übers Ohr gehauenen Sammler paaren sich Unverständnis für die Begeisterung für Kunst an sich ebenso wie die Lust an der eingetretenen, totalen Relativierung des schöpferischen Genius’. Kunstfälschen ist wohl der Schelmenstreich im klassischsten Sinne. Siehst Du mal, das kann eben doch jeder! Folgt man den Vorbehalten der Normalos, sind Künstler sowieso alle Spinner. Und der Fälscher derjenige, der ihnen und all ihren Anhängern den Spiegel vorhält. Ein Robin Hood fürs Stammtischgespräch. Den geistigeren Sympathisanten des Fälschers mag vor allem die durch die gute Kopie aufgestellte Antithese reizen.

Doch einen Buhmann muss es am Ende der Geschichte geben: Dem Helfershelfer schlägt, sei er nun wissend oder unwissend, Händler oder Auktionator, meist weniger Wohlwollen entgegen als dem Fälscher selber. Seit Monaten muss Henrik Hanstein, Inhaber des Auktionshause Lempertz in Köln, Häme über sich ergehen lassen, denn sein Haus ist maßgeblich auf die Fälschungen des im Fall „Sammlung Jägers“ angeklagten Wolfgang B. hereingefallen. Dass auch andere Auktionshäuser mutmaßlich gefälschte Werke anboten, findet kaum Erwähnung. Da hilft es auch nicht weiter, dass Hanstein Ende Mai laut die Anschaffung eines luxuriösen Apparates zur Erkennung gefälschter Kunstwerke verkündete. Als Einzelperson, mit reiner Weste oder auch nicht, taugt er einfach zu gut als Inkarnation des Bösen - und einen Bösewicht muss es nun einmal geben im Spiel um Original und Betrug. Der Fälscher selber ist es ja nun nicht.


Mehr im Dossier  Kunst und Fälschung

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